Hoch über dem Harz, zwischen den zerklüfteten Felsen der alten Burg Regenstein, soll sich nach einer düsteren Überlieferung das Schicksal einer jungen Frau abgespielt haben. Ihre Geschichte erzählt von der Macht eines Grafen, von Gefangenschaft, Verzweiflung und einem Geist, der nach seinem Tod keine Ruhe finden konnte.
Der Sage nach lebte einst ein mächtiger Graf auf der Felsenburg Regenstein. Er war ein angesehener, aber zugleich gefürchteter Herr, dessen Wort auf der Burg Gesetz war. Eines Tages begegnete ihm eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, deren Schönheit und selbstbewusstes Wesen seine Aufmerksamkeit erregten. Der Graf begehrte sie und verlangte, dass sie ihm folgen solle.
Doch die junge Frau widersetzte sich. Sie wollte ihre Freiheit nicht aufgeben und wies seine Annäherungsversuche zurück. Der Graf soll ihre Ablehnung nicht ertragen haben. Von seinem Stolz und seiner Macht überzeugt, ließ er sie gegen ihren Willen auf die Burg bringen.
Dort wurde sie in einem abgelegenen Teil der Felsenburg gefangen gehalten. Tief im Sandstein, fern vom Tageslicht, lag ihr Verlies. Nur selten drangen Stimmen oder Geräusche von der Burg zu ihr hinunter. Wasser und etwas Brot waren ihre einzige Versorgung.
Doch die Gefangene gab ihren Widerstand nicht auf. Sie hoffte weiterhin auf ihre Rettung und soll immer wieder versucht haben, einen Weg aus dem Felsenverlies zu finden. Die Sage erzählt, dass ihre Kräfte schließlich nachließen. Kälte, Einsamkeit und Verzweiflung wurden stärker, und die junge Frau starb schließlich in ihrer Gefangenschaft.
Doch mit ihrem Tod, so erzählt es die Überlieferung, endete ihre Geschichte nicht.
Seit jener Zeit soll in den Ruinen des Regensteins eine geheimnisvolle Gestalt erscheinen: eine Weiße Frau, gekleidet in ein langes, helles Gewand. Besonders in stillen Nächten, wenn der Wind durch die Felsspalten zieht und die alten Mauern im Mondlicht liegen, soll sie zwischen den Ruinen gesehen worden sein.
Manche Erzählungen berichten, sie wandere schweigend durch die alten Gemäuer und verschwinde plötzlich in einem Felsengang. Andere verbinden ihre Erscheinung mit den unterirdischen Räumen und den tief in den Sandstein geschlagenen Kammern der Burg.
Am stärksten aber ist sie mit dem Grafen verbunden, der sie einst gefangen hielt. Der Sage nach soll ihre ruhelose Erscheinung ihn bis an sein Lebensende verfolgt haben. Wenn nachts Schritte durch die Burg hallten oder ein weißer Schatten an den Mauern vorüberzog, glaubte man, der Geist der jungen Frau sei zurückgekehrt, um den Mann an seine Schuld zu erinnern.
So wurde aus der Gefangenen die Weiße Frau vom Regenstein – eine Gestalt zwischen Erinnerung, Schuld und Spuk.
Ob jemals eine solche Frau tatsächlich auf dem Regenstein gefangen gehalten wurde, lässt sich historisch nicht sicher nachweisen. Die Geschichte gehört vielmehr in die Welt der Harzer Sagen, in der reale Burgen, historische Adelsgeschlechter und frei ausgeschmückte Erzählungen miteinander verschmolzen. Gerade die dunklen Felskammern und unterirdischen Gänge des Regensteins boten dafür einen besonders eindrucksvollen Schauplatz.
Der Regenstein bewahrt bis heute zahlreiche Sagen. Ältere Sammlungen nennen unter anderem Geschichten über die Ahnfrau auf dem Regenstein, über den Namen des Berges, über geheimnisvolle Steine und über Vorgänge in und um die Felsenburg.
Die Geschichte der Weißen Frau fügt sich deshalb vor allem als spätere oder lokal überlieferte Spukgeschichte in den sagenhaften Charakter des Regensteins ein – nicht als historisch belegtes Ereignis.
Und noch heute kann man sich beim Anblick der dunklen Felskammern vorstellen, wie leicht an einem solchen Ort die Grenze zwischen Geschichte und Sage verschwimmen konnte.