Die Sage der Burg Falkenstein



Tief im Selketal, unterhalb der mächtigen Burg Falkenstein, soll einst ein geheimnisvolles Wesen gelebt haben: der Schlangenkönig. Anders als viele böse Gestalten der Harzer Sagenwelt galt er zunächst nicht als Feind der Menschen. Er lebte zurückgezogen in einer Höhle und zeigte sich nur selten. Die Menschen wussten von seiner Existenz und ließen ihn in Ruhe.

Der Schlangenkönig wurde als außergewöhnliche Schlange beschrieben, die eine kostbare goldene Krone auf dem Kopf trug. Diese Krone war nicht bloß ein Schmuckstück. Nach dem alten Volksglauben verlieh sie ihrem Träger besondere Macht und kennzeichnete ihn als Herrscher über das Schlangenreich.

Die Krone des Schlangenkönigs

Wenn der Schlangenkönig seine Höhle verließ, soll er sich gelegentlich vor dem Eingang niedergelassen haben, um die Opfergaben zu verzehren, die ihm die Menschen gebracht hatten. Dabei legte er seine goldene Krone auf ein helles Tuch.

Dieses Verhalten blieb nicht unbeobachtet.

Die Grafen, die auf der Burg Falkenstein herrschten, hörten von dem kostbaren Schmuckstück. Die Vorstellung, eine goldene Krone zu besitzen, weckte ihre Habgier. Sie wollten das geheimnisvolle Kleinod unbedingt an sich bringen.

So fassten sie einen Plan.

Der heimtückische Diebstahl

Die Grafen wussten, dass der Schlangenkönig besonders gern Fleisch fraß. Deshalb ließen sie ein Rind schlachten und brachten ein großes Stück Fleisch in die Nähe seiner Höhle. In einer anderen Überlieferung wird erzählt, dass sie die Krone durch ein an dem Tuch befestigtes Seil an sich ziehen wollten.

Die Männer versteckten sich und warteten.

Nach einiger Zeit erschien der Schlangenkönig. Er kroch aus seinem Versteck und näherte sich der ausgelegten Speise. Wie gewohnt legte er seine goldene Krone auf das Tuch und begann zu fressen.

Genau auf diesen Augenblick hatten die Grafen gewartet.

Sie ergriffen die Krone und flohen auf ihren Pferden in Richtung Burg.

Doch sie hatten einen entscheidenden Fehler gemacht:

Sie hatten den Zorn des Schlangenkönigs geweckt.

Der Ruf des Schlangenkönigs

Als das geheimnisvolle Wesen bemerkte, dass seine Krone verschwunden war, soll es einen gewaltigen Pfiff ausgestoßen haben.

Daraufhin begann sich der Wald zu bewegen.

Aus Felsspalten, Erdritzen, Höhlen und verborgenen Löchern krochen Schlangen hervor. Immer mehr Tiere sammelten sich um ihren Herrscher. Bald soll eine gewaltige Schlangenschar den Männern gefolgt sein.

Die Grafen versuchten, ihre Verfolger abzuschütteln. Doch die Schlangen ließen nicht von ihnen ab.

In manchen Fassungen der Sage warfen die Flüchtenden unterwegs immer wieder Stücke des Fleisches zurück, um die Tiere aufzuhalten. Doch selbst damit konnten sie die Schlangenarmee nicht dauerhaft zurückhalten.

Schließlich erreichten die Grafen die Burg Falkenstein.

Sie glaubten, hinter den mächtigen Mauern sicher zu sein.

Doch die Schlangen machten vor den Burgmauern nicht halt.

Die Schlangen erobern die Burg

Wie eine lebendige Flut sollen die Tiere über die Mauern und durch die Zugänge der Burg gedrungen sein. Bald war die gesamte Anlage von Schlangen bevölkert.

Die Grafen mussten fliehen.

Von diesem Zeitpunkt an, so erzählt die Sage, war die Burg Falkenstein kein sicherer Herrschaftssitz mehr. Die Schlangen hatten Besitz von den alten Mauern ergriffen, und niemand wagte es, sich ihnen entgegenzustellen.

Die einst mächtige Burg wurde in der Vorstellung der Menschen zu einem unheimlichen Ort.

Die Ursache dafür war allein die gestohlene Krone.

Die Rückkehr des Friedens

Lange Zeit soll niemand in der Lage gewesen sein, den Schlangenkönig zu besänftigen. Erst später gelang es einem Angehörigen der Familie von der Asseburg, den Frieden wiederherzustellen.

In dieser Fassung der Sage wird besonders der Oberjägermeister Graf von der Asseburg genannt. Ihm soll es gelungen sein, den Schlangenkönig zu besänftigen und die Schlangen aus der Burg zu vertreiben. Danach konnte Falkenstein wieder bewohnt werden.

Doch die goldene Krone blieb verschwunden.

Der Schlangenkönig sucht noch immer

Damit endet die Geschichte nicht vollständig.

Bis heute erzählt man sich, dass der Schlangenkönig seine Krone nicht vergessen hat. Wer aufmerksam durch das Selketal wandert oder die Umgebung der Burg Falkenstein betrachtet, kann sich nach der Sage vorstellen, wie die geheimnisvolle Gestalt zwischen Felsen, Wald und alten Mauern nach ihrem verlorenen Schatz sucht.

Vielleicht, so heißt es in der Überlieferung, ist der Schlangenkönig noch immer unterwegs.

Er wartet auf denjenigen, der seine Krone zurückbringt.

Denn eine Krone, die unter falschen Umständen gestohlen wurde, bringt ihrem Besitzer nach dieser alten Sage kein Glück.

Zwischen Volksglauben und Geschichte

Die Geschichte vom Schlangenkönig gehört zur Sagenwelt rund um die Burg Falkenstein. Einen historischen Nachweis dafür, dass ein Schlangenkönig tatsächlich unterhalb der Burg lebte oder eine goldene Krone gestohlen wurde, gibt es nicht.

Interessant ist jedoch, dass die Sage mit einem realen Ort verbunden ist und bis heute zur Überlieferung rund um die Burg gehört. Das Motiv des Schlangenkönigs mit einer goldenen Krone ist außerdem deutlich älter als die Falkenstein-Sage und kommt auch in anderen europäischen Volkserzählungen vor. Schlangen wurden in der Volksüberlieferung häufig mit verborgenen Schätzen, unterirdischen Orten und geheimnisvollen Mächten verbunden.

Gerade deshalb passt die Geschichte so gut zur alten Felsenburg Falkenstein: eine mächtige Burg, dunkle Wälder, das einsame Selketal und eine verlorene goldene Krone bilden den Stoff für eine der eindrucksvollsten Schlangensagen des Harzes.