Der verborgene Rittersaal der Roßtrappe

Hoch über dem Bodetal erhebt sich die Roßtrappe, ein mächtiger Granitfelsen, um den sich seit Jahrhunderten zahlreiche Geschichten ranken. Die bekannteste Sage erzählt von der Königstochter Brunhilde, ihrem Verfolger Bodo und dem gewaltigen Sprung über die Schlucht. Doch neben dieser berühmten Geschichte gibt es auch eine geheimnisvollere Vorstellung: Tief im Inneren des Felsens soll sich ein verborgener Saal befinden.

Der Überlieferung nach liegt dort, verborgen vor den Augen der Menschen, ein unterirdisches Schloss. Hinter den massiven Granitwänden sollen sich Gänge, Kammern und schließlich ein gewaltiger Rittersaal öffnen. Seine Wände seien mit alten Waffen geschmückt, kostbare Truhen und goldene Gegenstände hätten dort ihren Platz, und an langen Tafeln sollen einst Ritter zusammengekommen sein.

Niemand weiß, wo sich der Eingang zu diesem geheimnisvollen Saal befinden soll.

Ein Schloss unter dem Felsen

In der Vorstellung der Sage reicht der unterirdische Bau weit tiefer in den Berg hinein, als es von außen zu erkennen ist. Der Fels, der am Tage fest und unbeweglich wirkt, soll im Inneren eine zweite Welt verbergen.

Dort soll ein prächtiger Saal liegen, so groß, dass zahlreiche Ritter darin Platz finden könnten. Hohe steinerne Bögen tragen die Decke, schwere Säulen stehen entlang der Wände und Fackeln werfen flackerndes Licht auf das alte Gemäuer.

Man erzählt sich, dass dort einst Ritter zusammenkamen, wenn draußen im Harz Krieg und Unruhe herrschten. Manche Erzählungen verbinden solche unterirdischen Räume auch mit verborgenen Schätzen und geheimen Fluchtwegen.

Der Gedanke passt zu einer alten Vorstellung, die sich bei vielen Burgen und Felsen des Harzes findet: Was von außen wie ein einzelner Felsen aussieht, könnte im Inneren eine verborgene Welt besitzen.

Der Saal der verschwundenen Ritter

Eine besonders geheimnisvolle Variante lässt den Rittersaal nicht einfach verlassen sein.

Wenn die Nacht über das Bodetal fällt und der Mond über den Felsen steht, sollen aus der Tiefe manchmal Geräusche zu hören sein. Dann, so erzählt die Sage, erwachen die alten Ritter wieder zu ihrem geheimnisvollen Treiben.

Man hört angeblich gedämpfte Stimmen, das Klirren von Waffen oder das Schlagen eines Bechers auf eine steinerne Tafel.

Doch sobald ein neugieriger Mensch versucht, den Geräuschen zu folgen, verstummen sie.

Der Eingang bleibt verborgen.

So wird der unterirdische Saal zu einem Ort zwischen zwei Welten – irgendwo zwischen der Erinnerung an vergangene Ritterzeiten und der Fantasie der Menschen, die sich seit Generationen Geschichten über den Felsen erzählen.

Die Verbindung zur Roßtrappen-Sage

Der verborgene Saal lässt sich besonders gut mit der großen Roßtrappen-Sage verbinden.

In den älteren Überlieferungen steht jedoch nicht der unterirdische Rittersaal im Mittelpunkt. Die älteren Fassungen erzählen vor allem von der Flucht einer Königstochter, ihrem Verfolger und dem gewaltigen Sprung über das Bodetal. Bereits um 1800 wurde eine Fassung schriftlich festgehalten, in der die Königstochter Emma ihre goldene Krone beim Sprung verliert und ihr Verfolger Bodo in die Tiefe stürzt. Spätere Fassungen machten aus Emma die bekannte Brunhilde.

Der verborgene Saal gehört deshalb eher zu den späteren Ausschmückungen und Motiven der regionalen Sagenwelt als zum festen Kern der ältesten Roßtrappen-Erzählung.

Gerade dadurch wird die Geschichte interessant: Eine Sage bleibt selten unverändert. Sie wird weitererzählt, erweitert und mit neuen Vorstellungen verbunden.

Was befindet sich wirklich im Felsen?

Die Roßtrappe besteht tatsächlich aus Granit und erhebt sich hoch über dem Bodetal. Der berühmte hufeisenförmige Eindruck im Felsen ist real, auch wenn seine Entstehung nicht auf den Huf eines riesigen Pferdes zurückgeht. Die geologische Erklärung liegt in der Verwitterung des Granits.

Auch die Umgebung weist auf eine lange Nutzungsgeschichte hin. In der Nähe befindet sich mit der Winzenburg eine große vorgeschichtliche Befestigungsanlage, deren Wallanlagen eine Fläche von etwa 25 Hektar umschließen.

Das macht die Landschaft tatsächlich zu einem Ort, an dem sich Geschichte und Sage besonders leicht miteinander verbinden.

Einen gewaltigen unterirdischen Rittersaal oder ein verborgenes Schloss im Inneren der Roßtrappe konnte die Forschung jedoch nicht nachweisen.

Der Schatz unter dem Felsen

In manchen Vorstellungen wird der verborgene Saal auch mit dem Schatzmotiv verbunden.

Gold, Schmuck und alte Waffen sollen dort verborgen liegen. Besonders reizvoll ist dabei die Vorstellung, dass die Schätze niemals geraubt werden konnten, weil der Eingang zum Saal längst verschwunden ist.

Vielleicht wurde er durch einen Felssturz verschlossen.

Vielleicht liegt er hinter einer unscheinbaren Felswand.

Oder vielleicht öffnet er sich nur für denjenigen, der den richtigen Zeitpunkt kennt.

Solche Motive sind typisch für die Harzer Sagenwelt. Die zahlreichen Felsen, Höhlen, Burgruinen und unterirdischen Räume der Region haben immer wieder Vorstellungen von verborgenen Schätzen und geheimen Gängen hervorgebracht.

Sage und Wirklichkeit

Wirklich:
Die Roßtrappe ist ein mächtiger Granitfelsen über dem Bodetal. Der auffällige Hufabdruck ist eine reale geologische Formation.

Historisch:
Die Umgebung der Roßtrappe wurde bereits in vorgeschichtlicher Zeit genutzt. Die nahe Winzenburg ist ein bedeutendes Beispiel für eine alte Befestigungsanlage.

Überliefert:
Die Roßtrappen-Sage von Brunhilde beziehungsweise Emma, Bodo, dem Sprung, der verlorenen Krone und dem schwarzen Hund ist seit langer Zeit schriftlich überliefert.

Sagenhaft:
Ein verborgenes unterirdisches Schloss mit einem gewaltigen Rittersaal im Inneren des Roßtrappenfelsens ist nicht archäologisch nachgewiesen.

Der Saal, den niemand gefunden hat

Vielleicht ist gerade das Geheimnisvolle an dieser Geschichte ihr größter Reiz.

Denn solange niemand den verborgenen Saal findet, kann er in der Fantasie alles sein: eine alte Ritterburg tief unter dem Felsen, ein Schatzraum, ein vergessener Versammlungsort oder ein Saal, in dem die Schatten vergangener Zeiten noch immer weiterleben.

Wer heute oben auf der Roßtrappe steht und hinunter ins Bodetal blickt, sieht vor allem Felsen, Wald und den Lauf der Bode.

Doch unter seinen Füßen beginnt in der Vorstellung der Sage eine andere Welt.

Vielleicht gibt es keinen verborgenen Rittersaal im Felsen. Aber solange die Geschichte erzählt wird, bleibt seine Tür in der Fantasie geöffnet.