Die verschwundene Prinzessin


Die Sage von Prinzessin Ilse

Tief im Harz, dort, wo die Ilse durch das wildromantische Ilsetal rauscht und sich die Felsen des Ilsesteins über dem Tal erheben, gehört eine der bekanntesten Harzer Frauengestalten zur alten Sagenwelt: Prinzessin Ilse.

Sie gilt als geheimnisvolle Bewohnerin des Berges, als wunderschöne Prinzessin und später als übernatürliche Gestalt, die zwischen Felsen und Wasser erscheint. Ihre Geschichte verbindet den Ilsestein, die Ilsefälle und den Fluss Ilse miteinander und gehört zu den ältesten und bekanntesten Erzählungen rund um Ilsenburg.

Das Schloss auf dem Ilsestein

Nach einer alten Überlieferung stand einst auf dem Ilsestein ein prächtiges Schloss. Dort lebte König Ilsan mit seiner wunderschönen Tochter Ilse.

Damals, so erzählt die Sage, sah das heutige Ilsetal noch völlig anders aus. Die Berge sollen enger miteinander verbunden gewesen sein, und der mächtige Felsen trug die Burg des Königs.

Ilse wird als außergewöhnlich schön beschrieben. Ihr langes blondes Haar soll im Sonnenlicht geglänzt haben, und ihre Schönheit war weit über das Tal hinaus bekannt.

Doch die friedliche Welt auf dem Berg sollte nicht bestehen bleiben.

Das Unglück

Eines Tages kam ein gewaltiges Unglück über die Burg.

In der überlieferten Fassung von August Ey aus dem Jahr 1855 ist von einem furchtbaren Erdbeben die Rede. Die Berge, die zuvor miteinander verbunden gewesen sein sollen, wurden auseinandergerissen. Die Burg mit ihren Bewohnern und ihren Schätzen versank in der Tiefe des Berges.

So erklärt die Sage auf märchenhafte Weise die Entstehung des tief eingeschnittenen Ilsetals.

Wo einst die Burg gestanden haben soll, klafft nun das Tal. Die Ilse rauscht zwischen den Felsen hindurch und stürzt an zahlreichen Stellen über die natürlichen Wasserfälle hinab.

Die Wirklichkeit ist natürlich eine andere: Das Ilsetal wurde über sehr lange geologische Zeiträume durch die Kräfte der Natur geformt. Die Sage gibt dieser Landschaft jedoch eine menschliche Geschichte und macht aus der Entstehung des Tales das Schicksal einer Prinzessin.

Prinzessin Ilse verschwindet nicht

Doch Ilse soll bei dem Untergang der Burg nicht endgültig verschwunden sein.

Der Sage nach liegt tief im Inneren des Berges noch immer das unterirdische Schloss. Dort soll Ilse in unvergänglicher Schönheit weiterleben.

Zwischen den Felsen befinden sich angeblich große Gewölbe, in denen die Schätze des alten Königshauses verborgen liegen. Gold, Silber und Edelsteine sollen dort seit Jahrhunderten unberührt ruhen.

Und Ilse selbst soll noch immer durch diese verborgene Welt wandeln.

Damit wird sie in der Sage zu einer Art Bergprinzessin, deren Reich für die Menschen unsichtbar geworden ist.

Die schöne Frau am Fluss

Doch manchmal verlässt Ilse ihr unterirdisches Schloss.

Dann soll sie in das Tal hinabsteigen und am Fluss erscheinen. Dort badet sie in den klaren Wassern der Ilse oder sitzt auf den moosbewachsenen Felsen, während das Wasser um sie herumrauscht.

Besonders eindrucksvoll wird sie in älteren Fassungen beschrieben: Ilse trägt eine goldene Krone, ihr langes blondes Haar fällt bis in das Wasser, und ihre Gestalt soll im Licht beinahe überirdisch erscheinen.

Doch Ilse darf nicht bleiben.

Sobald die ersten Sonnenstrahlen die Berggipfel erreichen, verschwindet sie wieder. Deshalb, so erzählt die Sage, haben nur wenige Menschen das Glück gehabt, die geheimnisvolle Prinzessin tatsächlich zu sehen.

Der Name der Ilse

Auch die Entstehung des Namens des Flusses wird in der Sage erklärt.

Nach der Überlieferung erhielt der Fluss seinen Namen von der schönen Prinzessin. Seit ihrem Schicksal trägt er den Namen Ilse.

Historisch und sprachwissenschaftlich lässt sich diese Erklärung jedoch nicht als tatsächliche Namensherkunft beweisen. Sie gehört zur typischen Welt der Volkssage: Ein Landschaftsname wird mit einer bekannten Figur verbunden und erhält dadurch eine erzählerische Bedeutung.

So sind in der Sage Prinzessin, Berg und Fluss untrennbar miteinander verbunden.

Das unterirdische Schloss

Besonders geheimnisvoll ist die Vorstellung vom Schloss tief im Ilsestein.

Noch heute erzählt man sich, dass sich irgendwo im Inneren des Berges die Reste des versunkenen Schlosses befinden. Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort erscheint, könnte nach der Sage sogar der Prinzessin begegnen.

Der Harzer Tourismusverband greift dieses Motiv bis heute auf und beschreibt das sagenhafte Schloss der Prinzessin als verborgen im Inneren des Ilsesteins.

Natürlich gibt es keinen archäologischen Nachweis für ein unterirdisches Königsschloss mit Gold und Edelsteinen.

Interessant ist jedoch, dass auf dem Ilsestein tatsächlich eine mittelalterliche Burganlage existierte. Archäologische Untersuchungen haben dort Mauerreste und Spuren einer früheren Befestigung nachgewiesen. Damit besitzt die Sage zumindest einen realen Schauplatz, auf dem sie sich entfalten konnte.

Die Prinzessin und die Wasserfälle

Wer heute durch das Ilsetal wandert, hört die Prinzessin gewissermaßen schon von Weitem.

Die Ilse fließt durch eine enge, felsige Landschaft und bildet auf einem längeren Abschnitt zahlreiche kleine und größere Wasserfälle. Auf mehr als einem Kilometer überwindet der Fluss einen Höhenunterschied von ungefähr 120 Metern.

Das ständige Rauschen des Wassers, die moosbedeckten Felsen und der dichte Wald passen ungewöhnlich gut zu der alten Vorstellung von einer verborgenen Prinzessin.

Vielleicht entstand gerade aus dieser Landschaft ein Teil des Zaubers der Sage: Das Wasser verschwindet hinter Felsen, taucht wieder auf und verändert ständig sein Geräusch. Im Nebel und im Schatten des Waldes kann ein gewöhnlicher Felsen leicht wie der Eingang zu einer anderen Welt erscheinen.

Heinrich Heine und Prinzessin Ilse

Die Sage wurde auch durch Heinrich Heine bekannt.

Heine besuchte das Ilsetal während seiner Harzreise im Jahr 1824 und nahm die Prinzessin Ilse in seine literarische Darstellung auf. Seine Version unterscheidet sich von den älteren Überlieferungen, wurde aber zu einer der bekanntesten literarischen Bearbeitungen der Sage.

In Heines Harzreise spricht die Prinzessin selbst und lädt den Wanderer in ihr verborgenes Schloss ein. Dadurch wurde Ilse endgültig zu einer bekannten Gestalt der deutschen Harzliteratur.

Heines literarische Bearbeitung trug wesentlich dazu bei, dass die Sage nicht nur in der regionalen Überlieferung erhalten blieb, sondern weit über den Harz hinaus bekannt wurde.

Der Ilsestein – Wirklichkeit und Sage

Der Ilsestein selbst ist keine Erfindung der Sage. Der markante Granitfelsen erhebt sich tatsächlich über dem Ilsetal und gehört zu den Wahrzeichen von Ilsenburg.

Auch die mittelalterliche Burganlage, die sich einst auf dem Felsen befand, ist historisch nachgewiesen. Die Sage machte aus dieser realen Burg jedoch das Schloss von König Ilsan und seiner Tochter Ilse.

Damit treffen hier zwei Welten aufeinander:

Historisch belegt:
Der Ilsestein ist ein realer Granitfelsen. Auf ihm befand sich im Mittelalter eine befestigte Anlage.

Sagenhaft:
König Ilsan und Prinzessin Ilse, das versunkene Schloss, die unterirdischen Schätze und die wunderschöne Wasserfrau gehören zur Überlieferung.

Literarisch:
Heinrich Heine nahm die Gestalt der Prinzessin auf und schuf seine eigene Version der Geschichte.

Die Prinzessin Ilse heute

Bis heute begegnet man Prinzessin Ilse rund um Ilsenburg an vielen Stellen. Der Ilsefluss, das Ilsetal, der Ilsestein und sogar die Prinzess-Ilse-Quelle erinnern an ihren Namen. Die Quelle liegt am Fuß des Ilsesteins und war früher als Mineralquelle bekannt.

So ist Ilse längst mehr als eine einzelne Sagengestalt geworden. Sie ist zu einem Sinnbild des Ilsetals geworden – einer Landschaft, in der Wasser, Felsen, Wald und Geschichte miteinander verbunden sind.

Und vielleicht liegt genau darin der besondere Zauber dieser Sage:

Wer heute am Ilsestein steht und hinunter ins Tal blickt, sieht keine versunkene Burg und kein goldenes Schloss. Er hört nur das Rauschen der Ilse.

Aber wenn der Nebel zwischen den Bäumen aufsteigt, das Wasser über die Felsen läuft und das Licht langsam hinter den Bergen verschwindet, kann man sich leicht vorstellen, dass tief unter dem Granit tatsächlich ein altes Schloss verborgen liegt.

Und irgendwo darin wartet vielleicht noch immer Prinzessin Ilse.

Der Felsen ist wirklich. Der Fluss ist wirklich. Die alte Burg hat tatsächlich existiert. Doch die Prinzessin, die noch heute zwischen Wasser und Felsen erscheinen soll, gehört in die Welt der Sage.