Die weiße Frau vom Hexentanzplatz

Veröffentlicht am 4. September 2026 um 22:14

Tief im sagenumwobenen Bodetal, dort, wo sich die steilen Felsen von Hexentanzplatz und Rosstrappe gegenüberliegen, soll in manchen Nächten eine geheimnisvolle Gestalt erscheinen: die Weiße Frau vom Hexentanzplatz.

Die Überlieferung erzählt von einer jungen Frau in einem langen, hellen Gewand, die bei Mondschein zwischen den Felsen und den alten Bäumen gesehen worden sein soll. Sie erscheint nicht wie eine gewöhnliche Wanderin. Ihr Gesicht bleibt blass und undeutlich, ihre Gestalt wirkt beinahe durchsichtig, und manchmal soll sie plötzlich verschwinden, obwohl weit und breit kein Weg zu sehen ist.

Manche erzählten, sie komme besonders dann zum Vorschein, wenn Nebel aus dem Bodetal aufsteigt und der Mond die Felsen des Hexentanzplatzes silbern erscheinen lässt. Dann könne man angeblich eine weiße Gestalt am Rand der Felsen erkennen, die langsam durch den Wald geht.

Die Frau im weißen Gewand

Nach der Sage soll die Weiße Frau einst ein junges Mädchen gewesen sein, das in den Wäldern rund um den Hexentanzplatz lebte. Sie kannte die verborgenen Wege, die Kräuter des Waldes und die geheimen Plätze zwischen den Felsen.

Doch eines Tages verschwand sie.

Niemand wusste genau, was mit ihr geschehen war. Einige erzählten, sie sei in einer dunklen Nacht zum Hexentanzplatz gegangen und niemals zurückgekehrt. Andere behaupteten, sie habe sich vor einem Mann versteckt, der ihr nachstellte. Wieder andere glaubten, sie sei einem geheimnisvollen Zauber zum Opfer gefallen.

Seit jener Zeit, so erzählt es die Sage, kehrte sie immer wieder an den Ort ihres Verschwindens zurück.

Doch sie kam nicht mehr als Mensch.

Sie erschien als Weiße Frau.

Wenn der Nebel kommt

Besonders eindrucksvoll soll ihre Erscheinung bei dichtem Nebel sein.

Der Nebel zieht aus dem Tal hinauf, legt sich zwischen die Felsen und lässt die Bäume nur noch als dunkle Schatten erscheinen. In diesem Augenblick soll die Weiße Frau aus dem Grau hervortreten.

Wer sie sieht, soll sich nicht vor ihr fürchten.

Denn anders als die bösen Gestalten der Hexensagen wird die Weiße Frau nicht als Dienerin des Teufels beschrieben. Sie gilt vielmehr als eine Wächterin des Hexentanzplatzes.

Der Sage nach erscheint sie denjenigen, die sich im Wald verirren oder in Gefahr geraten. Sie zeigt ihnen manchmal einen Weg zurück aus dem dunklen Wald – doch wer versucht, ihr zu folgen, soll sie kurz darauf zwischen den Bäumen verlieren.

Man sagt deshalb:

„Folge der Weißen Frau nicht – aber achte auf den Weg, den sie dir zeigt.“

Die geheimnisvolle Warnung

Eine besonders bekannte Variante der Sage erzählt von einem jungen Mann, der spät in der Nacht durch das Bodetal wanderte.

Der Mond war fast vollständig vom Nebel verdeckt. Plötzlich sah er zwischen den Bäumen eine Frau in einem langen weißen Kleid.

Sie stand regungslos da.

Der Mann rief ihr zu, doch sie antwortete nicht.

Als er näher kam, drehte sie sich langsam um und zeigte mit der Hand auf einen schmalen Weg, der vom Felsen wegführte.

Der Mann verstand die Warnung zunächst nicht. Erst als er weiterging, hörte er hinter sich ein lautes Krachen. Ein Teil des steilen Felsens war abgebrochen und stürzte genau an die Stelle, an der er wenige Augenblicke zuvor gestanden hatte.

Als er sich umdrehte, war die Frau verschwunden.

Nur der Nebel blieb.

Seitdem erzählt man sich, die Weiße Frau erscheine nicht, um Menschen zu erschrecken, sondern um sie vor einer Gefahr zu bewahren.

Eine Gestalt zwischen den Welten

Gerade darin unterscheidet sich die Weiße Frau von vielen anderen Gestalten der Harzer Sagenwelt.

Sie ist weder eindeutig Hexe noch Geist des Bösen. Sie steht zwischen zwei Welten: zwischen Leben und Tod, zwischen Mensch und Natur, zwischen Wirklichkeit und der geheimnisvollen Welt der Sage.

Ihr weißes Gewand wird dabei zum Zeichen ihrer besonderen Stellung.

Weiß kann in alten Erzähltraditionen für Reinheit, Unschuld, Trauer oder die Verbindung mit der Welt der Toten stehen. Deshalb begegnet die Gestalt der Weißen Frau in vielen europäischen Sagen nicht unbedingt als böse Erscheinung. Oft ist sie eine Warnende, eine Schutzgestalt oder eine Frau, deren Geschichte nicht abgeschlossen ist.

Der Hexentanzplatz als Ort der Sage

Dass gerade der Hexentanzplatz zum Schauplatz einer solchen Geschichte wurde, passt zur besonderen Sagenwelt des Bodetals.

Der Hexentanzplatz ist ein realer Ort hoch über dem Bodetal bei Thale. Gemeinsam mit der gegenüberliegenden Rosstrappe gehört er zu den bekanntesten Landschaften des Harzes.

Seit Jahrhunderten wurden die ungewöhnlichen Felsen, der tiefe Talgrund, der Nebel und die schwer zugänglichen Wälder mit Geschichten verbunden. Aus solchen Erzählungen entstand nach und nach jene geheimnisvolle Vorstellung vom Hexentanzplatz, die bis heute das Bild des Ortes prägt.

Die Weiße Frau fügt sich in diese Landschaft ein – nicht als böse Hexe, sondern als geheimnisvolle Erscheinung, die zwischen den Felsen und dem Wald zu Hause ist.

Sage und Wirklichkeit

Der Hexentanzplatz und die Felsen des Bodetals sind real. Auch Nebel, ungewöhnliche Lichtverhältnisse und Schatten können dort Erscheinungen hervorrufen, die im Dunkeln leicht wie eine menschliche Gestalt wirken.

Die Weiße Frau selbst gehört jedoch in die Welt der Sage.

Ihre Geschichte erzählt von einer geheimnisvollen Frau, die mit dem Ort verbunden bleibt und in besonderen Nächten zurückkehren soll. Ob sie jemals wirklich gesehen wurde, lässt sich nicht beweisen.

Doch genau darin liegt die Kraft solcher Überlieferungen.

Wenn nachts der Nebel durch das Bodetal zieht, der Wind durch die Bäume rauscht und der Mond die Felsen des Hexentanzplatzes beleuchtet, kann aus einem Schatten schnell eine Gestalt werden.

Und vielleicht ist es genau in diesem Augenblick, wenn die alte Sage wieder lebendig wird.

Die Weiße Frau vom Hexentanzplatz bleibt eine geheimnisvolle Wächterin des Bodetals – zwischen Nebel, Felsen und der Erinnerung an eine Geschichte, die von Generation zu Generation weitergetragen wird.