Die Sage vom Siebenbrüderfelsen
Tief im sagenumwobenen Bodetal bei Thale erhebt sich eine markante Granitformation, die heute vor allem unter dem Namen Goethefelsen, aber auch weiterhin als Siebenbrüderfelsen bekannt ist. Um diesen Felsen ranken sich mehrere alte Sagen, die von sieben Brüdern, einer schönen Königstochter namens Brunhilde und den geheimnisvollen Berggeistern des Bodetals erzählen.
Wie bei vielen Harzer Sagen gibt es nicht nur eine einzige überlieferte Fassung. Die Geschichten unterscheiden sich in Einzelheiten, folgen aber einem gemeinsamen Motiv: Sieben Männer geraten durch ihre Begegnung mit Brunhilde in ein schreckliches Schicksal und werden mit der Felslandschaft des Bodetals verbunden.
Die sieben Brüder und Brunhilde
Nach einer bekannten Fassung der Sage lebten einst sieben Brüder, die um die Gunst der schönen Königstochter Brunhilde warben.
Doch Brunhilde erwiderte ihre Liebe nicht.
Sie wies die sieben Männer zurück. Anstatt ihre Entscheidung zu akzeptieren, sollen die Brüder Brunhilde überwältigt und entführt haben. Die Königstochter geriet dadurch in große Gefahr.
Verzweifelt wandte sie sich an die geheimnisvollen Berggeister des Bodetals und bat sie um Hilfe.
Die Berggeister erhörten ihren Ruf.
Sie griffen in das Geschehen ein und bestraften die sieben Brüder für ihre Tat. Einer nach dem anderen wurde zu Stein verwandelt. Aus den Menschen wurden gewaltige Felsgestalten, die fortan am Rand des Bodetals standen.
So, erzählt die Sage, entstand der Siebenbrüderfelsen.
Noch heute sollen die versteinerten Brüder dort stehen und auf den Tag warten, an dem der Bann gebrochen und sie erlöst werden.
Eine andere Überlieferung
Eine zweite Fassung erzählt die Geschichte anders.
Hier sind es sieben Prinzen, die nach den Schätzen der Königstochter Brunhilde trachten. Sie werden von sieben mächtigen Riesen getötet.
Später kommen sieben Prinzessinnen zu den Gräbern der getöteten Männer. Sie beweinen ihre Geliebten so lange, dass aus ihren Tränen schließlich ein Felsen entsteht.
Auch sieben Bäume sollen an den Gräbern gepflanzt worden sein. In dieser Version wird die Entstehung des Siebenbrüderfelsens also nicht durch eine Versteinerung, sondern durch Trauer und Tränen erklärt.
Diese zweite Variante zeigt besonders deutlich, wie sich Sagen im Laufe der Zeit verändern können. Eine Geschichte wird weitererzählt, ausgeschmückt und an verschiedenen Orten oder in unterschiedlichen Fassungen überliefert.
Die sieben steinernen Gestalten
Der Siebenbrüderfelsen ist keine gleichmäßig geformte Felswand. Seine zerklüfteten Granitformen können an verschiedene Gestalten erinnern.
In älteren Beschreibungen wurden in den Felsen unter anderem Tiere und menschliche Figuren erkannt. Genannt werden beispielsweise ein Kauz, eine Katze, ein Elefant, ein sitzender Adler oder andere Gestalten. Welche Figur man erkennt, hängt dabei stark vom Blickwinkel und von der Fantasie des Betrachters ab.
Gerade solche ungewöhnlichen Felsformen boten den Menschen früher einen idealen Ausgangspunkt für Sagen.
Wo die Natur eine Form geschaffen hatte, die wie ein Gesicht, ein Tier oder ein Mensch aussah, entstand leicht die Vorstellung, dass hier einst jemand versteinert worden sei.
So wurde aus einer natürlichen Felsformation ein Teil der lebendigen Erzählwelt des Harzes.
Das geheimnisvolle Bodetal
Die Landschaft verstärkt die Wirkung der Sage.
Das Bodetal gehört zu den eindrucksvollsten Landschaften des Harzes. Steile Granitfelsen ragen aus dem Tal empor, während sich die Bode zwischen den Felswänden ihren Weg bahnt.
Wer durch das Tal wandert, begegnet immer wieder ungewöhnlichen Felsformationen. Nebel, Schatten und wechselndes Licht verändern das Aussehen der Felsen und lassen manche Formen beinahe lebendig erscheinen.
Für die Menschen früherer Zeiten musste eine solche Landschaft noch geheimnisvoller wirken. Ohne geologische Erklärungen konnten ungewöhnliche Felsen als Spuren von Riesen, Berggeistern oder verwunschenen Menschen verstanden werden.
Der Siebenbrüderfelsen fügt sich deshalb besonders gut in die Sagenwelt des Bodetals ein.
Goethe im Bodetal
Der Felsen besitzt jedoch nicht nur eine sagenhafte Geschichte.
Auch Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich während seiner Harzreisen mit der Landschaft des Bodetals.
Bei seiner dritten Harzreise im Jahr 1784 wollte Goethe von Treseburg nach Thale durch das damals noch sehr unwegsame Bodetal wandern. Begleitet wurde er von dem Maler Georg Melchior Kraus, der die Reise zeichnerisch dokumentierte.
Goethe interessierte sich dabei nicht nur für die Schönheit der Landschaft, sondern auch für ihre geologischen Besonderheiten. Die Granitfelsen des Bodetals waren für seine naturwissenschaftlichen Studien von besonderem Interesse. Kraus fertigte unter anderem eine Zeichnung des später sogenannten Goethefelsens an.
Damit treffen an diesem Ort zwei unterschiedliche Formen der Betrachtung aufeinander:
Die Sage sieht im Felsen verzauberte Menschen.
Goethe sah darin unter anderem ein geologisch interessantes Naturgebilde.
Beides gehört heute zur Geschichte dieses besonderen Ortes.
Vom Siebenbrüderfelsen zum Goethefelsen
Der ursprüngliche Name Siebenbrüderfelsen blieb über lange Zeit mit dem Ort verbunden.
Anlässlich des 200. Geburtstages von Johann Wolfgang von Goethe am 28. August 1949 wurde der Felsen offiziell in Goethefelsen umbenannt. Der alte Name verschwand jedoch nicht vollständig und wird bis heute verwendet.
So trägt der Felsen heute gewissermaßen zwei Geschichten in seinem Namen:
Der Siebenbrüderfelsen erinnert an die alte Sage.
Der Goethefelsen erinnert an den Dichter und seine Reisen durch den Harz.
Sage und Wirklichkeit
Der Siebenbrüderfelsen ist ein gutes Beispiel dafür, wie eng sich im Harz Natur, Geschichte und Sagenwelt miteinander verbinden.
Wirklich vorhanden ist die markante Granitformation im Bodetal bei Thale. Sie ist ein natürlich entstandener Bestandteil der Felslandschaft.
Historisch belegt ist außerdem, dass Goethe den Felsen während seiner Harzreise 1784 besuchte und dass sein Begleiter Georg Melchior Kraus ihn zeichnerisch festhielt.
Zur Sage gehören dagegen die sieben Brüder, Brunhilde, die Berggeister und die Verwandlung der Männer in Stein.
Auch die Vorstellung, dass die sieben Brüder noch heute auf ihre Erlösung warten, gehört in die Welt der Überlieferung.
Ein Felsen mit zwei Gesichtern
Vielleicht ist gerade das der besondere Reiz des Siebenbrüderfelsens.
Wer ihn als Wanderer betrachtet, sieht eine beeindruckende Granitformation im Bodetal.
Wer die alte Sage kennt, sieht darin dagegen sieben Männer, die von geheimnisvollen Mächten zu Stein verwandelt wurden.
Und wer sich mit der Geschichte des Harzes beschäftigt, entdeckt zusätzlich die Spuren von Goethe und seinen naturwissenschaftlichen Studien.
Der Felsen erzählt damit mehrere Geschichten zugleich.
Eine Geschichte handelt von Liebe und Zurückweisung.
Eine andere von Entführung, Schuld und Strafe.
Eine weitere von Trauer und Verlust.
Und schließlich erzählt der Felsen auch von der Begegnung Goethes mit der Landschaft des Harzes.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft der alten Sagen: Sie verändern einen Ort nicht wirklich – aber sie verändern den Blick der Menschen auf ihn.
Wer den Siebenbrüderfelsen einmal mit seiner Sage im Hinterkopf betrachtet, sieht nicht mehr nur Stein.
Er sieht sieben Brüder, die der Legende nach noch immer auf ihre Erlösung warten.
Und tief unter ihnen rauscht die Bode weiter durch das Tal – als hätte sie die Geschichte seit Jahrhunderten bewahrt.