Die Sage von Brunhilde und Bodo / Die Rosstrappe

Veröffentlicht am 4. September 2026 um 22:14

Die Sage von der Rosstrappe – Brunhilde und der Riesensprung

Die Sage von der Rosstrappe gehört zu den bekanntesten Erzählungen des Harzes und ist eng mit der Landschaft rund um Thale und das Bodetal verbunden. Im Mittelpunkt stehen die Königstochter Brunhilde, der mächtige Riese Bodo und ein gewaltiger Sprung über die tiefe Schlucht.

Die Sage erklärt auf eindrucksvolle Weise, wie der markante Hufabdruck im Felsen der Rosstrappe entstanden sein soll und wie der Fluss Bode zu seinem Namen gekommen sein soll. Tatsächlich befindet sich in dem etwa 403 Meter hohen Granitmassiv eine auffällige Vertiefung, die seit langer Zeit wie der Abdruck eines riesigen Pferdehufs wirkt. Rund um diese ungewöhnliche Felsform entwickelte sich die Erzählung vom waghalsigen Sprung der Königstochter.

Brunhilde und der Riese Bodo

Vor langer Zeit, so erzählt die Sage, lebte im Harz eine wunderschöne Königstochter namens Brunhilde.

Brunhilde war nicht nur für ihre Schönheit bekannt. Sie galt auch als mutig und selbstbewusst und wollte selbst über ihr Leben bestimmen. Eines Tages wurde sie von dem gewaltigen Riesen Bodo begehrt.

Bodo wird in verschiedenen Fassungen der Sage unterschiedlich beschrieben. Meist erscheint er als mächtiger und wilder Riese, der Brunhilde zur Frau nehmen wollte. In manchen Überlieferungen wird er auch mit einem böhmischen König oder Ritter in Verbindung gebracht.

Doch Brunhilde erwiderte seine Liebe nicht.

Sie wollte Bodo nicht heiraten und verweigerte sich seinem Wunsch. Damit begann die dramatische Flucht, die der Landschaft rund um das Bodetal ihren sagenhaften Charakter verlieh.

Die wilde Verfolgung

Brunhilde bestieg ihr weißes Pferd und floh vor Bodo.

Das Tier trug sie mit großer Geschwindigkeit durch den Harzer Wald. Hinter ihr kam Bodo auf seinem schwarzen Pferd. Er wollte die Königstochter unbedingt einholen und setzte ihr unerbittlich nach.

Die Verfolgung führte durch die Wälder und über die Höhen des heutigen Bodetals.

Brunhilde wusste, dass sie ihrem Verfolger nicht ewig davonlaufen konnte. Immer näher kam Bodo. Schließlich erreichten beide die Höhen oberhalb der tief eingeschnittenen Schlucht.

Vor Brunhilde lag plötzlich das Bodetal.

Unter ihr fiel der Fels steil hinab. Die Bode rauschte tief unten durch die Schlucht. Hinter ihr kam Bodo immer näher.

Es gab keinen Weg mehr zurück.

Der Sprung über das Bodetal

In diesem Augenblick soll Brunhilde ihr Pferd herumgerissen haben.

Vor ihr lag die Schlucht.

Hinter ihr der Riese.

Es blieb ihr nur eine einzige Möglichkeit: Sie musste springen.

Brunhilde gab ihrem weißen Ross die Sporen.

Das Pferd nahm Anlauf und sprang.

Für einen kurzen Moment schien es, als würden Pferd und Reiterin über dem Abgrund schweben. Der Sprung war so gewaltig, dass Brunhilde tatsächlich das gegenüberliegende Felsplateau erreichte.

Doch die Landung war hart.

Der Huf ihres Pferdes traf mit gewaltiger Kraft auf den Felsen.

Der Abdruck blieb im Granit zurück.

Noch heute zeigt die Rosstrappe jene auffällige Vertiefung, die der Sage nach vom Huf des Pferdes stammt. Der heutige Aussichtspunkt liegt rund 250 Meter über der Bode und bietet einen eindrucksvollen Blick in das Bodetal.

Brunhilde war gerettet.

Doch für Bodo nahm die Geschichte eine andere Wendung.

Das Schicksal des Riesen Bodo

Bodo hatte die Flucht beobachtet.

Auch er wollte den Sprung wagen.

Doch sein schwarzes Pferd schaffte es nicht, die Schlucht zu überwinden.

Bodo stürzte in die Tiefe.

Nach der Sage wurde der Riese anschließend in die Bode verbannt. Seitdem soll der Fluss seinen Namen tragen.

Damit verbindet die Sage gleich zwei auffällige Merkmale der Landschaft miteinander:

den Hufabdruck der Rosstrappe und den Namen der Bode.

Aus zwei natürlichen Erscheinungen wurde eine gemeinsame Geschichte – eine Geschichte von Liebe, Verfolgung, Mut und einem gewaltigen Sprung.

Der Hufabdruck im Felsen

Was die Sage erzählt, lässt sich heute unmittelbar vor Ort erleben.

Im Granit der Rosstrappe befindet sich tatsächlich eine auffällige Vertiefung, die an einen riesigen Hufabdruck erinnert. Die örtliche Tourismusinformation bezeichnet sie als den sagenumwobenen Hufabdruck des Riesentieres und macht die Geschichte von Brunhilde und Bodo zu einem festen Bestandteil des Erlebnisses an diesem Ort.

Aus geologischer Sicht handelt es sich selbstverständlich nicht um den Abdruck eines riesigen Pferdes. Der Felsen ist ein natürlich entstandenes Granitmassiv.

Gerade solche ungewöhnlichen Felsformen haben jedoch schon früher die Fantasie der Menschen angeregt. Wo eine natürliche Form besonders auffällig erschien, entstanden häufig Erklärungen in Form von Sagen.

Die Menschen sahen also nicht einfach nur einen Fels.

Sie sahen darin die Spur einer Geschichte.

Rosstrappe und Hexentanzplatz – zwei Sagenorte gegenüber

Besonders eindrucksvoll ist die Lage der Rosstrappe, weil ihr direkt gegenüber auf der anderen Seite des Bodetals der Hexentanzplatz liegt.

Damit stehen sich zwei der bekanntesten Sagenorte des Harzes unmittelbar gegenüber.

Auf der einen Seite befindet sich die Rosstrappe – der Felsen von Brunhildes Riesensprung.

Auf der anderen Seite liegt der Hexentanzplatz – einer der berühmtesten Schauplätze der Harzer Hexensagen.

Dazwischen liegt die tief eingeschnittene Schlucht der Bode.

Die Landschaft selbst wirkt dadurch beinahe wie eine natürliche Bühne für die alten Geschichten. Auch heute wird das Bodetal touristisch als „Sagenharz“ präsentiert und verbindet die verschiedenen Mythen der Region miteinander.

Eine Landschaft voller Spuren

Die Gegend um die Rosstrappe besitzt allerdings nicht nur eine sagenhafte Vergangenheit.

In der Nähe befinden sich auch die Überreste der Winzenburg, einer vorgeschichtlichen Befestigungsanlage. Die Anlage umfasst etwa 25 Hektar und besitzt eine Wallanlage aus Felsblöcken und Erdaufschüttungen. Ihre genaue Funktion und einzelne Deutungen ihrer Nutzung müssen von den Vorstellungen der Sage getrennt werden.

Das macht die Gegend besonders interessant: Hier treffen Natur, Archäologie und Sagenwelt unmittelbar aufeinander.

Die Menschen früherer Zeiten hinterließen tatsächlich Spuren in dieser Landschaft. Die späteren Generationen gaben den Felsen zusätzlich Geschichten.

So entstand eine Landschaft, in der man heute noch beides finden kann – die Spuren der Vergangenheit und die Geschichten, die sich um sie ranken.

Sage und Wirklichkeit

Die Geschichte von Brunhilde und Bodo ist eine Sage, keine historische Überlieferung über tatsächlich stattgefundene Ereignisse.

Wirklich vorhanden sind der Granitfelsen der Rosstrappe, die markante Vertiefung im Felsen, das Bodetal und die Bode.

Zur Sage gehören Brunhilde, der Riese Bodo, die Verfolgung, der Sprung über das Bodetal und die Erklärung des Hufabdrucks.

Auch die Verbindung des Namens Bode mit dem Riesen Bodo gehört zur Überlieferung und ist keine historische Erklärung des Flussnamens.

Gerade darin liegt jedoch die besondere Bedeutung solcher Geschichten. Eine Sage muss nicht wissenschaftlich wahr sein, um etwas über die Menschen zu erzählen, die sie weitergegeben haben.

Sie zeigt, wie Menschen eine außergewöhnliche Landschaft verstanden und mit Bedeutung versehen haben.

Die Rosstrappe heute

Heute gehört die Rosstrappe zu den bekanntesten Ausflugszielen rund um Thale. Der Felsen bietet einen weiten Blick über das Bodetal und auf die gegenüberliegenden Höhen. Der berühmte Hufabdruck kann besichtigt werden; ein Sagenpavillon an der Bergstation des Sessellifts erzählt die Geschichte von Brunhilde, Bodo und dem sagenhaften Riesensprung.

Wer dort steht und in die Schlucht hinunterblickt, kann sich leicht vorstellen, warum gerade hier eine solche Geschichte entstehen konnte.

Der Fels ist gewaltig.

Das Tal ist tief.

Die Bode fließt weit unterhalb durch die Schlucht.

Und mitten in diesem Granit befindet sich eine Vertiefung, die tatsächlich an einen riesigen Pferdehuf erinnert.

Vielleicht brauchte es für die Menschen früherer Zeiten gar nicht viel mehr, um aus einem Felsen die Spur eines sagenhaften Pferdes werden zu lassen.

Der Sprung, der bis heute erzählt wird

Die Sage von der Rosstrappe erzählt letztlich von Mut und Flucht, aber auch von der Kraft der Landschaft.

Brunhilde entkommt ihrem Verfolger nicht durch Gewalt, sondern durch Mut und Entschlossenheit. Ihr Pferd wird zum Helfer in der entscheidenden Stunde. Bodo dagegen scheitert an der Schlucht, die er bezwingen wollte.

Und so blieb von der dramatischen Verfolgung etwas zurück, das bis heute sichtbar ist:

ein Hufabdruck im Felsen.

Obwohl niemand beweisen kann, dass dort jemals ein riesiges Pferd über die Bode sprang, macht gerade dieser Gegensatz den Reiz der Rosstrappe aus.

Der Felsen ist wirklich.

Der Hufabdruck ist wirklich.

Das Bodetal ist wirklich.

Doch Brunhildes Sprung gehört in die Welt der Sage.

Und vielleicht ist genau das der Zauber der Rosstrappe:
Wenn man oben auf dem Felsen steht und hinunter in das tiefe Bodetal blickt, wird aus einer natürlichen Felsformation für einen Augenblick wieder der Schauplatz jener alten Geschichte, in der eine mutige Königstochter auf ihrem weißen Ross dem Riesen Bodo entkam.