Ein junger Bergmann hörte eines Tages von einem Schatz, der tief im Bodetal verborgen sein sollte.
Gold und Silber.
Münzen.
Edelsteine.
Und eine Truhe, die seit Jahrhunderten niemand geöffnet hatte.
Der Bergmann machte sich auf die Suche.
Nach langer Wanderung fand er eine Höhle.
Darin stand tatsächlich eine alte Truhe.
Er öffnete sie.
Doch statt Gold lag darin nur ein schwarzer Stein.
Enttäuscht wollte er gehen.
Da hörte er eine Stimme:
„Reichtum ist nicht immer das, was glänzt.“
Der Bergmann nahm den Stein trotzdem mit.
Zu Hause angekommen, legte er ihn neben seine Lampe.
Am nächsten Morgen war der Stein verschwunden.
Auf dem Tisch lag stattdessen eine kleine Silbermünze.
Seitdem soll der Schatz des Bodetals nicht mehr aus Gold bestehen.
Sondern aus dem Glück dessen, der ihn findet.
Brunhilde und die Zwerge – verborgene Schätze und geheimnisvolle Berggeister des Harzes
Der Harz ist nicht nur ein Land der Burgen, Felsen und tiefen Wälder. Unter seinen Bergen beginnt eine zweite, geheimnisvolle Welt. Tief im Inneren der Berge liegen Höhlen, Felsspalten und alte Bergwerksstollen. Seit Jahrhunderten erzählen sich die Menschen Geschichten darüber, was sich dort unten verbergen könnte.
Gold und Silber sollen in den Bergen liegen.
Kostbare Schätze sollen von geheimnisvollen Wesen bewacht werden.
Und tief unter der Erde sollen Zwerge, Berggeister und andere Wesen gelebt haben, die den Menschen manchmal halfen – manchmal aber auch streng darauf achteten, dass niemand ihre unterirdische Welt störte.
Besonders eng verbunden sind solche Vorstellungen mit den alten Bergbaugebieten des Harzes.
Königstochter Brunhilde und die verborgenen Schätze
Eine Überlieferung erzählt, dass die wunderschöne Königstochter Brunhilde einst mit einem kostbaren Schatz verbunden gewesen sei.
Ihre goldene Krone, die in der bekannten Roßtrappensage während ihres gewaltigen Sprungs über das Bodetal verloren geht, wurde zum Symbol eines verborgenen Schatzes, der bis heute nicht geborgen werden konnte.
Nach der Roßtrappensage soll die Krone in der Tiefe des Bodetals verschwunden sein. Der böhmische Prinz beziehungsweise Riese Bodo, der Brunhilde verfolgt hatte, stürzte ebenfalls in die Tiefe. In einer verbreiteten Fassung wird er anschließend in einen schwarzen Hund verwandelt und bewacht die verlorene Krone im Bodekessel beziehungsweise im sagenhaften Kronensumpf.
Damit verbindet sich Brunhildes Geschichte mit einem der ältesten Motive der Harzer Sagenwelt:
dem geheimnisvollen Schatz, der zwar vorhanden ist, aber niemals vollständig in die Hände der Menschen gelangen darf.
Die Riesen und die Welt unter den Bergen
In älteren Erzählungen des Harzes treten immer wieder Riesen auf.
Sie erscheinen als Bewohner einer Zeit, in der die Berge noch nicht so waren wie heute. Sie bewegen gewaltige Felsblöcke, kämpfen miteinander oder bewachen Schätze.
Solche Geschichten erklären auf bildhafte Weise die ungewöhnlichen Landschaften des Harzes.
Ein großer Fels konnte zum versteinernden Riesen werden.
Eine Höhle konnte zum Eingang in ein unterirdisches Königreich werden.
Ein ungewöhnlicher Stein konnte als zurückgelassener Schatz gedeutet werden.
Und ein verborgenes Geräusch aus dem Berg konnte bedeuten, dass dort unten noch jemand lebte.
Die Zwerge des Harzes
Noch häufiger als Riesen begegnen uns in den Harzer Sagen die Zwerge und Berggeister.
Dabei handelt es sich nicht einfach um die kleinen freundlichen Wesen, wie man sie aus modernen Märchen kennt.
Die Harzer Bergleute stellten sich die Wesen unter der Erde teilweise als geheimnisvolle Bewohner des Berges vor.
Sie konnten freundlich und hilfsbereit sein.
Sie konnten den Menschen den Weg zeigen, vor Gefahren warnen oder ihnen sogar Reichtum schenken.
Aber sie konnten ebenso zornig werden, wenn Menschen ihre Regeln missachteten.
Eine besonders schöne Vorstellung lautet deshalb:
Der Berg gehört nicht dem Menschen. Der Mensch darf ihn nur betreten.
Die unterirdischen Bergleute
Der Harz war über viele Jahrhunderte eines der bedeutendsten Bergbaugebiete Deutschlands.
Silber, Blei, Kupfer, Eisen und andere Erze wurden aus den Bergen gewonnen.
Bereits archäologische Untersuchungen zeigen, dass im Harz sehr früh Bergbau betrieben wurde. Am Rammelsberg bei Goslar lassen sich bergbauliche Aktivitäten sogar mehr als 3.000 Jahre zurückverfolgen. Schriftlich belegt ist die Erzgewinnung dort spätestens seit dem Jahr 968.
Für die Menschen, die damals tief unter Tage arbeiteten, muss diese Welt außergewöhnlich gewesen sein.
Dunkelheit.
Enge Stollen.
Wasser, das aus dem Fels tropfte.
Knarrendes Holz.
Das Geräusch von Werkzeugen.
Und überall das Gestein.
Kein Wunder, dass sich um diese unterirdische Welt Geschichten entwickelten.
Wenn der Berg antwortet
Die Bergleute arbeiteten oft unter schwierigen Bedingungen.
Manchmal hörten sie Geräusche, deren Ursache sie nicht sofort erkennen konnten.
Ein Stein konnte sich lösen.
Wasser konnte durch eine Spalte dringen.
Gestein konnte sich bewegen.
Holz konnte unter dem Druck des Berges knacken.
Heute lassen sich viele solcher Geräusche naturwissenschaftlich erklären.
Für frühere Menschen konnten sie jedoch etwas anderes bedeuten.
Vielleicht, so glaubte man, arbeitete dort unten jemand.
Vielleicht waren es die Zwerge.
Vielleicht waren es die Berggeister.
Und vielleicht sollte man besser nicht weitergraben.
Ein Abschiedsgeschenk aus dem Berg
In der von dir genannten Überlieferung verlassen kleine Bergleute beziehungsweise Zwerge schließlich das Tal.
Doch bevor sie verschwinden, sollen sie dem König ein Abschiedsgeschenk hinterlassen haben.
Dieses Motiv passt sehr gut in die Harzer Sagenwelt.
Die Zwerge besitzen den Reichtum des Berges.
Sie kennen seine Geheimnisse.
Sie wissen, wo sich kostbare Steine und Metalle befinden.
Und wenn sie die Menschen verlassen, lassen sie einen Teil dieses Reichtums zurück.
Das Geschenk wird dadurch zu einer Erinnerung an eine vergangene Zeit.
Eine Zeit, in der Menschen und geheimnisvolle Bergwesen angeblich noch miteinander verbunden waren.
Warum die Zwerge den Berg verlassen
Auch hier gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, weshalb solche Wesen verschwinden.
Manchmal werden die Menschen zu gierig.
Sie wollen immer mehr Gold.
Sie dringen zu tief in den Berg ein.
Sie brechen Versprechen.
Oder sie behandeln die Berggeister nicht mit dem nötigen Respekt.
Dann ziehen sich die Zwerge zurück.
Ihre unterirdischen Türen schließen sich.
Die Schätze verschwinden.
Und der Mensch bleibt allein zurück.
Dieses Motiv findet sich in vielen Bergbausagen: Der Schatz wird nicht einfach verschenkt, sondern an eine Bedingung geknüpft.
Der Preis des Reichtums
Damit steckt in diesen Geschichten auch eine Warnung.
Der Harz hat den Menschen großen Reichtum gebracht.
Aber der Bergbau war niemals ungefährlich.
Bergleute riskierten ihr Leben.
Stollen konnten einstürzen.
Wasser konnte in Gruben eindringen.
Gestein konnte abbrechen.
Und die Arbeit tief unter der Erde war körperlich extrem belastend.
Die Vorstellung von Berggeistern kann deshalb auch als bildhafte Erinnerung an die Gefahren des Bergbaus verstanden werden.
Der Berg schenkt seine Schätze nicht ohne Gegenleistung.
Der Schatz, den niemand besitzen darf
Genau hier treffen sich die Geschichten von Brunhilde und den Zwergen.
Brunhildes Krone ist ein Schatz, der in der Tiefe verschwindet.
Die Zwerge besitzen ebenfalls Schätze, die sie nicht einfach jedem Menschen überlassen.
In beiden Fällen befindet sich der Reichtum außerhalb der normalen menschlichen Welt.
Er gehört zu einer geheimnisvollen Welt unter oder zwischen den Bergen.
Und immer gibt es eine Grenze.
Wer diese Grenze überschreitet, muss mit den Folgen rechnen.
Der Harz als unterirdische Welt
Der Harz ist für solche Geschichten besonders geeignet.
Neben seinen tiefen Tälern und schroffen Felsen besitzt er zahlreiche Höhlen und Bergwerke.
Eine der bekanntesten Höhlenregionen befindet sich bei Rübeland.
Um die Baumannshöhle entstanden zahlreiche Sagen. Eine davon erzählt ebenfalls von Zwergen, die im Inneren des Berges lebten und den Menschen teilweise wohlgesonnen waren. Die Höhle war wegen ihrer vielen Gänge und der schwierigen Orientierung schon früher ein geheimnisvoller und nicht ungefährlicher Ort.
Solche Geschichten zeigen, dass das Motiv der unterirdischen Wesen im Harz keineswegs nur mit einer einzigen Sage verbunden ist.
Es gehört zu einem größeren Netz von Erzählungen.
Zwerge als Helfer und Warner
Die Zwerge werden in den Harzer Überlieferungen nicht ausschließlich als Schatzhüter dargestellt.
Sie können auch als Helfer erscheinen.
Ein Mensch, der sich verirrt hat, kann von ihnen geführt werden.
Ein armer Mensch kann ein Geschenk erhalten.
Ein Bergmann kann vor einer Gefahr gewarnt werden.
Aber wer sich respektlos verhält, kann ihre Hilfe verlieren.
Dieses Bild erinnert an den Zwergenkönig Hübich vom Hübichenstein bei Bad Grund.
In den regionalen Sagen wird Hübich als freundlicher und hilfsbereiter Herrscher der Zwerge beschrieben. Er soll notleidenden Menschen sogar Geschenke gemacht haben. Gleichzeitig verlangte er Respekt vor seinem Berg und bestrafte Menschen, die seine Regeln missachteten.
Der Zwergenkönig Hübich
Die Geschichten um Hübich zeigen besonders deutlich, wie die Menschen die Welt der Zwerge verstanden.
Hübich lebt nicht irgendwo in einem Märchenland.
Er gehört zum Berg.
Seine Heimat ist der Hübichenstein.
Er kennt die Geheimnisse des Gesteins.
Und er wacht darüber, dass die Menschen den Ort nicht zerstören.
In einer Sage hilft er sogar einem Förstersohn, der in großer Gefahr ist. Als Gegenleistung verlangt er, dass der Hübichenstein geschützt und nicht mehr bestiegen oder beschossen wird. Zum Dank darf der junge Mann Silber nehmen.
Hier wird aus der Zwergensage beinahe eine frühe Naturschutzgeschichte:
Wer die Natur respektiert, wird belohnt. Wer sie zerstört, muss mit den Folgen rechnen.
Das Geschenk der Bergwesen
Auch das Motiv des Abschiedsgeschenks kann vor diesem Hintergrund betrachtet werden.
Wenn die Zwerge den Menschen etwas hinterlassen, ist es nicht nur ein Schatz.
Es ist ein Zeichen.
Vielleicht soll es sagen:
„Wir waren hier.“
Vielleicht bedeutet es:
„Behandelt den Berg gut.“
Oder:
„Nehmt nicht mehr, als ihr braucht.“
Solche Deutungen sind allerdings Interpretationen. Die konkrete Überlieferung vom Abschiedsgeschenk sollte nicht als historischer Bericht verstanden werden.
Warum gerade Gold und Silber?
Gold und Silber spielen in den Harzer Sagen eine besondere Rolle.
Das ist kein Zufall.
Der Harz war tatsächlich reich an Erzen und wurde über Jahrhunderte intensiv bergbaulich genutzt.
Die Menschen kannten also den Reichtum des Berges aus eigener Erfahrung.
Wenn irgendwo ein ungewöhnlicher Felsen stand oder eine geheimnisvolle Höhle entdeckt wurde, war die Vorstellung eines verborgenen Schatzes deshalb besonders naheliegend.
Aus einem Erzvorkommen konnte in der Fantasie schnell ein Schatz werden.
Aus einem Bergmann konnte ein Zwerg werden.
Und aus einem dunklen Stollen wurde der Eingang zu einer anderen Welt.
Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Sage
Hier ist es wichtig, zwischen Überlieferung und Geschichte zu unterscheiden.
Historisch und archäologisch belegt ist, dass im Harz seit sehr langer Zeit Bergbau betrieben wurde.
Nicht historisch belegt ist dagegen, dass Zwerge oder Berggeister tatsächlich unter den Bergen lebten.
Ebenso ist die Geschichte von Brunhilde und ihrer verlorenen Krone eine Sage.
Die Krone wurde nicht als historischer Schatz nachgewiesen.
Doch die Geschichten spiegeln die Lebenswelt der Menschen wider.
Sie erzählen von ihrer Angst vor den Bergen.
Von ihrer Hoffnung auf Reichtum.
Von ihrer Achtung vor der Natur.
Und von der Vorstellung, dass es Dinge geben könnte, die sich der Mensch nicht vollständig erklären kann.
Eine gemeinsame Welt aus Riesen, Zwergen und Menschen
So entsteht im Harz eine ganze Sagenwelt.
Da sind die Riesen, die gewaltige Felsen bewegen.
Da ist Brunhilde, die auf ihrem Pferd über die Schlucht springt.
Da ist Bodo, der als schwarzer Hund über die verlorene Krone wacht.
Da sind die Zwerge, die tief im Berg leben.
Und da sind die Bergleute, die in die Dunkelheit hinabsteigen, um die Schätze der Erde zu gewinnen.
Alle diese Geschichten gehören zu unterschiedlichen Überlieferungen, doch sie haben etwas gemeinsam:
Der Harz ist niemals nur Landschaft.
Der Berg besitzt ein Geheimnis.
Der Felsen besitzt eine Geschichte.
Der Fluss bewahrt eine Erinnerung.
Und unter der Erde beginnt eine Welt, die der Mensch niemals vollständig beherrschen kann.
Das Geheimnis bleibt bestehen
Vielleicht ist gerade das der Grund, warum solche Geschichten bis heute faszinieren.
Wir wissen heute sehr viel mehr über die Entstehung der Berge und Gesteine.
Wir können Höhlen vermessen.
Wir können Mineralien bestimmen.
Wir können erklären, wie Erzvorkommen entstanden sind.
Und trotzdem bleibt ein Teil des alten Geheimnisses erhalten.
Denn eine wissenschaftliche Erklärung nimmt einem Ort nicht automatisch seine Fantasie.
Wer heute vor einer dunklen Felsspalte steht, weiß, dass dort keine Zwerge wohnen müssen.
Aber man darf sich trotzdem vorstellen, dass hinter dem Felsen eine kleine Tür verborgen ist.
Vielleicht führt sie in einen unterirdischen Saal.
Vielleicht liegen dort alte Werkzeuge.
Vielleicht glitzert Gold im Schein einer Lampe.
Und vielleicht sitzen dort unten die alten Bergleute noch immer zusammen und warten darauf, dass die Menschen endlich wieder gehen.
Brunhildes Krone und das Geschenk der Zwerge
So verbinden sich zwei besondere Motive der Harzer Sagenwelt:
Brunhildes verlorene Krone steht für den Schatz, der in der Welt des Menschen verloren ging.
Das Geschenk der Zwerge steht für den Schatz, den die geheimnisvollen Bewohner des Berges freiwillig zurücklassen.
Beides erzählt von Reichtum.
Aber beides erzählt auch davon, dass nicht jeder Schatz dazu bestimmt ist, gefunden oder behalten zu werden.
Manche Schätze gehören der Vergangenheit.
Manche gehören dem Berg.
Und manche bleiben besser dort, wo die Sage sie hingebracht hat.
Das Vermächtnis der alten Bergwelt
Die alten Geschichten über Zwerge, Riesen und verborgene Schätze sind deshalb ein wichtiger Teil der Harzer Kulturgeschichte.
Sie entstanden nicht im luftleeren Raum.
Sie wuchsen aus einer Landschaft, die außergewöhnlich ist, und aus einer Lebenswelt, die stark vom Bergbau geprägt wurde.
Die Menschen arbeiteten im Berg.
Sie lebten vom Berg.
Sie fürchteten den Berg.
Und sie erzählten Geschichten über den Berg.
So wurden aus dunklen Stollen unterirdische Königreiche.
Aus Bergleuten wurden geheimnisvolle Zwerge.
Aus seltenen Erzen wurden königliche Schätze.
Und aus ungewöhnlichen Felsen wurden Spuren von Riesen.
Vielleicht ist das schönste Geheimnis des Harzes deshalb gar nicht, ob irgendwo wirklich ein Zwergenschatz verborgen liegt.
Vielleicht ist es die Tatsache, dass die Geschichten selbst zu einem Schatz geworden sind.
Ein Schatz, den Generationen bewahrt und weitererzählt haben.
Und solange Menschen durch die Harzer Wälder wandern, an alten Felsen stehen und in die dunklen Eingänge von Höhlen und Bergwerken blicken, werden die alten Geschichten nicht ganz verschwinden.
Denn tief im Harz – so erzählt man sich – gibt es noch immer Orte, an denen man ganz genau hinhören sollte.
Vielleicht hört man dann ein leises Klopfen aus dem Berg.
Vielleicht das Rollen eines Steines.
Oder vielleicht sogar die Stimmen der kleinen Bergleute, die sich längst von der Welt der Menschen verabschiedet haben.
Und vielleicht bewahren sie ihren letzten Schatz noch immer dort, wo kein Mensch ihn finden kann.