Der Bodekessel bei Thale – Wo die Bode seit Jahrtausenden ihre Spuren hinterlässt
Tief im sagenumwobenen Bodetal bei Thale im Harz liegt ein Ort, an dem die Kraft des Wassers besonders eindrucksvoll sichtbar wird: der Bodekessel.
Umgeben von steilen Granitfelsen, dichtem Wald und der rauschenden Bode gehört er zu den besonderen Naturerscheinungen des Bodetals. Wer dem Wanderweg von Thale aus in Richtung Treseburg folgt, erreicht den Bodekessel nach einigen Kilometern. Auch vom Gasthaus Königsruhe ist der markante Bereich gut zu erreichen.
Heute wirkt der Bodekessel auf den ersten Blick wie ein kleiner Wasserfall. Das Wasser stürzt über eine Felsstufe hinab, sammelt sich darunter und fließt anschließend weiter durch die enge Schlucht. Doch hinter diesem scheinbar einfachen Naturschauspiel steckt eine wesentlich längere Geschichte.
Denn der Bodekessel ist über Jahrtausende durch die Kraft des fließenden Wassers geformt worden.
Ein natürlicher Strudeltopf im Granit
Der Name „Bodekessel“ beschreibt sehr passend das Aussehen dieses besonderen Ortes. Das Wasser der Bode hat hier eine natürliche Vertiefung im Fels geschaffen.
Geologisch wird diese Form als Kolk oder Strudeltopf bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine Vertiefung, die durch die Erosion eines fließenden Gewässers entsteht. Das Wasser allein ist dabei nicht der einzige „Werkstoff“.
Mit der Strömung werden Sand, Kies und größere Gesteinsstücke mitgerissen. Diese wirken wie natürliche Schleif- und Bohrwerkzeuge. Sie werden von der Strömung bewegt, prallen gegen den Fels und tragen ihn nach und nach ab.
So kann über sehr lange Zeit eine tiefe, teilweise rundliche Vertiefung entstehen.
Auch an den Felswänden des Bodetals finden sich Spuren dieser gewaltigen Naturkräfte. Dort lassen sich sogenannte Kolke erkennen, die davon zeugen, dass die Bode früher teilweise höher stand und das Wasser andere Bereiche des Gesteins bearbeitete.
Was heute wie eine kleine natürliche Stufe aussieht, ist deshalb Teil einer Landschaft, die über unvorstellbar lange Zeit durch Wasser, Gestein und Erosion geformt wurde.
Der Bodekessel war früher wesentlich beeindruckender
Der heutige Wasserfall ist vergleichsweise klein. Das Wasser fällt heute nur noch ungefähr einen Meter in die Tiefe.
Das war jedoch nicht immer so.
Noch vor wenigen Jahrhunderten befand sich an dieser Stelle eine deutlich größere natürliche Felsstufe. Der Wasserfall war damals ungefähr 2,50 Meter hoch und stellte damit ein erhebliches Hindernis für die Nutzung der Bode dar.
Für heutige Wanderer mag es zunächst überraschend sein, dass ein Wasserfall im abgelegenen Bodetal einmal ein wirtschaftliches Problem darstellen konnte.
Doch der Harz war über Jahrhunderte eine Landschaft, in der Holz, Erz, Kohle und andere Rohstoffe eine große Bedeutung besaßen.
Und deshalb wurde die Bode nicht nur als natürlicher Fluss betrachtet.
Sie war auch ein möglicher Transportweg.
Holz auf der Bode – die Zeit der Flößerei
Bevor es moderne Straßen und Lastwagen gab, war der Transport von Holz aus den schwer zugänglichen Wäldern des Harzes eine enorme Herausforderung.
Eine Möglichkeit bestand darin, Holz auf dem Wasser zu transportieren.
Beim sogenannten Flößen wurden Baumstämme beziehungsweise Holz zu Flößen zusammengebunden und mithilfe der Strömung talwärts transportiert.
Die Bode bot dafür grundsätzlich günstige Voraussetzungen.
Doch die natürliche Felsstufe am Bodekessel machte den Transport schwierig. Das Wasser stürzte dort über die Felskante und konnte die Flößer und das Holz gefährden.
Für die damaligen Menschen war der Bodekessel deshalb nicht nur eine schöne Naturerscheinung.
Er war ein Hindernis auf einem wichtigen Transportweg.
Ende des 18. Jahrhunderts entschloss man sich deshalb, den Wasserfall zu verändern.
1784 wurde der Wasserfall gesprengt
Im Jahr 1784 wurde die damals ungefähr 2,50 Meter hohe Felsstufe gesprengt.
Damit veränderte der Mensch die natürliche Gestalt des Bodekessels.
Durch die Sprengung entstand die heute sichtbare, deutlich kleinere und stufenartige Form. Der Eingriff sollte vor allem die Flößerei erleichtern und den Transport des Holzes zur Eisenhütte in Thale ermöglichen.
Damit ist der Bodekessel ein besonders interessantes Beispiel für das Verhältnis zwischen Mensch und Natur.
Der Harz war niemals eine völlig unberührte Wildnis. Über Jahrhunderte haben Bergbau, Hüttenwesen, Forstwirtschaft, Köhlerei, Flößerei und später auch der Tourismus die Landschaft verändert.
Am Bodekessel lässt sich diese Geschichte unmittelbar am Felsen ablesen.
Spuren der Vergangenheit im Gestein
Wer genau hinsieht, kann rund um den Bodekessel weitere Hinweise auf die Vergangenheit erkennen.
An den Felsen befinden sich unterschiedliche Ablagerungen und Verfärbungen. Sie können unter anderem zeigen, bis wohin das Wasser in früheren Zeiten reichte.
Die Felsen sind damit gewissermaßen ein natürliches Geschichtsbuch.
Sie erzählen nicht mit Worten, sondern durch ihre Formen, Risse, Vertiefungen und Ablagerungen davon, wie sich das Wasser und damit auch die Landschaft im Laufe der Zeit verändert haben.
Besonders beeindruckend ist dabei der Gedanke, dass die Bode seit sehr langer Zeit unermüdlich durch das Tal fließt.
Jeder einzelne Tropfen trägt zwar kaum sichtbar zur Veränderung des Gesteins bei.
Doch über Jahrtausende und noch längere Zeiträume entsteht daraus eine Landschaft, die heute wie selbstverständlich wirkt.
Der Bodekessel und die Sage von Bodo
Doch der Bodekessel besitzt nicht nur eine geologische und historische Geschichte.
Er ist auch Teil der berühmten Sagenwelt des Bodetals.
Sein Name wird in einer alten Sage mit dem Ritter Bodo verbunden.
Der Überlieferung nach verfolgte Bodo die Königstochter Brunhilde, die vor ihm floh. In ihrer Verzweiflung erreichte Brunhilde den Rand des heutigen Hexentanzplatzes. Vor ihr lag die tiefe Schlucht des Bodetals, hinter ihr kam Bodo immer näher.
Brunhilde wagte schließlich einen gewaltigen Sprung.
Mit ihrem Pferd sprang sie über die Schlucht und erreichte sicher den gegenüberliegenden Felsen – die heutige Rosstrappe.
Dabei soll der Huf ihres Pferdes den berühmten Abdruck im Granit hinterlassen haben.
Bodo hingegen hatte weniger Glück.
Sein Pferd schaffte den Sprung nicht. Ross und Reiter stürzten in die Tiefe.
Nach der Sage wurde Bodo anschließend in einen schwarzen Hund verwandelt. Seitdem soll er im Bereich des Bodekessels eine goldene Krone bewachen, die Brunhilde während ihres Sprunges verloren haben soll. Auch die Bode selbst soll nach Bodo benannt worden sein.
Natürlich handelt es sich hierbei um eine Sage und nicht um eine historisch nachgewiesene Begebenheit.
Aber genau solche Geschichten haben wesentlich dazu beigetragen, dass das Bodetal bis heute als eine der sagenreichsten Landschaften des Harzes gilt.
Die goldene Krone im Bodekessel
Besonders geheimnisvoll ist der Teil der Sage, nach dem Bodo als schwarzer Hund im Bodekessel die verlorene Krone bewacht.
Die Vorstellung einer verborgenen Krone tief unten im Wasser passt dabei erstaunlich gut zur Atmosphäre dieses Ortes.
Das Wasser der Bode rauscht durch die engen Felsen. Die Schlucht ist stellenweise dunkel und schattig. Zwischen den Felsen sammelt sich das Wasser in tiefen Bereichen, während die Strömung unaufhörlich weiterzieht.
Für Menschen vergangener Zeiten waren solche schwer zugänglichen Orte ideale Schauplätze für Geschichten über verborgene Schätze, verwunschene Gestalten und übernatürliche Wächter.
Vielleicht ist genau deshalb die Vorstellung vom schwarzen Hund des Bodo so lange erhalten geblieben.
Ein Ort zwischen Natur und Menschenhand
Der Bodekessel erzählt somit gleich mehrere Geschichten.
Da ist zunächst die Geschichte der Natur:
Wasser hat über sehr lange Zeit den Granit bearbeitet und den natürlichen Strudeltopf geschaffen.
Dann gibt es die Geschichte der Menschen:
1784 wurde die natürliche Felsstufe verändert, damit die Flößerei erleichtert werden konnte. Die Bode war damit nicht nur Teil der Landschaft, sondern auch Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung des Harzes.
Und schließlich gibt es die Geschichte der Sage:
Bodo soll hier als schwarzer Hund die verlorene Krone bewachen.
Drei Geschichten treffen an einem einzigen Ort aufeinander.
Natur. Geschichte. Mythos.
Das Bodetal – eine Schlucht voller Geschichten
Der Bodekessel liegt mitten in einer Landschaft, die schon seit langer Zeit Menschen fasziniert.
Das Bodetal gilt als eines der bedeutendsten und eindrucksvollsten Felsentäler nördlich der Alpen. Der Wanderweg zwischen Thale und Treseburg führt durch diese außergewöhnliche Landschaft und vorbei an zahlreichen Felsen, Aussichtspunkten und Naturerscheinungen.
Auch Dichter und Schriftsteller ließen sich von der Landschaft inspirieren. Goethe, Heine, Eichendorff und Fontane gehörten zu den bekannten Besuchern, die vom Harz und insbesondere von seiner eindrucksvollen Landschaft angezogen wurden.
Das erklärt vielleicht auch, warum gerade hier so viele Geschichten entstanden.
Wo Felsen ungewöhnliche Formen besitzen, wo tiefe Schluchten entstehen und wo das Wasser mit lautem Rauschen durch den Wald fließt, beginnt die menschliche Fantasie Geschichten zu erzählen.
Der Bodekessel heute
Heute ist der Bodekessel ein beliebter Punkt für Wanderer und Naturfreunde.
Wer hier eine Pause macht, erlebt nicht nur einen kleinen Wasserfall.
Man kann dem Wasser zuhören, das über den Felsen läuft und in die natürliche Vertiefung fällt. Man kann die Felsen betrachten und sich bewusst machen, dass sie über unvorstellbar lange Zeit von der Bode geformt wurden.
Und vielleicht lohnt es sich, für einen Moment die heutige Zeit zu vergessen.
Denn dort, wo heute Wanderer stehen, bewegten sich einst Flößer mit ihren Holzstämmen durch das Tal.
Dort, wo heute Touristen die Landschaft fotografieren, arbeiteten Menschen früher mit der Kraft des Wassers und des Waldes.
Und dort, wo heute nur das Rauschen der Bode zu hören ist, erzählt die alte Sage noch immer von Bodo, dem schwarzen Hund, der irgendwo in der Tiefe des Bodekessels seine goldene Krone bewachen soll.
Ein kleines Naturwunder mit großer Geschichte
Der Bodekessel ist vielleicht nicht der größte Wasserfall des Harzes.
Aber seine Bedeutung liegt auch nicht in seiner Höhe.
Seine Besonderheit liegt darin, dass an diesem kleinen Ort so viele verschiedene Ebenen der Harzer Geschichte zusammentreffen.
Hier zeigt die Natur, wie Wasser Granit verändern kann.
Hier zeigt die Geschichte, wie Menschen die Natur für ihre wirtschaftlichen Zwecke umgestaltet haben.
Und hier zeigt die Sage, wie Menschen versucht haben, außergewöhnliche Landschaften mit Geschichten zu erklären.
Der Bodekessel ist deshalb weit mehr als eine kleine Felsstufe im Bodetal.
Er ist ein Ort, an dem man erkennen kann, dass eine Landschaft nicht nur aus Bergen, Wäldern und Flüssen besteht.
Sie besteht auch aus den Spuren der Menschen, den Erinnerungen vergangener Generationen und den Geschichten, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden.
Und vielleicht ist es genau diese Mischung, die das Bodetal bis heute so geheimnisvoll macht.
Denn wenn die Bode durch den Fels rauscht und der Wind durch die Bäume zieht, bleibt ein kleiner Teil der alten Sage lebendig:
Vielleicht bewacht Bodo seine goldene Krone noch immer irgendwo tief unten im Bodekessel.