Die Hexen vom Bodetal

Veröffentlicht am 4. September 2026 um 13:04

Es war einmal ein kleines Mädchen, das mit seiner Großmutter am Rand des Bodetals lebte.

Eines Abends musste es noch Holz sammeln.

Der Wald war bereits dunkel.

Plötzlich hörte das Mädchen Stimmen.

Sie kamen von oben aus den Felsen.

Neugierig ging es ein Stück weiter.

Zwischen den Bäumen sah es ein Feuer.

Darum standen Frauen mit langen dunklen Gewändern.

Sie sangen und tanzten.

Das Mädchen erschrak.

Eine der Frauen drehte sich plötzlich zu ihm um.

„Was suchst du hier?“

Das Mädchen konnte kein Wort sagen.

Da nahm die Frau einen kleinen Zweig vom Boden und hielt ihn hoch.

„Nimm ihn mit nach Hause. Aber schau nicht zurück.“

Das Mädchen rannte.

Es hörte hinter sich Gelächter.

Es hörte Schritte.

Es hörte seinen Namen.

Doch es schaute nicht zurück.

Zu Hause angekommen, legte es den Zweig auf den Tisch.

Am nächsten Morgen war daraus ein Stück glänzendes Silber geworden.

Seit diesem Tag, so erzählt man, wusste die Großmutter:

Die Hexen des Bodetals hatten das Mädchen verschont.



Hexen im Harz – Unheimlich, gefürchtet, verfolgt und bis heute lebendig

Kaum eine Gestalt ist so eng mit der Sagenwelt des Harzes verbunden wie die Hexe.

Ob auf dem Brocken, dem sagenumwobenen Blocksberg, auf dem Hexentanzplatz bei Thale oder in den zahlreichen kleinen Dörfern und Städten des Harzes – überall begegnet man Geschichten über Hexen, Teufel, Zauberei und geheimnisvolle nächtliche Zusammenkünfte.

Heute gehören Hexenhüte, Besen, Warzen, schwarze Katzen und große Kessel beinahe selbstverständlich zum Bild einer „klassischen Hexe“.

Doch dieses Bild ist vergleichsweise jung.

Die Vorstellung von der Hexe hat sich über viele Jahrhunderte verändert. Sie setzt sich aus unterschiedlichen Erzählungen, religiösen Vorstellungen, Volksglauben, Märchen, Sagen, literarischen Darstellungen und schließlich auch aus der Geschichte der Hexenverfolgungen zusammen.

Die Hexe, wie wir sie heute kennen, ist deshalb keine einzelne historische Figur.

Sie ist vielmehr eine Gestalt, die sich über Jahrhunderte immer wieder verändert hat.


Was ist eigentlich eine Hexe?

Unter einer Hexe versteht man heute meistens eine Frau mit übernatürlichen oder magischen Fähigkeiten.

In Märchen kann eine Hexe böse und gefährlich sein.

Sie kann Kinder in Lebkuchenhäuser locken, Menschen verfluchen, Tränke brauen oder sich in Tiere verwandeln.

In modernen Geschichten kann eine Hexe dagegen auch eine gute, hilfsbereite oder sogar humorvolle Figur sein.

Doch das war nicht immer so.

Der Begriff „Hexe“ und die Vorstellungen, die damit verbunden wurden, haben eine lange und komplizierte Geschichte.

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit wurden Menschen, denen man Zauberei oder Schadenszauber vorwarf, nicht einfach als Märchenfiguren betrachtet.

Für manche Menschen waren solche Anschuldigungen bitterer Ernst.

Sie konnten dazu führen, dass ein Mensch vor Gericht gestellt, gefoltert und im schlimmsten Fall hingerichtet wurde.


Von weisen Frauen zu gefürchteten Zauberinnen

In der europäischen Volkskultur gab es seit langer Zeit Vorstellungen von Menschen, die über besonderes Wissen verfügten.

Dazu konnten beispielsweise Kenntnisse über Heilpflanzen, Geburtshilfe, Kräuter, Krankheiten oder traditionelle Bräuche gehören.

Solche Menschen konnten in ihrer Gemeinschaft durchaus angesehen sein.

Doch die Vorstellung, dass eine Frau mit besonderem Wissen automatisch eine „Hexe“ im späteren Sinne gewesen sei, wäre historisch zu einfach.

Es gab in der vorchristlichen Welt unterschiedliche religiöse Spezialisten, Heiler, Wahrsager und Kultkundige. Ihre genaue gesellschaftliche Rolle unterschied sich je nach Zeit und Region.

Erst im Laufe des Mittelalters entstand zunehmend die Vorstellung einer Person, die ihre angeblichen magischen Fähigkeiten durch einen Bund mit dem Teufel erhalten habe.

Damit veränderte sich die Bedeutung der Hexe grundlegend.

Aus einer möglicherweise weisen oder kundigen Person wurde in der Vorstellung der Hexenverfolger eine Gefahr für die christliche Gemeinschaft.


Die Dämonisierung der Hexe

Im Laufe des Mittelalters entwickelten sich innerhalb der christlichen Gelehrtenwelt immer umfangreichere Vorstellungen darüber, was Hexerei angeblich bedeute.

Dabei ging es nicht nur um Zauberei.

Viel schwerwiegender war aus theologischer Sicht die Vorstellung, dass ein Mensch sich vom christlichen Glauben abgewandt und einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe.

Dem angeblichen Hexenwesen wurden deshalb immer mehr Eigenschaften zugeschrieben.

Hexen sollten Krankheiten verursachen können.

Sie sollten Unwetter herbeiführen.

Sie sollten Tiere oder Ernten schädigen.

Sie sollten Menschen verfluchen.

Und schließlich entstand die Vorstellung, dass sie sich nachts mit anderen Hexen zu geheimen Zusammenkünften treffen würden.

Diese angeblichen Zusammenkünfte wurden als Hexensabbat bezeichnet.

Wichtig ist dabei:

Der Hexensabbat ist kein nachgewiesenes regelmäßiges Fest realer Hexen.

Er gehört vor allem zur Vorstellung der damaligen Hexenlehre und zu den Aussagen, die in Hexenprozessen unter den Bedingungen von Verhören und Folter entstanden.


Der Hexenflug

Zu den bekanntesten Vorstellungen gehörte der sogenannte Hexenflug.

Nach den damaligen Vorstellungen konnten Hexen durch die Luft zu ihren geheimen Versammlungen gelangen.

Dabei sollten sie auf Besen, Tieren oder anderen Gegenständen reiten.

Der berühmte Hexenbesen wurde dadurch zu einem der wichtigsten Symbole der Hexe.

Später wurde daraus das Bild, das wir heute kennen:

Eine Hexe sitzt auf einem Besen und fliegt durch die Nacht.

Aus historischer Sicht darf man dieses Bild jedoch nicht mit einer tatsächlich beobachteten Praxis verwechseln.

Es handelt sich um eine Vorstellung innerhalb des damaligen Hexenglaubens.


Der Brocken – der berühmteste Blocksberg Deutschlands

Kein anderer Berg Deutschlands ist so eng mit der Hexensage verbunden wie der Brocken.

Mit seinen 1.141 Metern ist er der höchste Berg des Harzes.

In der Sagenwelt trägt er auch den Namen Blocksberg.

Dabei war „Blocksberg“ ursprünglich nicht zwingend der Name eines einzigen bestimmten Berges.

Der Begriff konnte allgemein für einen Berg verwendet werden, auf dem sich nach dem Volksglauben Hexen zu ihren nächtlichen Zusammenkünften versammelten.

Erst im Laufe der Zeit wurde der Brocken zum berühmtesten und bekanntesten Blocksberg.

Damit wurde der Harz zu einer der wichtigsten Landschaften der deutschen Hexensagen.


Warum gerade der Brocken?

Der Brocken besitzt eine Landschaft, die seit Jahrhunderten die Fantasie der Menschen angeregt hat.

Nebel kann innerhalb kürzester Zeit über den Gipfel ziehen.

Starke Winde verändern das Wetter innerhalb weniger Minuten.

Felsen und Bäume verschwinden im Nebel.

Die Sicht kann plötzlich vollkommen abbrechen.

Und manchmal erscheint im Nebel sogar das berühmte Brockengespenst.

Dabei handelt es sich um ein echtes optisches Naturphänomen: Der Schatten eines Menschen wird auf eine Nebel- oder Wolkenwand projiziert und kann dadurch riesig und beinahe körperlos erscheinen. Das Phänomen wurde bereits 1780 von Johann Esaias Silberschlag beschrieben.

Für Menschen vergangener Jahrhunderte, die solche optischen Erscheinungen nicht wissenschaftlich erklären konnten, musste der Brocken daher wie ein außergewöhnlicher und geheimnisvoller Ort wirken.


Der Hexentanzplatz bei Thale

Noch enger mit den Hexensagen verbunden ist der Hexentanzplatz bei Thale.

Das Plateau liegt rund 454 Meter über dem Meeresspiegel hoch über dem Bodetal.

Gegenüber befindet sich die Rosstrappe.

Zwischen beiden Felsen hat die Bode über Jahrtausende eine tiefe Schlucht geschaffen.

Schon die Landschaft wirkt wie eine natürliche Bühne für eine Sage.

Und tatsächlich gibt es hier nicht nur Geschichten über Hexen, sondern auch Spuren einer sehr alten menschlichen Vergangenheit.

Auf dem Plateau befinden sich Überreste einer vorgeschichtlichen Befestigungsanlage.

Der sogenannte Sachsenwall wird in die frühe Eisenzeit datiert.

Damit reicht die menschliche Geschichte dieses Ortes weit über die späteren Hexensagen hinaus.


Eine alte Kultstätte?

Rund um den Hexentanzplatz wird häufig erzählt, dass hier bereits vor der Christianisierung heidnische Feste und religiöse Rituale stattfanden.

Die Region weist tatsächlich archäologische Spuren einer sehr frühen Nutzung auf.

Was genau dort vor mehr als zweitausend Jahren geschah, lässt sich jedoch nicht in allen Einzelheiten rekonstruieren.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Archäologisch nachweisbar ist die frühe Nutzung des Gebietes.

Nicht jede spätere Erzählung über Hexen, Opfer, Götter und geheime Rituale ist deshalb automatisch historisch bewiesen.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden verschiedene Vorstellungen miteinander verbunden.

Aus alten Erinnerungen an vorchristliche Bräuche konnten neue Geschichten entstehen.

Und aus Orten, deren ursprüngliche Bedeutung irgendwann nicht mehr verstanden wurde, konnten in der Volksüberlieferung geheimnisvolle Hexenplätze werden.


Die Christianisierung und die alten Bräuche

Mit der Christianisierung veränderte sich die religiöse Landschaft des Harzes.

Alte religiöse Vorstellungen verschwanden nicht unbedingt sofort.

Manche Bräuche wurden aufgegeben.

Andere wurden umgedeutet.

Wieder andere lebten möglicherweise in veränderter Form weiter.

Dabei sollte man sich die Christianisierung nicht als einen einzigen Moment vorstellen.

Sie war ein langer Prozess, der sich über Generationen erstreckte.

Im späteren Volksglauben entstanden daraus Geschichten über Menschen, die heimlich an alten Bräuchen festhielten.

Diese Geschichten wurden schließlich mit Hexen und Teufeln verbunden.

So entstand ein Teil der geheimnisvollen Atmosphäre, die heute mit dem Harz verbunden wird.


Die Walpurgisnacht

Besonders eng mit dem Hexenglauben verbunden ist die Walpurgisnacht.

Sie wird in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai gefeiert.

Heute ist sie im Harz ein großes traditionelles und touristisches Fest.

In zahlreichen Orten werden Veranstaltungen organisiert. Besonders bekannt sind unter anderem Thale, Schierke, Braunlage, Bad Grund, Hahnenklee und Sankt Andreasberg.

Hexen und Teufel gehören dabei fest zum Erscheinungsbild.

Menschen verkleiden sich, es gibt Musik, Feuer, Tanz und Veranstaltungen.

Doch auch hier lohnt sich ein Blick auf die Geschichte.


Wer war Walburga?

Der Name Walpurgisnacht geht auf die heilige Walburga zurück.

Walburga war eine angelsächsische Missionarin und Äbtissin des 8. Jahrhunderts.

Ihr Gedenktag wurde traditionell am 1. Mai begangen.

Im Laufe der Zeit verband sich dieser christliche Gedenktag mit älteren Frühlingsbräuchen und mit dem europäischen Hexenglauben.

So entstand eine ungewöhnliche Verbindung:

Eine christliche Heilige gab einem Fest seinen Namen, das später vor allem mit Hexen, Teufeln und vorchristlichen Vorstellungen verbunden wurde.


Walpurgisnacht bedeutet nicht automatisch „Hexenfeuer“

Heute werden die großen Feuer zum 30. April häufig als Hexenfeuer bezeichnet.

Der Begriff ist jedoch historisch nicht ganz unproblematisch.

Denn Feuer und Frühlingsbräuche sind nicht automatisch ein Beweis für historische Hexenrituale.

Vielmehr haben sich im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Traditionen miteinander vermischt.

Frühlingsfeuer, Maibräuche, christliche Gedenktage, Volksglaube und die Vorstellung vom Hexensabbat wurden zu dem Bild verbunden, das wir heute mit Walpurgis verbinden.

Der Harzer Tourismus greift diese Tradition heute bewusst auf und macht sie zu einem großen regionalen Brauchtumsfest.


Die dunkle Seite der Hexengeschichte

Hinter der heutigen fröhlichen Walpurgisnacht steht jedoch ein sehr viel dunkleres Kapitel der europäischen Geschichte.

Die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit führten dazu, dass zahlreiche Menschen beschuldigt wurden, mit dem Teufel im Bund zu stehen oder durch Zauberei Schaden anzurichten.

Die Verfolgungen fanden vor allem zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert statt.

Dabei gab es allerdings keine einheitliche, europaweit gleich verlaufende Hexenjagd.

Die Verfolgungen unterschieden sich von Region zu Region erheblich.

Es gab ebenso Menschen, die den Hexenglauben und die Prozesse kritisierten.

Das Deutsche Historische Museum weist ausdrücklich darauf hin, dass die Hexenverfolgungen kein einheitliches europäisches Geschehen waren und dass sich bereits damals kritische Stimmen gegen Hexenglauben, Gerichtsverfahren und Folter erhoben.


Auch Männer und Kinder wurden verfolgt

Ein weit verbreitetes Bild ist die Vorstellung, dass ausschließlich alte Frauen als Hexen verfolgt wurden.

Das stimmt nicht.

Zwar waren Frauen in vielen Regionen die Mehrheit der Angeklagten, doch auch Männer und Kinder konnten beschuldigt und verfolgt werden.

Die Vorwürfe konnten unterschiedlich sein.

Man beschuldigte Menschen beispielsweise, Krankheiten verursacht, Vieh geschädigt, Unwetter herbeigeführt oder mit dem Teufel zusammengearbeitet zu haben.

Aus einem Streit unter Nachbarn, einem Todesfall, einer schlechten Ernte oder einer Krankheit konnte unter bestimmten Umständen ein Hexereiverdacht entstehen.


Folter und erzwungene Geständnisse

Besonders erschreckend ist die Rolle der Folter.

In bestimmten Hexenprozessen wurde Folter eingesetzt, um Geständnisse zu erzwingen.

Die Angeklagten sollten Namen weiterer angeblicher Hexen nennen.

Dadurch konnte eine einzige Anschuldigung eine ganze Kette weiterer Verdächtigungen auslösen.

Ein Geständnis unter Folter ist natürlich kein Beweis dafür, dass die beschuldigte Person tatsächlich zaubern konnte.

Viele der vermeintlichen Geständnisse spiegeln vielmehr die Vorstellungen der Verfolger und die Bedingungen des Verfahrens wider.

Gerade deshalb ist die Geschichte der Hexenverfolgungen nicht nur eine Geschichte über Aberglauben.

Sie ist auch eine Geschichte über Angst, Macht, Vorurteile, Justiz und Gewalt.


Hexenverfolgungen gab es auch im Harz

Auch der Harz blieb von den Hexenverfolgungen nicht verschont.

In verschiedenen Orten der Harzregion kam es zu Verfahren gegen Menschen, denen Hexerei vorgeworfen wurde.

Dabei waren nicht nur abgelegene Dörfer betroffen.

Auch Städte und Herrschaftsgebiete führten entsprechende Verfahren.

Der Harz war durch seine vielen kleinen Herrschaften, Bergbaugebiete und unterschiedlichen Territorien politisch stark gegliedert.

Das bedeutete auch, dass sich die Verfolgungen regional sehr unterschiedlich entwickelten.

Die Geschichte der Harzer Hexen ist deshalb nicht nur eine Geschichte des Brockens.

Sie findet sich in vielen einzelnen Orten, Archiven und Gerichtsakten.


Vom Schrecken zur Sagenfigur

Nach dem Ende der großen Hexenverfolgungen veränderte sich die Bedeutung der Hexe erneut.

Die Hexe verlor zunehmend ihren Charakter als reale Bedrohung.

Sie wurde zur Figur von Märchen, Sagen, Büchern und später auch Theater, Film und Fernsehen.

Aus der gefürchteten Frau wurde eine literarische Gestalt.

Aus der angeblichen Zauberin wurde die Märchenhexe.

Und irgendwann wurde aus der bedrohlichen Figur sogar eine freundliche und lustige Gestalt.

Heute kann eine Hexe eine böse Märchenfigur sein.

Sie kann aber ebenso eine gute Kräuterfrau, eine weise Frau oder eine humorvolle Figur darstellen.


Goethe und die Hexen des Harzes

Einen besonders großen Einfluss auf das moderne Bild des Harzes hatte Johann Wolfgang von Goethe.

Goethe besuchte den Harz mehrfach und beschäftigte sich intensiv mit der Landschaft.

Besonders berühmt wurde seine Verbindung des Brockenmythos mit der Walpurgisnacht in „Faust“.

In Goethes Werk ziehen Hexen zum Brocken.

Der Berg wird zum Schauplatz einer fantastischen und grotesken Welt aus Hexen, Teufeln und geheimnisvollen Gestalten.

Damit wurde der Brocken endgültig zu einem der bekanntesten literarischen Hexenberge Europas.

Auch die heutige Harzer Walpurgistradition greift diese literarische Verbindung auf.


Der Brocken als literarischer Blocksberg

Goethes „Faust“ hatte enorme Wirkung.

Der Brocken war nicht mehr nur ein entfernter Berg im Harz.

Er wurde zum Blocksberg der deutschen Literatur.

Die Vorstellung vom Hexenflug zum Brocken, vom nächtlichen Hexentreiben und von der Begegnung mit dem Teufel prägte das Bild des Berges nachhaltig.

Auch heute finden Besucher am Brocken zahlreiche Hinweise auf diese literarische Tradition.

Der Hexenglaube wurde dadurch zu einem wichtigen Bestandteil der kulturellen Identität des Harzes.


Johannes Praetorius und der Blocksberg

Noch vor Goethe hatte ein anderer Schriftsteller entscheidend dazu beigetragen, den Brocken mit der Hexensage zu verbinden:

Johannes Praetorius.

Im 17. Jahrhundert veröffentlichte er eine umfangreiche Beschreibung des Blocksbergs und sammelte darin Berichte über den Berg, Hexenfahrten und angebliche Zaubersabbate.

Damit wurde der Brocken als Schauplatz der Hexenwelt zunehmend bekannt.

Praetorius trug wesentlich dazu bei, dass sich die Vorstellungen vom Blocksberg und seinen Hexen in schriftlicher Form verbreiteten.

Später griff Goethe diese Tradition auf und machte sie zu einem Teil der Weltliteratur.


Die Sage von den verkleideten Sachsen

Eine weitere Harzer Überlieferung versucht zu erklären, warum Hexen überhaupt mit bestimmten Bergen verbunden wurden.

Nach der Sage sollen sich die letzten Anhänger des alten Glaubens vor den christlichen Verfolgern zurückgezogen haben.

Um die christlichen Männer abzuschrecken, sollen sie sich besonders furchterregend verkleidet haben.

Mit Masken, Tierfellen und ungewöhnlichen Gestalten hätten sie die Verfolger erschreckt.

Aus diesen Erzählungen entwickelte sich später die Vorstellung von Hexen und Dämonen.

Diese Geschichte gehört jedoch zur Sagenüberlieferung und darf nicht als historischer Bericht über tatsächlich stattgefundene Hexenfeste verstanden werden.

Gerade solche Geschichten zeigen aber, wie Menschen versuchten, die Vergangenheit ihrer Landschaft zu erklären.


Der Hexenbesen als Symbol

Kaum etwas ist so eng mit der Hexe verbunden wie der Besen.

Eine Erklärung innerhalb der Harzer Sagenwelt lautet, dass ungewöhnlich verkleidete Menschen bei alten Festen Besen oder Zweige mit sich geführt hätten.

Andere Deutungen verbinden den Besen mit älteren Fruchtbarkeits- und Reinigungsbräuchen.

Historisch lässt sich jedoch keine einfache Geschichte finden, aus der eindeutig hervorgeht:

„So entstand der Hexenbesen.“

Seine heutige Bedeutung ist das Ergebnis vieler verschiedener Vorstellungen.

Heute gehört er untrennbar zur Hexenfigur.


Die moderne Hexe

Heute ist die Hexe wieder etwas anderes.

Viele Menschen beschäftigen sich mit Kräutern, Natur, alten Bräuchen, Meditation oder modernen Formen der Spiritualität und bezeichnen sich teilweise selbst als „Hexen“.

Diese moderne Verwendung des Begriffs ist jedoch nicht mit den historischen Hexenprozessen gleichzusetzen.

Die moderne „Hexe“ kann für Naturverbundenheit, weibliche Selbstbestimmung, Spiritualität oder Interesse an alten Bräuchen stehen.

Sie ist damit eine moderne kulturelle Figur und nicht einfach eine Fortsetzung der historischen Angeklagten aus den Hexenprozessen.


Die Hexe als Symbol für Freiheit und Anderssein

Interessant ist auch, wie sich die Bedeutung der Hexe verändert hat.

Früher war sie eine Figur der Angst.

Sie stand für das Unbekannte.

Für das Fremde.

Für das, was nicht kontrolliert werden konnte.

Heute kann die Hexe dagegen gerade für Freiheit, Selbstbestimmung und Anderssein stehen.

Aus der Figur, die früher verfolgt wurde, ist in modernen Erzählungen teilweise eine selbstbewusste Gestalt geworden.

Sie kennt die Natur.

Sie besitzt Wissen.

Sie folgt nicht immer den Regeln der Gesellschaft.

Und genau deshalb ist die Hexe heute für viele Menschen eine faszinierende Figur.


Hexen im Harz heute

Im Harz sind Hexen längst ein fester Bestandteil der regionalen Kultur und des Tourismus.

Auf Souvenirs findet man sie als Holzfiguren, Puppen, Magnete und Dekoration.

Auf Festen treten Menschen als Hexen und Teufel verkleidet auf.

Auf dem Hexentanzplatz gehören sie zum Erscheinungsbild.

Und zur Walpurgisnacht wird die gesamte Region zur Bühne für diese alten Geschichten.

In mehr als 20 Orten des Harzes finden heute Walpurgisveranstaltungen statt. Zu den besonders bekannten Veranstaltungsorten zählen Thale und Schierke.


Auf den Spuren der Hexen im Harz

Wer sich auf die Spuren der Harzer Hexen begeben möchte, findet zahlreiche Orte, an denen Geschichte und Sage miteinander verbunden sind.

Der Brocken

Der Brocken ist der berühmteste Blocksberg Deutschlands.

Hier treffen Natur, Mythos und Literatur aufeinander.

Der Nebel, das wechselhafte Wetter und das seltene Brockengespenst verstärken bis heute die geheimnisvolle Atmosphäre des Gipfels.

Der Hexentanzplatz bei Thale

Der Hexentanzplatz ist einer der bekanntesten Schauplätze der Harzer Hexensagen.

Von hier aus blickt man über das Bodetal zur Rosstrappe.

Gleichzeitig erinnern archäologische Spuren daran, dass der Ort bereits lange vor der Entstehung der Hexensagen von Menschen genutzt wurde.

Die Walpurgishalle

Die 1901 errichtete Walpurgishalle verbindet Harzer Sagenwelt und Literatur.

Im Inneren befinden sich fünf große Gemälde von Hermann Hendrich, die Szenen aus Goethes „Faust“ und der Walpurgisnacht darstellen.

Thale und die Walpurgisnacht

Am 30. April wird Thale zu einem der bekanntesten Schauplätze der modernen Harzer Walpurgisfeiern.

Dabei wird die alte Hexenüberlieferung heute nicht mehr als reale Gefahr verstanden, sondern als Brauchtum, Fest und kulturelle Tradition.


Hexen – zwischen Wahrheit und Legende

Die Geschichte der Hexen im Harz lässt sich nicht auf eine einzige Erzählung reduzieren.

Es gibt die historische Ebene:

Menschen wurden tatsächlich der Hexerei beschuldigt, vor Gericht gestellt und teilweise gefoltert und hingerichtet.

Es gibt die religiöse Ebene:

Gelehrte entwickelten Vorstellungen vom Teufelspakt, Hexenflug und Hexensabbat.

Es gibt die volkstümliche Ebene:

Sagen erzählten von Hexen, geheimnisvollen Nächten und verborgenen Kräften.

Es gibt die literarische Ebene:

Schriftsteller wie Goethe machten den Brocken zum weltberühmten Blocksberg.

Und es gibt die moderne Ebene:

Hexen gehören heute zu den beliebtesten Figuren der Harzer Sagen- und Festkultur.

All diese Ebenen haben sich miteinander verbunden.


Ein anderes Bild der Hexe

Vielleicht sollte man die Hexe deshalb nicht nur als alte Frau mit Hakennase, Warzen und schwarzem Umhang betrachten.

Hinter dieser Figur steckt eine jahrhundertelange Geschichte.

Eine Geschichte über Menschen, die Wissen besaßen.

Über Menschen, die anders waren.

Über Angst vor dem Unbekannten.

Über religiöse Vorstellungen.

Über Aberglauben.

Über Macht und Verfolgung.

Aber auch über Fantasie, Literatur und die menschliche Fähigkeit, Geschichten zu erzählen.

Die Hexe ist damit weit mehr als eine Figur aus einem Märchen.

Sie ist ein Spiegel ihrer jeweiligen Zeit.


Von der gefürchteten Frau zur beliebten Harzer Figur

Die vielleicht erstaunlichste Entwicklung besteht darin, dass aus einer einst gefürchteten und verfolgten Gestalt heute eine der beliebtesten Figuren des Harzes geworden ist.

Kinder verkleiden sich als Hexen.

Erwachsene feiern Walpurgis.

Auf Souvenirs sitzen Hexen auf Besen.

Auf Bühnen werden Geschichten über Hexen und Teufel aufgeführt.

Und jedes Jahr am 30. April wird die alte Sage wieder zum Leben erweckt.

Doch wenn in der Walpurgisnacht die Feuer brennen und überall Hexen zu sehen sind, sollte man auch daran denken, dass die Geschichte hinter dieser Figur nicht nur lustig und märchenhaft ist.

Hinter dem Bild der Hexe stehen reale Menschen, die einst wegen angeblicher Zauberei verfolgt wurden.


Zwischen Geschichte, Sage und Mythos

Der Harz ist deshalb ein besonderer Ort für die Geschichte der Hexen.

Hier stehen sich Wissenschaft und Überlieferung nicht unbedingt als Gegensätze gegenüber.

Sie erzählen vielmehr unterschiedliche Teile derselben Kulturgeschichte.

Die Archäologie erzählt von den Menschen, die vor Jahrhunderten und Jahrtausenden im Harz lebten.

Die Geschichtsforschung erzählt von Christianisierung, Hexenglauben und Verfolgung.

Die Literatur erzählt vom Blocksberg und von Goethes Walpurgisnacht.

Die Sagen erzählen von Hexen, Teufeln und geheimnisvollen Nächten.

Und die Menschen von heute führen diese Geschichten in Form von Festen und Bräuchen weiter.


Wenn die Nacht über den Harz fällt

Vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination der Harzer Hexen.

Wenn am Abend Nebel über das Bodetal zieht, wenn der Wind über den Brocken weht und die Wälder langsam dunkel werden, verändert sich die Landschaft.

Die Felsen wirken größer.

Die Schatten werden länger.

Geräusche tragen durch das Tal.

Und plötzlich versteht man, warum Menschen früher an diesem Ort Geschichten über Hexen und Geister erzählen konnten.

Heute wissen wir, dass viele der geheimnisvollen Erscheinungen natürliche Ursachen haben.

Wir wissen, dass der Brockennebel keine Geister braucht.

Wir wissen, dass ein Schatten im Nebel ein Brockengespenst werden kann.

Und wir wissen, dass Hexenprozesse keine Beweise für Magie waren.

Doch trotzdem haben die alten Geschichten ihren Zauber behalten.

Denn Sagen müssen nicht wahr sein, um ein Stück Geschichte zu bewahren.

Und so fliegen die Hexen im Harz noch immer durch die Nacht.

Nicht mehr als gefürchtete Frauen.

Nicht mehr als Angeklagte vor einem Gericht.

Sondern als Figuren einer jahrhundertealten Erzähltradition.

Zwischen Brocken und Bodetal, zwischen Hexentanzplatz und Blocksberg, zwischen Geschichte und Sage lebt die Hexe im Harz bis heute weiter.