Das versunkene Dorf Schulenberg – Die Glocken aus der Tiefe
Tief unter der Oberfläche des Okerstausees liegt ein Stück Harzer Geschichte verborgen.
Dort, wo heute Wasser glitzert und Ausflugsschiffe über den See fahren, befand sich früher das alte Schulenberg im Oberharz. Häuser standen im Tal, Menschen lebten dort, arbeiteten im Wald und Bergbau und kannten jeden Weg, jeden Hang und jeden Bachlauf.
Doch Mitte des 20. Jahrhunderts verschwand dieses Dorf.
Nicht durch eine Katastrophe und auch nicht durch einen geheimnisvollen Fluch, sondern durch ein gewaltiges Bauprojekt: den Bau der Okertalsperre.
1954 mussten die Bewohner ihre Häuser verlassen. Das alte Dorf wurde geräumt und anschließend weitgehend abgetragen. Wenige Jahre später füllte sich das Tal mit Wasser. Aus dem ehemaligen Wohnort wurde der Grund des heutigen Okerstausees.
Seitdem erzählt man sich eine geheimnisvolle Geschichte:
Bei besonders niedrigem Wasserstand sollen die Überreste des alten Dorfes wieder sichtbar werden. Und manchmal, so heißt es, könne man sogar Glocken aus der Tiefe hören.
Doch die Wahrheit hinter dieser Sage ist noch ungewöhnlicher als die Geschichte selbst.
Ein Dorf muss dem Wasser weichen
Schulenberg war ursprünglich ein kleines Oberharzer Wald- und Bergarbeiterdorf. Die Siedlung bestand aus den Ortsteilen Unter- und Mittelschulenberg und lag im heutigen Weißwassertal.
Im Laufe seiner Geschichte war der Ort eng mit der Harzer Forst- und Bergbauwirtschaft verbunden. Die Bergbautradition endete erst im frühen 20. Jahrhundert; die letzte Grube in Schulenberg wurde 1904 geschlossen. Danach gewann vor allem die Forstwirtschaft an Bedeutung.
Doch bereits seit Jahrzehnten gab es Überlegungen, die Oker durch eine Talsperre zu regulieren.
Der Grund dafür war nicht nur die Gewinnung von Wasser. Immer wieder führten starke Niederschläge und Schneeschmelzen dazu, dass die Oker große Wassermengen führte. Die Fluten konnten bis weit ins Harzvorland reichen und dort erhebliche Schäden verursachen.
Mit der geplanten Talsperre sollte das Wasser kontrolliert und der Hochwasserschutz verbessert werden. Für Schulenberg bedeutete dieses Vorhaben jedoch das Ende des alten Dorfes.
Der Abschied im August 1954
Im Sommer 1954 wurde die Geschichte des alten Schulenbergs endgültig beendet.
Am 29. August 1954 verließen die Bewohner ihre Heimat. Rund 300 Menschen mussten ihre Häuser aufgeben und in das neu errichtete Schulenberg oberhalb des späteren Stausees umziehen. Der Abschied wurde von zahlreichen Menschen begleitet; Berichte sprechen von etwa 10.000 Zuschauern und Gästen, die den Umzug miterlebten.
Für die Bewohner war dieser Tag etwas ganz anderes als ein gewöhnlicher Umzug.
Sie verließen keinen Ort, den sie später einfach wieder besuchen konnten.
Sie wussten, dass ihre alte Heimat bald unter Wasser liegen würde.
Häuser, Wege, Gärten und vertraute Plätze sollten verschwinden.
Oberhalb des zukünftigen Stausees entstand deshalb ein neues Schulenberg. Die Menschen bekamen dort eine neue Heimat – aber ihre alte Heimat blieb im Tal zurück.
Dann kam das Wasser
Nachdem die Häuser geräumt worden waren, wurde das alte Dorf nicht einfach vollständig unter Wasser stehen gelassen. Die Gebäude wurden vor der Flutung weitgehend abgerissen und bis auf Grundmauern beseitigt.
Dann begann das Wasser seinen neuen Weg zu nehmen.
Mit dem Einstau der Okertalsperre verschwand das alte Tal langsam unter der Wasseroberfläche. Die heutige Talsperre besitzt eine etwa 260 Meter lange Staumauer; der Stausee bedeckt heute das ehemalige Tal.
Wo früher Menschen über Wege gingen, schwimmen heute Fische.
Wo einst Häuser standen, liegt heute der Seegrund.
Und wo früher das Tal von Stimmen, Holzarbeiten und Alltagsgeräuschen erfüllt war, hört man heute vor allem das Wasser.
Die Sage vom Kirchturm
Nach der Flutung entstand eine geheimnisvolle Erzählung.
Bei niedrigem Wasserstand, so heißt es, könne man die Spitze eines alten Kirchturms aus dem Okerstausee ragen sehen.
Noch geheimnisvoller wird die Geschichte durch ein weiteres Detail:
Manche Menschen behaupten, bei bestimmten Wetterlagen oder besonders niedrigem Wasserstand könne man Kirchenglocken aus der Tiefe hören.
Das Bild ist eindrucksvoll:
Ein stiller See liegt über dem ehemaligen Dorf.
Nebel zieht über die Wasseroberfläche.
Der Wind wird schwächer.
Und plötzlich soll aus der Tiefe ein dumpfer Glockenton heraufsteigen.
Ein Klang aus einer Welt, die längst verschwunden ist.
So wurde aus dem realen Schicksal Schulenbergs eine der bekanntesten modernen Sagen des Oberharzes.
Doch Schulenberg hatte gar keinen Kirchturm
Hier wird die Geschichte besonders interessant.
Denn historisch stimmt die Erzählung vom versunkenen Kirchturm nicht.
Das alte Schulenberg hatte vor der Flutung keine Kirche und keinen Kirchturm. Das wird sowohl vom NDR als auch von historischen kirchengeschichtlichen Quellen bestätigt.
Die Kirchengemeinde erhielt erst im Zusammenhang mit dem neuen Schulenberg ein eigenes Gotteshaus. Die St.-Petrus-Kapelle wurde nach der Umsiedlung gebaut und 1955 eingeweiht.
Damit kann die berühmte Kirchturmspitze gar nicht zu einem tatsächlich versunkenen Kirchengebäude des alten Dorfes gehört haben.
Und genau hier beginnt die Grenze zwischen Geschichte und Sage.
Die Kirchturmspitze, die tatsächlich im See stand
Noch überraschender ist, dass es die berühmte Kirchturmspitze tatsächlich einmal gegeben hat – allerdings nicht aus dem alten Dorf.
Ein Kapitän der Okersee-Schifffahrt ließ aus einem Scherz heraus eine Kirchturmspitze nachbauen und im Stausee verankern.
Damit wurde die Sage gewissermaßen sichtbar.
Menschen konnten tatsächlich eine Kirchturmspitze aus dem Wasser ragen sehen.
Wer die Hintergründe nicht kannte, konnte leicht glauben, es handle sich um den Turm einer alten, versunkenen Kirche.
So vermischten sich Realität und Erzählung immer weiter.
Das Dorf war tatsächlich versunken.
Ruinen waren bei niedrigem Wasserstand tatsächlich sichtbar.
Eine Kirchturmspitze war zeitweise tatsächlich zu sehen.
Nur gehörte sie nicht zu einer versunkenen Kirche.
Wenn das Wasser sinkt
Bei besonders niedrigem Wasserstand können tatsächlich Überreste des alten Schulenbergs sichtbar werden. Vor allem Grundmauern und Reste ehemaliger Gebäude können dann aus dem Wasser auftauchen.
Für ehemalige Bewohner besitzt dieser Anblick eine ganz andere Bedeutung als für Besucher.
Denn unter dem Wasser liegt nicht einfach eine alte Ruine.
Dort liegt ein Teil ihrer persönlichen Geschichte.
Menschen, die als Kinder durch die Straßen des alten Dorfes liefen, können sich noch an Häuser, Nachbarn und Wege erinnern, die heute nicht mehr existieren.
Der See hat damit etwas bewahrt und gleichzeitig verborgen.
Ein Dorf auf dem Grund des Sees
Heute ist der Okerstausee ein beliebtes Ausflugsziel. Boote fahren über das Wasser, Menschen wandern an den Ufern entlang und genießen die Landschaft des Oberharzes.
Kaum jemand würde beim Blick über die Wasserfläche vermuten, dass sich unter ihm einst ein bewohntes Tal befand.
Der Stausee erreicht an seiner tiefsten Stelle etwa 65 Meter. Bei hohem Wasserstand liegen die ehemaligen Gebäude des alten Schulenbergs viele Meter unter der Oberfläche.
Damit gehört Schulenberg zu jenen Orten, bei denen die Landschaft selbst zu einer Art Zeitkapsel geworden ist.
Was wirklich unter Wasser liegt
Die Vorstellung eines vollständig erhaltenen Dorfes am Seegrund ist allerdings ebenfalls nicht richtig.
Die meisten Gebäude wurden vor der Flutung abgerissen. Was heute unter Wasser liegt, sind vor allem Grundmauern und Reste der ehemaligen Siedlung. Bei außergewöhnlich niedrigem Wasserstand können Teile davon wieder sichtbar werden.
Das macht die Geschichte nicht weniger faszinierend.
Im Gegenteil.
Denn das Entscheidende ist nicht, dass ein vollständiges Dorf unter Wasser steht.
Das Entscheidende ist, dass ein realer Ort aus dem Leben der Menschen verschwunden ist und an derselben Stelle heute ein See liegt.
Die Glocken aus der Tiefe
Und was ist mit dem Glockengeläut?
Historisch gibt es keinen Kirchturm des alten Schulenbergs, dessen Glocken heute unter Wasser hängen könnten.
Das Glockengeläut gehört deshalb eindeutig zur Sagenwelt.
Vielleicht entstand die Vorstellung aus der Sehnsucht nach dem verlorenen Dorf. Vielleicht wollte man sich erklären, wie ein Ort weiterleben könnte, obwohl er nicht mehr sichtbar war.
Glocken eignen sich dafür besonders gut.
Sie können weit über eine Landschaft getragen werden.
Und in einer Sage können sie sogar dort erklingen, wo längst niemand mehr lebt.
So wurde aus dem versunkenen Dorf ein geheimnisvoller Ort zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die eigentliche Geschichte ist traurig genug
Vielleicht braucht Schulenberg deshalb gar keinen erfundenen Kirchturm, um geheimnisvoll zu wirken.
Die wirkliche Geschichte ist bereits bewegend.
Ein ganzes Dorf musste seine Heimat verlassen.
Menschen mussten ihre Häuser aufgeben.
Erinnerungen blieben zurück.
Und wenige Jahre später lag über dem alten Tal ein Stausee.
Die Sage von den Glocken macht daraus eine Geschichte vom Überleben der Erinnerung.
Denn solange die Glocken in der Erzählung weiterklingen, ist das alte Schulenberg nicht vollständig verschwunden.
Sage und Wirklichkeit
Historisch belegt:
Das alte Schulenberg musste dem Bau der Okertalsperre weichen. 1954 wurden die Bewohner umgesiedelt, die Gebäude anschließend weitgehend abgetragen und das Tal später geflutet.
Nicht historisch belegt:
Im alten Schulenberg gab es keinen Kirchturm und keine Kirche. Deshalb können die angeblich aus dem Wasser ragende Kirchturmspitze und das Glockengeläut nicht von einer versunkenen Dorfkirche stammen.
Die Kuriosität:
Eine künstlich nachgebaute Kirchturmspitze wurde tatsächlich zeitweise im Okerstausee aufgestellt. Dadurch bekam die Sage ein ungewöhnlich reales Bild.
Die Erinnerung:
Die Geschichte vom versunkenen Dorf erinnert daran, dass hinter dem heutigen Stausee eine reale menschliche Geschichte steht – die Geschichte von Menschen, die ihre Heimat für ein großes Wasserbauprojekt verlassen mussten.
Das Dorf, das im Wasser weiterlebt
Wenn heute Nebel über dem Okerstausee liegt und der Wind kaum mehr als ein leises Rauschen verursacht, wirkt der See manchmal beinahe still.
Doch unter seiner Oberfläche liegt die Erinnerung an einen Ort, der einst voller Leben war.
Vielleicht hört man dort unten keine Glocken.
Vielleicht ragt dort auch kein alter Kirchturm aus dem Wasser.
Aber wer die Geschichte Schulenbergs kennt, sieht den See mit anderen Augen.
Denn unter dem Wasser liegt nicht nur ein Stück Harzer Landschaft.
Dort liegt die Erinnerung an ein Dorf, das seine Heimat verlor – und durch die Sage von den Glocken aus der Tiefe bis heute nicht ganz verschwunden ist.