Der Kaiser, der im Berg schläft
Kaum eine Sage ist so eng mit dem Kyffhäuser verbunden wie die Geschichte vom schlafenden Kaiser Barbarossa. Tief unter dem Berg soll Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, in einem geheimnisvollen unterirdischen Schloss sitzen. Er wartet dort seit Jahrhunderten auf den richtigen Augenblick, um wiederzukehren und das Reich zu erneuern.
Doch hinter dieser berühmten Geschichte steckt mehr als eine mittelalterliche Erzählung. Die Sage hat sich über mehrere Jahrhunderte entwickelt und wurde dabei immer wieder verändert. Interessanterweise war es ursprünglich wahrscheinlich nicht Friedrich I. Barbarossa, der im Berg auf seine Wiederkehr wartete. Erst später wurde die Sage mit dem berühmten Stauferkaiser verbunden.
Kaiser Friedrich Barbarossa
Friedrich I. Barbarossa wurde um 1122 geboren und war von 1152 bis 1190 König des römisch-deutschen Reiches und ab 1155 Kaiser. Er gehörte zum Geschlecht der Staufer und wurde zu einem der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters.
Seinen Beinamen „Barbarossa“, also „Rotbart“, erhielt er wegen seines rötlichen Bartes. Zeitgenössische Beschreibungen schildern ihn als eindrucksvolle Herrscherpersönlichkeit. Sein Ziel war es, die kaiserliche Macht zu stärken und die Stellung des Reiches gegenüber Fürsten, Städten und dem Papsttum zu behaupten.
Auch mit dem Harz und Thüringen war Friedrich eng verbunden. In der Region lagen königliche Besitzungen, Burgen und Pfalzen, darunter die bedeutende Pfalz Tilleda am südlichen Rand des Kyffhäusergebirges. Der Kyffhäuser selbst war damit kein zufällig gewählter Schauplatz für eine spätere Kaisersage. Schon im Mittelalter befand sich hier eine mächtige Reichsburg.
Sein Tod – und der Beginn des Mythos
Historisch starb Friedrich Barbarossa am 10. Juni 1190 während des Dritten Kreuzzugs. Beim Übergang über den Fluss Saleph im heutigen Süden der Türkei ertrank der Kaiser.
Sein Tod löste im Reich eine ungewöhnliche Erinnerungskultur aus. Viele Menschen wollten nicht einfach glauben, dass ein so mächtiger Herrscher plötzlich verschwunden war. Bald entstanden Geschichten, nach denen Friedrich nicht wirklich tot sei, sondern irgendwo weiterlebe.
Im Laufe der Zeit entstand daraus die Vorstellung eines „Endkaisers“, der eines Tages zurückkehren werde, um das Reich zu erneuern und wieder für Ordnung und Gerechtigkeit zu sorgen. Solche Vorstellungen wurden besonders im späten Mittelalter verbreitet.
Doch genau hier beginnt die spannende Geschichte der Kyffhäusersage.
Ursprünglich war es wahrscheinlich ein anderer Friedrich
Die ältesten Vorstellungen vom Kaiser im Berg lassen sich nicht einfach direkt auf Barbarossa zurückführen. Nach dem Tod von Kaiser Friedrich II. im Jahr 1250 entwickelte sich ebenfalls die Hoffnung, dass dieser außergewöhnliche Herrscher nicht wirklich gestorben sei.
Friedrich II. war der Enkel Barbarossas und regierte als Kaiser von 1220 bis 1250. Auch um ihn entstanden Gerüchte über seine Rückkehr. In verschiedenen Regionen Europas glaubte man, er werde eines Tages wieder erscheinen und das Reich erneuern.
Im Laufe der Zeit vermischten sich die Geschichten über Friedrich II. und seinen Großvater Friedrich I. Ein Volksbuch von 1519 spielte dabei eine wichtige Rolle: Es setzte den im Berg erwarteten Friedrich mit seinem Großvater Friedrich Barbarossa gleich. Damit wurde Barbarossa immer stärker zur Hauptfigur der Kaisersage.
Das bedeutet: Die bekannte Geschichte vom schlafenden Barbarossa ist nicht einfach eine unveränderte Sage aus dem Mittelalter. Sie ist über Jahrhunderte gewachsen und hat dabei verschiedene historische Erinnerungen miteinander verbunden.
Das unterirdische Schloss
Nach der späteren Überlieferung befindet sich Barbarossa tief im Inneren des Kyffhäuserberges. Dort soll sich ein gewaltiges unterirdisches Schloss befinden.
In einer bekannten Fassung sitzt der Kaiser auf einem elfenbeinernen Stuhl und stützt seinen Kopf auf einen Marmortisch. Sein roter Bart ist inzwischen so lang geworden, dass er durch den Tisch hindurchgewachsen sein soll. Barbarossa schläft jedoch nicht vollständig. Er befindet sich in einem geheimnisvollen Halbschlaf und wartet.
Alle hundert Jahre soll er einen Zwerg aus seinem unterirdischen Reich hinausschicken. Dieser soll nachsehen, ob die Raben noch um den Kyffhäuser fliegen.
Sind die Raben noch da, bedeutet dies, dass die Zeit für seine Rückkehr noch nicht gekommen ist.
Dann kehrt der Zwerg zurück, und Barbarossa schläft weitere hundert Jahre.
Erst wenn die Zeichen stimmen, soll der Kaiser erwachen.
Der rote Bart und die Raben
Besonders bekannt wurde das Bild vom roten Bart, der um den Tisch wächst. In manchen Fassungen heißt es, dass Barbarossa so lange schlafen wird, bis sein Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist.
Auch die Raben besitzen eine symbolische Bedeutung. Sie stehen für Unruhe, Streit und Unglück. Solange sie um den Berg kreisen, ist die Welt nach der Sage noch nicht bereit für die Rückkehr des Kaisers.
Der Kaiser wartet also nicht einfach darauf, wieder aufzustehen. Er wartet auf eine Zeit, in der sein Reich wieder vereint und geordnet ist.
Damit erzählt die Sage im Grunde von einer tiefen menschlichen Hoffnung: Wenn die Gegenwart schlecht ist, soll irgendwann ein gerechter Herrscher kommen und alles wieder in Ordnung bringen.
Barbarossa als gerechter Kaiser
In vielen Fassungen erscheint Barbarossa weniger als historischer Herrscher und mehr als Symbol für Gerechtigkeit und eine bessere Zukunft.
Die Menschen konnten in Zeiten von Krieg, Armut, politischer Unsicherheit und sozialer Not auf einen gerechten Herrscher hoffen, der eines Tages zurückkehren würde.
Gerade nach dem Ende der Stauferzeit wurde die Erinnerung an die mächtigen Kaiser dieser Dynastie immer stärker verklärt. Die tatsächliche mittelalterliche Politik war wesentlich komplizierter. Die Sage machte daraus jedoch ein einfaches Bild:
Der Kaiser schläft – aber er ist nicht verschwunden.
Er wartet nur auf seine Zeit.
Der Kyffhäuser – ein geeigneter Ort für die Sage
Der Kyffhäuser eignete sich besonders gut für eine solche Geschichte. Auf dem Berg befand sich bereits im Mittelalter eine mächtige Reichsburg, die Reichsburg Kyffhausen.
Heute sind von der einstigen Anlage vor allem Ruinen erhalten. Der Kyffhäuserberg selbst wurde dadurch zu einem Ort, an dem sich historische Überreste und sagenhafte Vorstellungen miteinander verbinden.
Die mittelalterliche Burg besaß eine außergewöhnlich starke Befestigung. Noch heute zeugen die Ruinen von der Größe der ehemaligen Anlage. Auch ein gewaltiger Burgbrunnen gehört zu den erhaltenen Spuren der mittelalterlichen Burg.
Für die Menschen späterer Jahrhunderte war es leicht vorstellbar, dass sich hinter den Ruinen, tief unter den Felsen, noch eine verborgene Welt befinden könnte.
So wurde der Kyffhäuser zum Berg des schlafenden Kaisers.
Friedrich Rückert macht Barbarossa berühmt
Einen entscheidenden Beitrag zur Verbreitung der Sage leistete der Dichter Friedrich Rückert.
1817 veröffentlichte er sein berühmtes Gedicht „Barbarossa“. Darin erscheint der alte Kaiser im unterirdischen Schloss, umgeben von der geheimnisvollen Atmosphäre des Kyffhäusers.
Das Gedicht wurde später in Schulen gelesen und teilweise auswendig gelernt. Dadurch verbreitete sich die Geschichte weit über Thüringen hinaus.
Aus einer regionalen Überlieferung wurde schließlich eine der bekanntesten deutschen Sagen.
Die Sage wird zur Nationalsage
Im 19. Jahrhundert bekam Barbarossa eine zusätzliche Bedeutung. Die deutsche Romantik entdeckte das Mittelalter neu. Burgen, Ritter, Kaiser und alte Sagen wurden zu Symbolen einer gemeinsamen deutschen Vergangenheit.
Gleichzeitig entstand im 19. Jahrhundert die politische Idee eines geeinten deutschen Nationalstaates.
Die Barbarossasage passte hervorragend zu diesem Gedanken. Der schlafende Kaiser wurde nun nicht mehr nur als geheimnisvolle Gestalt einer alten Sage verstanden. Er konnte auch als Symbol für die Hoffnung auf ein geeintes Deutschland interpretiert werden.
Nach der Reichsgründung von 1871 wurde diese Verbindung noch stärker.
Das Kyffhäuser-Denkmal
Diese Entwicklung führte schließlich zum Bau des gewaltigen Kyffhäuser-Denkmals.
Das Denkmal wurde zwischen 1890 und 1896 auf den Ruinen der mittelalterlichen Reichsburg errichtet und Kaiser Wilhelm I. gewidmet. Es sollte an die Reichseinigung von 1871 erinnern und gleichzeitig die Barbarossasage aufnehmen.
Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung Barbarossas. Die etwa 6,5 Meter hohe Sandsteinfigur zeigt den alten Kaiser in einer mächtigen, beinahe übermenschlichen Gestalt. Über ihm befindet sich das monumentale Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I.
Damit entstand eine bewusst inszenierte Verbindung:
Barbarossa – der Kaiser der Sage – und Wilhelm I. – der Kaiser des neu gegründeten Deutschen Reiches.
Das Denkmal sollte damit symbolisch ausdrücken, dass sich die alte Hoffnung auf ein geeintes Reich erfüllt habe.
Der gesamte Denkmalsturm ist 81 Meter hoch und gehört zu den größten Kaiserdenkmälern Deutschlands.
Geschichte und Sage nebeneinander
Heute stehen auf dem Kyffhäuser drei verschiedene Ebenen nebeneinander:
Die mittelalterliche Geschichte erzählt von der Reichsburg und der Bedeutung des Gebietes für die Herrscher des Reiches.
Die Sage erzählt vom schlafenden Barbarossa, seinem roten Bart, den Zwergen und den Raben.
Und das Denkmal des 19. Jahrhunderts erzählt schließlich von der politischen Vorstellung eines geeinten deutschen Reiches.
Keine dieser Ebenen sollte mit der anderen verwechselt werden.
Barbarossa schläft nicht tatsächlich im Kyffhäuser. Historisch ist überliefert, dass Friedrich I. 1190 beim Kreuzzug starb. Auch für ein unterirdisches Schloss mit dem schlafenden Kaiser gibt es keinen historischen oder archäologischen Nachweis.
Aber die Sage selbst ist historisch interessant, weil sie zeigt, wie Menschen ihre Vergangenheit immer wieder neu interpretiert haben.
Sage und Wirklichkeit
Historisch belegt:
Friedrich I. Barbarossa war ein Stauferkaiser und starb 1190 während des Dritten Kreuzzugs am Fluss Saleph. Die Reichsburg Kyffhausen ist eine historische mittelalterliche Burganlage.
Überlieferung:
Die Vorstellung eines Kaisers, der in einem Berg weiterlebt und eines Tages zurückkehrt, entstand nach dem Ende der Stauferzeit. Ursprünglich bezog sie sich wahrscheinlich stärker auf Friedrich II. Erst später wurde die Figur mit Friedrich I. Barbarossa verbunden.
Sage:
Barbarossa sitzt im unterirdischen Schloss, sein Bart wächst durch den Marmortisch und Zwerge beobachten die Raben. Diese Elemente gehören zur Sagenwelt und sind nicht historisch nachgewiesen.
Denkmal:
Das Kyffhäuser-Denkmal entstand Ende des 19. Jahrhunderts und verband die Barbarossasage mit der Erinnerung an Kaiser Wilhelm I. und die deutsche Reichseinigung von 1871.
Der Kaiser, der niemals wirklich verschwand
Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft der Barbarossasage: Der Kaiser musste gar nicht wirklich zurückkehren.
Er blieb durch die Geschichten der Menschen lebendig.
Jede Generation konnte in ihm etwas anderes sehen – den gerechten Herrscher, den starken Kaiser, den Hoffnungsträger oder das Symbol eines geeinten Reiches. Aus einem historischen Herrscher wurde eine Sagengestalt, aus der Sagengestalt ein politisches Symbol und schließlich ein Denkmal aus Stein.
Tief unter dem Kyffhäuser schläft Barbarossa deshalb vielleicht gar nicht wirklich.
Er lebt dort weiter, wo die Geschichte zur Sage wird – und die Sage niemals ganz vergessen wird.