Die Waldgeschichte des Harzes – Vom alten Buchenwald zum Fichtenmeer
Der Harz hat eine andere Waldgeschichte als das Harzvorland. Während die Landschaft im Vorland schon früh durch Ackerbau, Siedlungen und Landwirtschaft geprägt wurde, war der eigentliche Harz stärker von seinen Höhenlagen, dem rauen Klima und großen zusammenhängenden Waldgebieten bestimmt. Doch auch diese Wälder blieben nicht unberührt. Über Jahrhunderte veränderten Bergbau, Köhlerei, Holznutzung, Viehweide und später die planmäßige Forstwirtschaft das Aussehen des Gebirges grundlegend.
Wer heute an den Harz denkt, stellt sich deshalb häufig einen dunklen Fichtenwald vor. Historisch betrachtet ist dieses Bild jedoch nur teilweise richtig. Der Harz war ursprünglich in seinen tieferen und mittleren Lagen vor allem ein Laubwaldgebirge. Die Rotbuche spielte eine besonders wichtige Rolle. Erst in den höheren Lagen nahm die Fichte von Natur aus immer stärker zu.
Der natürliche Wald vor der großen Veränderung
Vor der intensiven Nutzung durch den Menschen sah der Harz deutlich anders aus als viele seiner heutigen Wälder. In den tieferen und mittleren Höhenlagen wären vor allem Buchenwälder und Buchen-Mischwälder verbreitet gewesen. In tieferen Bereichen konnten auch Eichen und andere Laubbäume vorkommen. Mit zunehmender Höhe veränderte sich der Wald.
Ab etwa 700 bis 800 Metern bekam die Fichte unter den raueren klimatischen Bedingungen einen immer größeren Vorteil. Oberhalb von etwa 800 Metern konnte sie die Buche schließlich weitgehend verdrängen. In den höchsten Lagen des Harzes, insbesondere rund um den Brocken, gehört die Fichte deshalb tatsächlich zur natürlichen Waldvegetation.
Das bedeutet: Die Fichte ist keineswegs ein „fremder“ Baum im Harz. In den Hochlagen gehört sie seit Jahrtausenden zum natürlichen Landschaftsbild. Unnatürlich ist vielmehr die große Ausbreitung von Fichtenbeständen in tieferen Höhenlagen, wo von Natur aus überwiegend Laubwälder wachsen würden.
Der Mensch beginnt den Wald zu verändern
Mit der zunehmenden Besiedlung des Harzes änderte sich das Verhältnis zwischen Mensch und Wald. Holz wurde für nahezu alles benötigt: zum Bauen, Heizen, Kochen und Handwerken. Besonders einschneidend war jedoch die Entwicklung des Bergbaus.
Im Harz wird seit mehr als 3.000 Jahren Bergbau betrieben. Mit der Ausweitung des mittelalterlichen Bergbaus stieg der Holzbedarf erheblich. Holz wurde nicht nur für Gebäude und Grubenanlagen benötigt. Es wurde auch zu Holzkohle verarbeitet, die für die Verhüttung der Erze gebraucht wurde. Außerdem wurden Holz und Holzpfähle unter Tage eingesetzt.
Damit wurde der Wald zu einem wichtigen Bestandteil der gesamten Bergbauwirtschaft.
Je intensiver der Bergbau wurde, desto größer wurde auch der Druck auf die Wälder. Der Nationalpark Harz weist darauf hin, dass die jahrtausendelange Bergbaugeschichte noch heute Spuren im Wald hinterlassen hat. Besonders die Erzgewinnung verbrauchte enorme Mengen Holz.
Köhler und Hüttenleute
Eine besondere Rolle spielte dabei die Köhlerei.
Köhler stellten aus Holz Holzkohle her. Dafür wurden große Mengen Holz in Meilern unter kontrollierter Sauerstoffzufuhr erhitzt. Die gewonnene Holzkohle wurde anschließend in den Hüttenwerken verwendet, wo sie für die Verarbeitung der Erze benötigt wurde.
Damit entstand ein Kreislauf:
Im Berg wurde Erz gewonnen – im Wald wurde Holz geschlagen – aus Holz entstand Holzkohle – und mit ihrer Hilfe wurde das Erz verhüttet.
Der Harzer Wald war somit nicht nur Landschaft, sondern ein wesentlicher Bestandteil der gesamten Bergbauwirtschaft.
Wo immer mehr Holz gebraucht wurde, musste auch immer mehr Wald nachwachsen. Doch die natürliche Regeneration konnte mit dem enormen Verbrauch nicht überall Schritt halten. In besonders stark genutzten Gebieten kam es deshalb über längere Zeiträume zu einer starken Auflichtung und teilweise zu nahezu vollständiger Entwaldung.
Der Wald wird zum Wirtschaftswald
Mit der Zeit erkannten die Menschen, dass der Wald nicht unbegrenzt ausgebeutet werden konnte. Holz wurde knapp und musste planmäßiger bewirtschaftet werden.
Besonders ab dem 18. Jahrhundert veränderte sich der Harzer Wald deshalb erneut. Die Forstwirtschaft setzte zunehmend auf die schnell wachsende Fichte. Sie konnte wirtschaftlich interessant sein und lieferte vergleichsweise geradewüchsiges Holz.
So entstanden große Fichtenbestände – teilweise auch dort, wo die Fichte von Natur aus nicht die vorherrschende Baumart gewesen wäre. Historische Untersuchungen zeigen, dass frühere Buchenwälder durch Übernutzung, Bergbau, Brenn- und Bauholznutzung, Köhlerei und Waldweide geschädigt wurden. Später wurden viele dieser Flächen in Fichtenforste umgewandelt.
Aus dem ursprünglichen Buchenwaldgebirge wurde dadurch in vielen Bereichen das Bild des dunklen Fichtenharzes, das wir heute so gut kennen.
Harz und Harzvorland – zwei unterschiedliche Landschaften
Der Unterschied zwischen Harz und Harzvorland zeigt sich besonders deutlich, wenn man sich die Geschichte der Landnutzung anschaut.
Im Harz erschwerten steile Hänge, felsige Böden, kühle Temperaturen und lange Winter den Ackerbau. Der Wald konnte hier eine besonders große Bedeutung behalten. Gleichzeitig waren die Wälder für Bergbau und Holzgewinnung wertvoll.
Im Harzvorland waren die Bedingungen für Landwirtschaft günstiger. Große Bereiche konnten für Felder, Wiesen und Siedlungen genutzt werden. Dadurch wurde die ursprüngliche Waldlandschaft dort schon früh stärker zurückgedrängt.
Der Harz blieb dagegen in vielen Bereichen ein bewaldetes Gebirge – allerdings ein Wald, der zunehmend vom Menschen gestaltet und genutzt wurde.
Der Wald als Teil des Bergbaus
Besonders deutlich wird diese Verbindung rund um Goslar und den Rammelsberg. Der dortige Bergbau gehört zu den bedeutendsten Bergbaugeschichten Europas und reicht mehr als 3.000 Jahre zurück.
Mit der wirtschaftlichen Bedeutung des Rammelsbergs wuchs auch der Bedarf an Holz. Für die Menschen im mittelalterlichen Harz waren Berg und Wald deshalb zwei Seiten derselben Lebenswelt.
Das Erz lag unter der Erde.
Das Holz wuchs darüber.
Beides wurde gebraucht, um die Bergwerke und Hütten am Laufen zu halten.
Diese Verbindung prägte die Landschaft über viele Jahrhunderte.
Warum der Harz heute wieder anders aussieht
Wer heute durch den Nationalpark Harz wandert, kann beobachten, dass sich diese Geschichte erneut verändert.
Viele der früheren Fichtenforste sind inzwischen durch Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer stark geschädigt oder abgestorben. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der Wald verschwindet.
Im Gegenteil: Wo alte Fichten absterben, gelangt wieder mehr Licht auf den Waldboden. Junge Bäume können wachsen. In tieferen und mittleren Höhenlagen kehren unter anderem Buche, Bergahorn, Eberesche, Birke und Weide zurück. In den Hochlagen verjüngt sich dagegen die Fichte vielfach von selbst, weil sie dort zur natürlichen Waldvegetation gehört.
Das abgestorbene Holz bleibt dabei teilweise im Wald. Es wird von Pilzen, Käfern und anderen Organismen besiedelt und wird langsam zu einem Teil des natürlichen Nährstoffkreislaufs.
So entsteht nicht einfach ein neuer „aufgeräumter“ Wald, sondern ein Wald mit verschiedenen Altersstufen und unterschiedlichen Lebensräumen.
Die Rückkehr der Buche
Besonders interessant ist die Rückkehr der Rotbuche.
Viele Menschen verbinden den Harz heute hauptsächlich mit Fichten. Betrachtet man jedoch die natürliche Waldentwicklung, wird deutlich, dass die Buche in weiten Teilen des Gebirges ursprünglich eine viel größere Rolle spielte.
Der Nationalpark unterstützt deshalb in bestimmten Bereichen die Rückkehr heimischer Laubbäume. Das geschieht vor allem dort, wo die frühere Nutzung den Wald so stark verändert hat, dass natürliche Samenbäume fehlen. In den Hochlagen hingegen wird die Natur weitgehend sich selbst überlassen, weil dort die Fichte von Natur aus heimisch ist.
Die heutige Waldentwicklung ist deshalb auch eine Art Rückkehr zur Vergangenheit – allerdings keine Rückkehr zu einem exakt gleichen Wald.
Denn das Klima hat sich verändert, und auch die Bedingungen im Wald sind nicht mehr dieselben wie vor Jahrhunderten.
Ein Wald zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die Waldgeschichte des Harzes ist damit keine gerade Linie.
Zuerst gab es die natürlichen Bergwälder.
Dann kamen immer stärkere Eingriffe durch Menschen.
Der Bergbau benötigte Holz und Holzkohle.
Die Wälder wurden übernutzt.
Später entstanden großflächige Wirtschaftswälder, vor allem Fichtenforste.
Und heute beginnt in vielen Bereichen erneut eine natürliche Waldentwicklung.
Der Harz zeigt damit etwas, das in vielen alten Landschaften zu beobachten ist: Ein Wald ist niemals einfach nur Wald. Er ist auch ein Spiegel der Geschichte.
Jeder alte Baum, jeder Kahlschlag, jeder Fichtenforst und jedes Stück Totholz kann Teil dieser Geschichte sein.
Sage und Wirklichkeit
Rund um den Harzer Wald entstanden natürlich auch zahlreiche Sagen. Dunkle Wälder wurden zu Orten von Hexen, Waldgeistern, Bergmönchen und geheimnisvollen Gestalten. Der dichte Fichtenwald, Nebel und abgelegene Täler boten der Fantasie reichlich Stoff.
Doch hinter vielen dieser Geschichten steht eine reale Landschaft.
Die Menschen lebten mit dem Wald, arbeiteten in ihm und waren von ihm abhängig. Sie fürchteten Stürme, Dunkelheit und die Einsamkeit der Berge. Gleichzeitig brauchten sie Holz zum Leben und für den Bergbau.
So wurde der Wald gleichzeitig Lebensgrundlage, Arbeitsplatz, Gefahr und geheimnisvoller Ort.
Vielleicht erklärt genau das, warum der Harz bis heute eine so besondere Atmosphäre besitzt.
Der Harz – ein Wald, der sich erinnert
Wer heute durch einen Harzer Wald geht, sieht deshalb nicht nur Bäume.
Man sieht die Spuren einer langen Geschichte:
Die Buche erinnert an den ursprünglicheren Wald.
Die Fichte erzählt von der Forstwirtschaft und vom Bergbau.
Alte Meilerplätze erinnern an die Köhler.
Bergwerksstollen und Halden erzählen von der Erzgewinnung.
Und junge Bäume zeigen, dass die Geschichte noch lange nicht abgeschlossen ist.
Der Harz war nie ein unveränderlicher Urwald. Er war immer eine Landschaft im Wandel – zuerst durch natürliche Prozesse, später immer stärker durch den Menschen.
Heute beginnt vielerorts ein neuer Abschnitt.
Der Harz bekommt seinen Wald nicht zurück – er bekommt einen neuen Wald, der aus den Spuren seiner Vergangenheit entsteht.
Und vielleicht wird gerade dieser Wald eines Tages wieder zum Stoff für neue Geschichten und Sagen.