Der Schatz der Burg Falkenstein

Das Geheimnis der Asseburger

Wenn man von einem „Schatz der Burg Falkenstein“ spricht, könnte man zunächst an Goldmünzen, kostbare Edelsteine oder einen mittelalterlichen Schatz denken, der seit Jahrhunderten in einem geheimen Gewölbe verborgen liegt.

Doch die Geschichte des Falkensteiner Schatzes ist tatsächlich und zugleich beinahe so geheimnisvoll wie eine Sage.

Der Schatz bestand aus wertvollen Gegenständen aus dem Besitz der Grafen von der Asseburg, die über viele Generationen mit der Burg Falkenstein verbunden waren. Als sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die Front näherte, versuchten Angehörige der Familie, besonders wertvolle Stücke vor Plünderung und Zerstörung zu bewahren.

Dafür wurden Teile des Familienbesitzes an verschiedenen Stellen versteckt.

Was danach geschah, klingt fast wie eine Schatzgeschichte: Ein Teil wurde im Wald vergraben, ein anderer Teil innerhalb der Burg in einem geheimen Zwischenraum verborgen. Jahrzehnte später wurden die Verstecke wiederentdeckt.

Ein Familienschatz in Zeiten des Krieges

Die Grafen von der Asseburg hatten über lange Zeit wertvolle Kunst- und Gebrauchsgegenstände gesammelt. Dazu gehörten Schmuck, Porzellan, Glasgefäße, Gemälde und weitere Gegenstände aus dem Familienbesitz.

Als der Zweite Weltkrieg in seine letzte Phase ging, wurde die Situation immer gefährlicher.

1942 begannen die Brüder Karl Christoph von Rothkirch und Lothar von Asseburg-Falkenstein-Rothkirch, besonders wertvolle Stücke des Familienbesitzes in Sicherheit zu bringen. Ein Teil wurde in einer Kiste im Wald vergraben. Die Kiste enthielt unter anderem Schmuck und den berühmten Asseburger Becher, einen außergewöhnlichen mittelalterlichen Glasbecher.

Die Entscheidung war nachvollziehbar: Was offen in einer Burg oder einem Herrenhaus lag, konnte im Krieg leicht geplündert oder zerstört werden.

Doch damit war der Schatz noch nicht vollständig verborgen.

Ein zweites Geheimversteck in der Burg

Im Frühjahr 1945, als die amerikanischen Truppen näher rückten, wurde ein weiterer Teil des Familienbesitzes innerhalb der Burg Falkenstein versteckt.

Gemeinsam mit zwei Bediensteten brachten die damaligen Besitzer wertvolle Gegenstände in einen geheimen Zwischenraum der Burg. Das Versteck lag unterhalb der sogenannten Spinndiele, in einer fensterlosen Zwischenetage über der Kapellendecke.

Dort wurden zahlreiche wertvolle Gegenstände eingelagert.

Gemälde, Porzellan und andere Kostbarkeiten verschwanden hinter den Mauern der alten Burg.

Der Raum wurde anschließend wieder verschlossen.

Damit geriet das Versteck für Jahrzehnte in Vergessenheit – zumindest für die Öffentlichkeit.

Der Schatz im Wald

Der im Wald versteckte Teil des Familienschatzes blieb besonders lange verborgen.

Erst viele Jahre später wurde das Geheimnis innerhalb der Familie weitergegeben.

Nach dem Mauerfall konnte schließlich nach den alten Hinweisen gesucht werden.

1990 machte sich Peter Vickery, ein Schwiegersohn aus dem Umfeld der Familie, auf die Suche nach dem Waldversteck. Mit Hilfe einer alten Karte gelang es ihm tatsächlich, die Stelle wiederzufinden.

Die Kiste war noch vorhanden.

Und ihr Inhalt war erstaunlich gut erhalten.

Darin befanden sich unter anderem Schmuckstücke, Ringe, Armreifen und Edelsteine. Besonders wertvoll war der bereits erwähnte Asseburger Becher.

Damit war ein Teil des lange verborgenen Familienschatzes wieder ans Licht gekommen.

Doch die größte Überraschung sollte noch folgen.

Das Geheimnis unter der Spinndiele

Das zweite Versteck befand sich die ganze Zeit über auf der Burg selbst.

Jahrzehnte lang wusste kaum jemand davon.

Selbst Besucher, die durch die historischen Räume der Burg gingen, ahnten nicht, dass sich unter ihnen wertvolle Gegenstände aus dem früheren Besitz der Asseburger befanden.

1975 hatten Nachkommen der Familie die Burg unter großer Vorsicht besucht, um zu überprüfen, ob das alte Versteck noch unentdeckt war.

Es war tatsächlich noch vorhanden.

Erst nach dem Ende der DDR konnte ernsthaft über eine Bergung nachgedacht werden.

Im März 1992, fast fünf Jahrzehnte nachdem die Kostbarkeiten dort verborgen worden waren, wurde das geheime Zwischenlager geöffnet.

Was zum Vorschein kam, überraschte selbst die Beteiligten.

Tausende Gegenstände kommen ans Licht

Die Bergung dauerte mehrere Stunden.

Nach und nach kamen Gegenstände aus dem Versteck.

Porzellan, Glas, Kunstgegenstände und zahlreiche weitere Stücke, die Jahrzehnte zuvor vor den Kriegswirren geschützt werden sollten.

Insgesamt wurden aus dem Versteck auf der Burg rund 3.000 Gegenstände geborgen.

Damit war der „Schatz von Falkenstein“ wesentlich größer, als man zunächst vermuten konnte.

Es handelte sich also nicht um einen klassischen Schatz im Sinne einer mittelalterlichen Goldkiste.

Es war vielmehr ein historischer Familienschatz, der die Lebenswelt der Asseburger über Generationen widerspiegelte.

Jedes einzelne Stück erzählte dabei seine eigene Geschichte.

Der Asseburger Becher

Zu den außergewöhnlichsten Gegenständen gehörte der Asseburger Becher, auch als Hedwigsbecher bekannt.

Das kostbare Glasgefäß gehört zu einer kleinen Gruppe mittelalterlicher Gläser, deren genaue Herkunft bis heute nicht vollständig geklärt ist. Als mögliche Herstellungsregionen werden unter anderem Ägypten oder Syrien beziehungsweise das normannische Sizilien diskutiert.

Der Becher war damit nicht einfach ein wertvoller Gegenstand der Familie.

Er war ein außergewöhnliches Zeugnis mittelalterlicher Glas- und Kunstgeschichte.

Gerade deshalb machte sein Fund den Schatz von Falkenstein auch über die Region hinaus bekannt.

Ein Schatz wird zum Streitfall

Mit der Entdeckung war die Geschichte jedoch nicht beendet.

Nach der Wiedervereinigung stellte sich die schwierige Frage:

Wem gehörten die gefundenen Gegenstände eigentlich?

Die rechtlichen Eigentumsverhältnisse waren kompliziert, da der Besitz der Familie nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone entschädigungslos enteignet worden war.

Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit.

Die Frage, wem die wertvollen Gegenstände rechtlich zustanden, beschäftigte schließlich Gerichte und die beteiligten Familienmitglieder.

Ein großer Teil des Familienschatzes wurde letztlich der Familie zugesprochen.

Viele Stücke wurden später verkauft und gelangten damit in unterschiedliche Sammlungen und Museen.

Nur ein Teil blieb dauerhaft mit der Burg Falkenstein verbunden.

Der Schatz kehrt teilweise auf die Burg zurück

Für das Museum auf dem Falkenstein ist der historische Familienschatz dennoch von großer Bedeutung.

Die Burg besitzt bis heute zahlreiche Ausstattungsstücke, die mit ihrer Geschichte und den ehemaligen Besitzern verbunden sind. Dazu gehören Möbel, Porzellan, Porträts und weitere Gegenstände aus dem Umfeld der Asseburger.

Dadurch lässt sich im Museum nicht nur die Geschichte der Burg betrachten.

Man bekommt auch einen Eindruck davon, wie die Menschen lebten, die über Generationen hinweg mit diesem Ort verbunden waren.

Und dann wurde erneut ein Schatz gefunden

Eigentlich hätte man meinen können, die Geschichte sei damit beendet.

Doch der Falkenstein sollte noch einmal für eine Überraschung sorgen.

Im Jahr 2017 wurde bei Bauarbeiten erneut ein bislang verborgenes Versteck entdeckt.

In einem Hohlraum kamen weitere Gegenstände aus dem Besitz der Asseburger zum Vorschein.

Darunter befanden sich vor allem Meißner Porzellane des 19. Jahrhunderts, darunter Figuren, ein Schreibset und Kerzenständer. Außerdem wurde ein vergoldeter Prunkkelch aus Silber entdeckt, den Friedrich von der Asseburg und seine Frau Margarete 1912 von ihren Kindern zur Silberhochzeit erhalten hatten.

Auch 18 Gefäße aus der ehemaligen Asseburger Familienapotheke wurden geborgen. Einige waren noch verkorkt und versiegelt.

Damit zeigte sich erneut, wie viele Geheimnisse in den alten Mauern der Burg verborgen geblieben waren.

Ein echter Schatz – aber keine mittelalterliche Schatzkiste

Die Geschichte des Falkensteiner Schatzes unterscheidet sich deutlich von klassischen Harzer Schatzsagen.

Hier musste kein Ritter einen Schatz tief unter der Erde verstecken.

Es gab auch keinen Drachen, keinen geheimnisvollen Schatzgeist und keinen Fluch.

Der Schatz wurde tatsächlich von Menschen versteckt – und zwar aus Angst vor den Folgen des Krieges.

Gerade deshalb wirkt die Geschichte so außergewöhnlich.

Denn was später wie eine Sage erschien, war zunächst eine reale Entscheidung von Menschen, die ihren Familienbesitz vor Zerstörung und Plünderung bewahren wollten.

Sage und Wirklichkeit

Historisch belegt:
Die Grafen von der Asseburg besaßen über Generationen wertvolle Kunst- und Familiengegenstände. Teile davon wurden während des Zweiten Weltkriegs versteckt.

1940er-Jahre:
Ein Teil des Schatzes wurde im Wald vergraben, ein weiterer Teil 1945 in einem geheimen Zwischenraum der Burg versteckt.

1990:
Das Waldversteck wurde wiedergefunden.

1992:
Das geheime Versteck innerhalb der Burg wurde geöffnet und rund 3.000 Gegenstände geborgen.

2017:
Bei Bauarbeiten wurde ein weiteres Versteck mit wertvollen Gegenständen entdeckt.

Kein klassischer „Schatz“:
Es handelt sich nicht um einen mittelalterlichen Goldschatz, sondern um einen historischen Familien- und Kunstbesitz.

Der Schatz, der wirklich existierte

Der Falkenstein besitzt viele Sagen über Ritter, Schlangen, verborgene Räume und geheimnisvolle Wesen.

Doch manchmal braucht es gar keine erfundene Schatzgeschichte.

Denn in diesem Fall gab es tatsächlich einen verborgenen Schatz.

Er lag nicht seit dem Mittelalter in einer geheimen Höhle.

Er wurde im Zweiten Weltkrieg versteckt, über Jahrzehnte bewahrt und schließlich wiederentdeckt.

Und vielleicht ist gerade das der spannendste Teil seiner Geschichte:

Die Burg Falkenstein musste ihren Schatz nicht erfinden – sie hatte tatsächlich einen.