Watelinde – die Hexenmutter vom Hexentanzplatz
Hoch über dem Bodetal bei Thale liegt der Hexentanzplatz, einer der bekanntesten sagenumwobenen Orte des Harzes. Mit ihm verbindet sich eine besondere Geschichte über eine geheimnisvolle Zauberin namens Watelinde.
Der Sage nach lebte Watelinde vor langer Zeit auf dem Felsen des heutigen Hexentanzplatzes. Sie galt als mächtige Hexenmutter und führte die Hexenversammlungen an. Von den Menschen im Harz wurde sie gefürchtet, denn man sagte ihr nach, dass sie mit ihren Zauberkünsten großes Unheil anrichten konnte.
Besonders junge, fromme Mädchen soll sie ins Visier genommen haben. Mit schönen Versprechungen versuchte sie, sie in ihre Nähe zu locken und sie anschließend selbst zu Hexen zu machen.
Hilda aus Thale
Eines Tages machte sich ein junges Mädchen namens Hilda aus Thale auf den Weg in den Wald. Sie wollte Heilkräuter sammeln, wie es die Menschen damals häufig taten.
Der Abend kam, und allmählich wurde es dunkel. Hildas Körbchen war bereits fast gefüllt, doch sie entdeckte noch immer Kräuter, die sie mitnehmen wollte.
Als der Mond zwischen den Baumwipfeln hervortrat, erinnerte sie sich an eine alte Vorstellung: Kräuter, die im Mondschein gesammelt wurden, sollten eine besondere Heilkraft besitzen.
Hilda blieb deshalb länger im Wald, als sie ursprünglich vorgehabt hatte.
Da bemerkte sie plötzlich etwas zwischen den Bäumen.
Zwei große, gelb leuchtende Augen blickten sie aus der Dunkelheit an.
Die schwarze Katze
Vor Hilda stand ein großes, schwarzes, katzenähnliches Tier. Es bewegte sich ungewöhnlich schnell und kam immer näher.
Hilda bekam Angst und versuchte davonzulaufen.
Doch das Tier folgte ihr.
Dann begann es plötzlich zu sprechen.
Es versprach Hilda, ihr die geheimen Kräuter zu zeigen, mit denen sie ihren Liebsten für immer an sich binden könne. Doch Hilda erkannte die Gefahr. Sie ahnte, dass sich hinter der unheimlichen Gestalt niemand anderes als Watelinde verbarg.
Denn der Sage nach konnte die Hexenmutter ihre Gestalt verändern und als schwarzes Tier erscheinen.
Hilda wollte fliehen.
Doch sie war bereits in den Machtbereich der Zauberin geraten.
Im Zauberkreis
Plötzlich richtete sich die schwarze Katze vor ihr auf.
Aus dem Tier wurde eine alte Frau.
Watelinde stand nun vor Hilda.
Sie erklärte dem Mädchen, dass es ihren Zauberkreis betreten habe und ihr nun nicht mehr entkommen könne. Die Zauberin packte Hilda und wollte sie hinauf auf den Felsen des Hexentanzplatzes ziehen.
Für einen Augenblick schien Hilda verloren.
Doch dann erinnerte sie sich an die Lehren ihrer Mutter.
Sie bekreuzigte sich.
Damit, so erzählt es die Sage, brach die Macht der Hexe.
Der Sturm über dem Bodetal
In diesem Augenblick veränderte sich die Stimmung auf dem Hexentanzplatz.
Der Wind begann stärker zu werden.
Zunächst rauschte er nur durch die Bäume. Dann entwickelte er sich zu einem gewaltigen Sturm. Der Himmel verdunkelte sich, Blitze zuckten und Donner ließ die Felsen erzittern.
Watelinde verlor ihre Macht.
Der Sturmwind erfasste die Hexenmutter und riss sie in die Höhe. Über das Bodetal hinweg wurde sie davongetragen und schließlich mit gewaltiger Kraft gegen einen Felsen geschleudert.
Dort geschah das Unfassbare:
Watelinde wurde zu Stein.
Seit diesem Tag, so erzählt die Sage, soll der versteinerte Körper der Hexenmutter als Fels am Hexentanzplatz zu sehen sein. Der Felsen wird „Hexengroßmutter“ genannt.
Hildas Rettung
Für Hilda war die Gefahr vorbei.
Sie konnte den Hexentanzplatz verlassen und kehrte wohlbehalten zu ihrer Mutter nach Thale zurück.
Die Sage erzählt, dass Hilda später ihren Liebsten heiratete und ein glückliches Leben führte.
Watelinde dagegen blieb für immer auf dem Felsen zurück – nicht mehr als mächtige Zauberin, sondern als versteinerte Gestalt.
Damit endet die Geschichte mit einem klassischen Motiv der Sagenwelt: Das Gute entkommt der Gefahr, während das Böse seine eigene Macht verliert.
Watelinde und der Hexentanzplatz
Die Geschichte von Watelinde gehört zu den bekannten Erzählungen rund um den Hexentanzplatz. Auch heute wird die Figur dort lebendig gehalten. Auf dem Gelände befindet sich beispielsweise das Hexenhaus, das als das sagenhafte Zuhause Watelindes dargestellt wird. Das Gebäude steht auffällig auf dem Kopf und gehört inzwischen selbst zur modernen touristischen Inszenierung der Harzer Hexenwelt.
Auch in heutigen Darstellungen des Harzes wird Watelinde weiterhin als mächtige Hexe beziehungsweise Hexenmutter vorgestellt. Sie gehört damit zu jenen Sagenfiguren, die den Hexentanzplatz bis heute prägen.
Was die Sage erzählen will
Die Geschichte von Watelinde ist mehr als eine einfache Geschichte über eine böse Hexe.
Sie verbindet mehrere typische Elemente der Harzer Sagenwelt:
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den geheimnisvollen Wald,
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heilende Kräuter,
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die Macht der Zauberei,
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die Gestalt einer verwandelten Hexe,
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den Hexentanzplatz als magischen Ort,
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den Kampf zwischen Gut und Böse,
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den schützenden Sturm und
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die Verwandlung eines Menschen in Stein.
Besonders auffällig ist die Verbindung von Kräuterwissen und Hexerei. Hilda sammelt Heilpflanzen, während Watelinde ihr magische Kräfte verspricht. Damit begegnen sich in der Sage zwei unterschiedliche Vorstellungen von geheimem Wissen: das heilende Wissen der Kräuterkunde und die gefährliche Zauberei der Hexe.
Sage und Wirklichkeit
Die Geschichte von Watelinde ist eine Harzer Sage. Es gibt keinen historischen Beleg dafür, dass eine Frau namens Watelinde tatsächlich auf dem Hexentanzplatz lebte, Menschen verzauberte oder vom Sturm in Stein verwandelt wurde.
Die Sage gehört vielmehr zu der reichen Erzähltradition, die sich um den Hexentanzplatz und das Bodetal entwickelt hat. Der heutige Hexentanzplatz ist ein realer Ort über dem Bodetal bei Thale; seine Verbindung mit Hexen, Walpurgisnacht und Zauberei gehört zur regionalen Sagen- und Festkultur.
Gerade dadurch wird Watelinde zu einer interessanten Figur der Harzer Überlieferung: Sie ist keine historisch belegte Hexe, sondern eine Gestalt aus der Sage – und trotzdem gehört ihre Geschichte fest zum kulturellen Bild des Hexentanzplatzes.
Vielleicht liegt darin auch der besondere Reiz dieser Geschichte.
Wenn heute der Wind über das Hochplateau zieht und Nebel aus dem Bodetal aufsteigt, kann man sich leicht vorstellen, wie die Menschen früher an diesem Ort Geschichten von Zauberinnen, Hexen und verwunschenen Felsen erzählten.
Und irgendwo zwischen den Felsen soll noch immer die Hexengroßmutter Watelinde stehen.
Versteinert, aber nicht vergessen.