Der Brocken wird zum Hexenberg
Eine der frühesten bekannten schriftlichen Verbindungen zwischen dem Brocken, der Walpurgisnacht und angeblichen Hexenversammlungen findet sich im Jahr 1540 im Harzort Elbingerode.
Dort wurde die Frau Grete Wroist der Hexerei beschuldigt. Während des Hexenprozesses sagte sie aus, gemeinsam mit anderen Frauen in der Walpurgisnacht durch die Luft zum Teufelstanz auf den Brocken geflogen zu sein. Diese Aussage gilt als eine frühe schriftliche Überlieferung, in der der Brocken ausdrücklich als Treffpunkt von Hexen genannt wird.
Ein Geständnis unter Folter
Bei der Bewertung dieser Aussage muss jedoch der historische Hintergrund berücksichtigt werden.
Hexenprozesse der damaligen Zeit waren keine modernen Gerichtsverfahren. Bereits ein Gerücht, eine Denunziation oder der Verdacht der Hexerei konnte eine Untersuchung auslösen. Ziel der Verhöre war häufig ein Geständnis, weil dieses als besonders wichtiger Beweis galt.
Dafür durfte unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen die sogenannte „peinliche Frage“, also Folter, eingesetzt werden. Angeklagte wurden unter erheblichen körperlichen und psychischen Druck gesetzt und konnten dabei auch gezwungen werden, weitere Personen oder angebliche Hexenversammlungen zu nennen. Das Deutsche Historische Museum beschreibt die Folter als einen wichtigen Bestandteil vieler Hexenverfahren und weist darauf hin, dass zahlreiche Geständnisse unter Androhung oder Anwendung der Tortur zustande kamen.
Deshalb darf die Aussage von Grete Wroist nicht als Beweis verstanden werden, dass sie tatsächlich zum Brocken geflogen ist.
Sie ist vielmehr ein historisches Dokument darüber, welche Vorstellungen von Hexerei und Hexenversammlungen im 16. Jahrhundert existierten.
Warum gerade der Brocken?
Die Aussage von Grete Wroist blieb nicht ohne Bedeutung. Nach Forschungen zur Geschichte der Walpurgisüberlieferung war sie ein wichtiger früher Beleg für die Verbindung von Walpurgisnacht und Brocken.
Interessant ist dabei, dass der Brocken nicht in allen Hexenprozessen des Harzes als Treffpunkt genannt wurde. Die Aussagen waren zunächst eher vereinzelt. Dennoch wiederholte sich die Vorstellung später und entwickelte sich zu einer regionalen Erzähltradition.
Aus einzelnen Aussagen, mündlichen Erzählungen und späteren Schriften entstand allmählich das Bild vom Brocken als Blocksberg, auf dem sich die Hexen zur Walpurgisnacht versammelten.
Damit wurde aus einem realen Berg ein sagenhafter Ort.
Keine Hexenverbrennung als Fest
Die historischen Hexenprozesse haben mit dem heutigen Hexenfeuer allerdings nichts gemeinsam.
Während der Hexenverfolgungen wurden Menschen aufgrund von Anschuldigungen, Gerüchten und damaligen Vorstellungen von Hexerei verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Die öffentlichen Hinrichtungen sollten nicht nur bestrafen, sondern auch andere Menschen abschrecken und die Macht der Obrigkeit demonstrieren.
Die heutigen Feuer zur Walpurgisnacht sind dagegen ein symbolischer und festlicher Brauch.
Das Feuer steht heute für Licht, Wärme und den Übergang vom Winter zum Frühling. Menschen treffen sich, feiern gemeinsam und greifen dabei die alten Gestalten der Sagenwelt auf: Hexen, Teufel und andere geheimnisvolle Figuren.
Aus einem Zeichen von Angst und Verfolgung wurde damit ein Bestandteil einer modernen Festkultur.
Eine Geschichte mit zwei Seiten
Die Geschichte der Walpurgisnacht besitzt deshalb eine ungewöhnliche Entwicklung.
1540: Eine Angeklagte aus Elbingerode nennt unter den Bedingungen eines Hexenprozesses den Brocken als Ort eines angeblichen Hexentanzes.
16. und 17. Jahrhundert: Hexenprozesse, Verhöre und Folter tragen dazu bei, Vorstellungen von Hexenversammlungen und Teufelspakten weiterzuverbreiten.
Spätere Jahrhunderte: Schriftsteller und Erzähler greifen diese Vorstellungen auf und verbinden sie immer stärker mit dem Brocken und der Walpurgisnacht.
Heute: Die Walpurgisnacht wird als Fest gefeiert – mit Feuer, Musik, Kostümen und den bekannten Figuren der Harzer Sagenwelt.
Sage und Wirklichkeit
Die Geschichte von Grete Wroist zeigt damit besonders deutlich, wie aus historischen Ereignissen und Vorstellungen eine Sage entstehen konnte.
Der Hexenflug zum Brocken ist nicht bewiesen.
Das Prozessverfahren von 1540 ist historisch überliefert.
Die Aussage entstand unter den Bedingungen eines Hexenprozesses und muss deshalb kritisch betrachtet werden.
Gerade diese Unterscheidung macht die Geschichte des Brocken-Mythos so interessant: Hinter der späteren Vorstellung vom fröhlichen Hexentanz steht auch ein dunkles Kapitel der europäischen Geschichte.
Das heutige Hexenfeuer erinnert nicht an die historischen Scheiterhaufen. Es hat eine andere Bedeutung – es steht für Frühling, Gemeinschaft und die lebendige Sagenwelt des Harzes.