Die unterirdische Stadt

Veröffentlicht am 5. September 2026 um 21:00

Die geheimnisvolle Unterwelt des Harzes – Höhlen, Seen und unterirdische Geschichten

Wer an den Harz denkt, denkt meist an dichte Wälder, schroffe Felsen, tiefe Täler und sagenumwobene Berge. Doch unter der Oberfläche beginnt eine zweite Welt. Wasser hat über Jahrtausende Gestein aufgelöst, Hohlräume geschaffen und unterirdische Hallen entstehen lassen. Manche dieser Höhlen wurden erst vor wenigen Jahrhunderten bekannt, andere waren schon lange vorher vorhanden und wurden von Menschen und Tieren genutzt.

Besonders eindrucksvoll sind die Baumannshöhle und Hermannshöhle bei Rübeland sowie die Heimkehle im Südharz. Sie zeigen unterschiedliche Formen der unterirdischen Landschaft: Tropfsteine, große Hallen, Wasserläufe und unterirdische Seen.

Hinzu kommen moderne Erlebniswelten wie das Rätseldorf des Mythenresorts Heimdall in Thale, das die geheimnisvolle Welt des Harzes auf spielerische Weise aufgreift.

Gemeinsam erzählen diese Orte eine Geschichte von Natur, Forschung, Bergbau, Sagen und menschlicher Fantasie.

Die Baumannshöhle – eine Höhle mit jahrhundertealter Besuchergeschichte

In Rübeland befindet sich mit der Baumannshöhle eine der bekanntesten Höhlen des Harzes. Sie gilt als Deutschlands älteste Schauhöhle. Bereits seit dem 17. Jahrhundert werden Besucher durch ihre unterirdischen Räume geführt. Organisierte Führungen sind seit 1646 belegt.

Der Name geht auf den Bergmann Friedrich Baumann zurück. Einer alten Überlieferung zufolge soll er die Höhle im 16. Jahrhundert entdeckt haben, als er nach Eisenerz suchte. Die Sage gehört heute fest zur Geschichte der Höhle, auch wenn die genaue Entdeckungsgeschichte nicht in allen Einzelheiten historisch gesichert ist.

Schon früh faszinierte die Höhle Gelehrte und Reisende. Sie wurde beschrieben, gezeichnet und wissenschaftlich untersucht. Im Jahr 1654 erschien sogar eine Darstellung aus dem Inneren der Baumannshöhle – eine außergewöhnlich frühe bildliche Dokumentation einer Naturhöhle.

Eine Welt aus Stein und Wasser

Die Baumannshöhle entstand im Kalkgestein des Harzes. Über sehr lange Zeiträume konnte Wasser in Spalten und Klüfte eindringen und das Gestein langsam lösen. Dadurch entstanden Hohlräume, Hallen und bizarre Formen.

Besonders beeindruckend sind die Tropfsteinbildungen. Wasser, das durch das Gestein sickert, nimmt gelöste Mineralien auf. Tropft es in einem Hohlraum von der Decke, kann sich nach und nach Kalk ablagern. So entstehen Stalaktiten an der Decke und Stalagmiten am Boden.

Was für einen Menschen nur wie ein einzelner Tropfen aussieht, kann über sehr lange Zeiträume eine ganze Gesteinsformation entstehen lassen.

Der größte Hohlraum der Baumannshöhle ist der Goethesaal. Er trägt den Namen des berühmten Dichters, der die Höhle während seiner Harzreisen mehrfach besuchte. Heute wird der große unterirdische Saal sogar als außergewöhnliche Naturbühne genutzt.

Damit verbindet die Baumannshöhle Naturgeschichte und Kulturgeschichte auf besondere Weise.

Die Höhle der alten Geschichten

Die Baumannshöhle war schon für frühere Besucher ein Ort, an dem sich Wirklichkeit und Vorstellung miteinander vermischten.

Die bizarren Formen der Tropfsteine konnten wie Figuren, Tiere oder geheimnisvolle Wesen wirken. In früheren Jahrhunderten waren die Kenntnisse über die Entstehung solcher Höhlen wesentlich geringer als heute.

Hinzu kamen Knochenfunde, die in der Höhle gemacht wurden. Besonders Knochen von Höhlenbären spielten in der frühen Geschichte der Höhlenforschung eine Rolle. Die Menschen deuteten solche Funde teilweise auf ganz andere Weise als heutige Wissenschaftler.

So konnte aus einer natürlichen Höhle leicht ein Ort werden, an dem man sich Geschichten über vergangene Zeiten, unterirdische Wesen und verborgene Geheimnisse erzählte.

Die Hermannshöhle – jünger entdeckt, aber ebenso geheimnisvoll

Nur wenige Schritte von der Baumannshöhle entfernt liegt die Hermannshöhle.

Sie wurde nicht durch eine alte Bergmannssage entdeckt, sondern im Jahr 1866 bei Straßenbauarbeiten. Der Wegeaufseher Wilhelm Angerstein stieß dabei auf den Zugang zu der bis dahin unbekannten Höhle. Zunächst wurde sie nach seinem Spitznamen „Sechserdinghöhle“ genannt. Später erhielt sie den Namen Hermannshöhle, nach ihrem Erforscher Hermann Grotrian.

Die Höhle wurde anschließend intensiv erforscht. Ihre Gänge und Hohlräume erstrecken sich über mehrere Kilometer.

Eine Besonderheit der Hermannshöhle ist ihre Verbindung zu unterirdischem Wasser. Sie gehört zu den Höhlen, deren Entstehung eng mit der Entwicklung des Bode-Tals und der Wasserbewegung im Kalkgestein verbunden ist. Wasser konnte über lange Zeiträume in Spalten und Klüfte eindringen, Gestein lösen und dadurch immer größere Hohlräume schaffen.

Der Grottenolm – ein ungewöhnlicher Bewohner

Die Hermannshöhle besitzt noch eine weitere Besonderheit: Sie ist für ihre Grottenolme bekannt.

Diese blassen, an das Leben im Dunkeln angepassten Schwanzlurche wirken beinahe wie Wesen aus einer Sage. Sie benötigen kein Tageslicht und verbringen ihr Leben in einer Welt, die für Menschen normalerweise völlig fremd ist.

Gerade solche Tiere haben dazu beigetragen, dass Höhlen seit jeher als geheimnisvolle Orte wahrgenommen wurden.

In einer alten Sage hätte man aus einem solchen Tier vielleicht ein unterirdisches Wesen oder einen Hüter des Berges gemacht. Die Natur selbst liefert manchmal Bilder, die kaum weniger fantastisch wirken als eine erfundene Geschichte.

Die Heimkehle – die unterirdische Wasserwelt des Südharzes

Noch einmal anders präsentiert sich die Heimkehle bei Uftrungen im Südharz.

Die Höhle gehört zu den eindrucksvollsten Schauhöhlen der Region und liegt in der Südharzer Karstlandschaft. Sie wurde bereits 1357 erstmals urkundlich erwähnt und später touristisch erschlossen. 1920 wurde sie für Besucher geöffnet und entwickelte sich schnell zu einem überregional bekannten Ausflugsziel.

Anders als die Rübeländer Tropfsteinhöhlen entstand die Heimkehle in einer Landschaft, in der lösliches Gestein wie Gips und Anhydrit eine wichtige Rolle spielt. Dadurch konnten besonders große Hohlräume entstehen.

Einer der beeindruckendsten Bereiche ist der Große Dom. Die Halle erreicht eine Höhe von ungefähr 22 Metern. Dazu kommen unterirdische Seen, die der Höhle ihren besonderen Charakter verleihen.

Wer dort unter der Erde steht, befindet sich nicht einfach in einem dunklen Stollen. Man blickt in eine Landschaft, die vollständig von natürlichen Kräften geschaffen wurde.

Unterirdische Seen

Das Wasser ist einer der wichtigsten Gestalter der Heimkehle.

In niederschlagsreichen Zeiten können Teile der Höhle mit Wasser bedeckt sein. Mehrere Seen befinden sich unter der Erde, und Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich das Höhlensystem teilweise unter Wasser fortsetzt.

Damit entsteht ein ungewöhnliches Bild: Über der Erde liegt der Südharzer Wald, während sich darunter eine zweite Landschaft aus Fels, Wasser und Dunkelheit befindet.

Diese Verbindung von unterirdischen Hallen und Seen erklärt auch, warum die Heimkehle seit langer Zeit eine besondere Faszination auf Besucher ausübt.

Ein dunkles Kapitel der Heimkehle

Die Geschichte der Heimkehle besitzt allerdings nicht nur eine romantische Seite.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Höhle für die Rüstungsproduktion genutzt. Ab 1944 entstand dort ein unterirdisches Produktionswerk. KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und dienstverpflichtete Zivilarbeiter mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Viele Menschen kamen dabei ums Leben.

Nach dem Krieg wurden die Rüstungsanlagen und Höhleneingänge teilweise gesprengt.

Heute erinnert eine Gedenkstätte im Bereich des sogenannten Kleinen Doms an die Opfer dieser Zeit. Die Heimkehle ist damit nicht nur ein Naturdenkmal, sondern auch ein Ort des Erinnerns.

Gerade dieser Teil der Geschichte darf bei einer Beschreibung der Höhle nicht fehlen. Die Schönheit der Natur und die Erinnerung an das Leid der Menschen gehören heute untrennbar zur Geschichte der Heimkehle.

Das Rätseldorf in Thale – eine moderne Unterwelt

Ganz anders ist das Rätseldorf im Mythenresort Heimdall in Thale.

Hier handelt es sich nicht um eine natürliche Höhle und auch nicht um eine historische unterirdische Siedlung. Das Rätseldorf wurde als moderne Erlebniswelt in den großflächigen Kellerräumen des Hotels gestaltet. Das Mythenresort beschreibt es als unterirdisches Dorf, in dem verschiedene Geschichten und Escape-Room-Szenarien miteinander verbunden sind.

Die einzelnen Bereiche greifen Motive aus der Welt der Harzer Sagen auf.

So gibt es unter anderem eine Waldhütte, in der Geschichten über eine Hexe und die heilige Walpurga aufgegriffen werden. Ein weiteres Szenario führt in die geheimnisvolle Garage eines rätselhaften Nachbarn. In einem Bergwerk wiederum wird eine Geschichte über einen verborgenen Schatz, Riesen und die Krone der Königstochter Brunhilde erzählt.

Damit ist das Rätseldorf ein gutes Beispiel dafür, wie alte Motive heute neu erzählt werden.

Die Besucher werden nicht nur Zuschauer einer Geschichte. Sie werden selbst zu deren Teil.

Wenn aus alten Sagen ein Erlebnis wird

Das Rätseldorf zeigt, wie lebendig die Harzer Sagenwelt auch in der Gegenwart geblieben ist.

Früher wurden Geschichten am Feuer, in Familien oder während der Arbeit erzählt. Heute können solche Motive in Museen, Theateraufführungen, Wanderwegen, Escape Rooms oder Erlebniswelten wieder auftauchen.

Die Geschichte verändert dabei ihre Form.

Aus dem alten Berggeist wird eine Figur in einem Rätsel. Aus dem Schatz im Berg wird eine Aufgabe. Aus der Hexensage wird ein Escape Room.

Die ursprüngliche Überlieferung und die moderne Inszenierung sind deshalb nicht dasselbe. Aber beide zeigen, dass die Vorstellung von einer geheimnisvollen Welt unter dem Harz bis heute Menschen fasziniert.

Die Unterwelt des Harzes – Natur und Vorstellung

Betrachtet man die verschiedenen Orte gemeinsam, entsteht ein beeindruckendes Bild.

In Rübeland stehen Tropfsteine, große Hallen und jahrhundertealte Besuchergeschichte im Mittelpunkt.

Die Hermannshöhle zeigt, wie Wasser und Gestein über lange Zeiträume unterirdische Räume geschaffen haben.

Die Heimkehle beeindruckt durch ihre großen Hallen und unterirdischen Seen, erinnert aber zugleich an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Und in Thale wird die unterirdische Welt schließlich zu einer modernen Bühne für Rätsel und Geschichten.

So unterschiedlich diese Orte sind, sie haben etwas gemeinsam:

Unter dem Harz gibt es eine zweite Landschaft.

Eine Landschaft ohne Sonnenlicht, geformt von Wasser, Gestein und Zeit.

Sage und Wirklichkeit

Naturwissenschaftlich belegt ist die Entstehung der Höhlen durch geologische Prozesse. Wasser hat über lange Zeiträume Gestein gelöst und unterirdische Hohlräume geschaffen.

Historisch belegt sind die frühe Nutzung und Erforschung der Baumannshöhle, die Entdeckung der Hermannshöhle 1866 sowie die Erschließung der Heimkehle als Schauhöhle.

Historisch dokumentiert ist auch die Nutzung der Heimkehle als Rüstungsproduktionsstätte während des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundene Zwangsarbeit.

Modern und bewusst inszeniert ist dagegen das Rätseldorf in Thale. Es greift Motive der Harzer Sagenwelt auf, ist aber selbst keine historische Überlieferungsstätte.

Eine Welt unter unseren Füßen

Vielleicht liegt genau darin die besondere Faszination des Harzes.

Man muss nicht erst einen sagenhaften Schatz finden, um eine geheimnisvolle Welt zu entdecken. Man muss nur hinuntersteigen.

Unter den Wäldern liegen Hallen, die das Wasser geschaffen hat. Tropfsteine wachsen über Jahrtausende. Unterirdische Seen spiegeln das Licht. Fledermäuse suchen dort Schutz, und in manchen Höhlen leben Tiere, die sich an die Dunkelheit angepasst haben.

Und über all dem liegen die Geschichten der Menschen.

Von Bergleuten, die tief in den Berg vordrangen. Von geheimnisvollen Wesen, die angeblich unter der Erde lebten. Von Schätzen, die niemand finden konnte. Von Orten, die den Menschen gleichzeitig Angst machten und faszinierten.

Der Harz hat nicht nur eine Oberfläche voller Sagen. Tief unter seinen Wäldern beginnt eine zweite Welt – und manchmal ist die wirkliche Unterwelt geheimnisvoller als jedes Märchen.