Der Bergmann und der Teufel

Veröffentlicht am 5. September 2026 um 21:38

Der Teufelsschacht bei Straßberg – Der Bergmann, der mit dem Teufel um die Wette arbeitete

Tief im Unterharz, unweit von Straßberg, erzählt man seit langer Zeit von einem Bergwerk, dessen Name bis heute unheimlich klingt: dem Teufelsschacht.

Es ist die Geschichte eines außergewöhnlich fleißigen Bergmanns, mit dem niemand gern zusammenarbeiten wollte. Er arbeitete schneller und härter als alle anderen und war gleichzeitig davon überzeugt, dass seine Kameraden viel zu langsam seien. Immer wieder beschwerte er sich über die anderen Bergleute und behauptete, niemand könne mit ihm mithalten.

Doch eines Tages bekam er einen neuen Arbeitskameraden.

Einen Fremden, den niemand kannte.

Und dieser Fremde sollte sich als jemand erweisen, mit dem selbst der fleißigste Bergmann nicht mithalten konnte.

Ein Bergmann, mit dem niemand arbeiten wollte

Der Überlieferung nach arbeitete in einem Bergwerk bei Straßberg ein Bergmann, dessen Arbeitseifer ungewöhnlich groß war. Er war ständig damit beschäftigt, Erz und Gestein aus dem Berg zu holen, und verlangte dasselbe von seinen Kameraden.

Doch statt Anerkennung brachte ihm sein Verhalten vor allem Ärger.

Keiner der anderen Bergleute konnte mit seinem Tempo mithalten. Immer wieder musste ein anderer Arbeiter mit ihm zusammenarbeiten, doch nach kurzer Zeit wollte niemand mehr an seiner Seite arbeiten.

Der Mann hielt seine Kameraden für faul und beschwerte sich ständig darüber, dass sie nicht genug leisteten.

Schließlich soll im Dorf sogar der spöttische Satz gefallen sein:

„Mit dem kann nur noch der Teufel arbeiten.“

Niemand ahnte, dass diese Worte eines Tages auf unheimliche Weise Wirklichkeit werden sollten.

Der geheimnisvolle Fremde

Eines Tages erschien ein fremder Bergmann und bat um Arbeit.

Der Steiger erklärte ihm, dass er einen schwierigen Kameraden bekommen würde – einen Mann, mit dem bisher niemand lange hatte zusammenarbeiten können.

Der Fremde zeigte sich davon jedoch unbeeindruckt.

Er soll sinngemäß erklärt haben, dass er selbst für mehrere Männer arbeiten könne.

Damit begann ein ungewöhnlicher Wettstreit unter Tage.

Der Fremde stieg in den Schacht hinab und begann mit der Arbeit. Schon bald zeigte sich, dass seine Worte keine Übertreibung gewesen waren.

Er arbeitete mit einer Geschwindigkeit, die den Straßberger Bergmann völlig überraschte.

Gestein, das bereits seit langer Zeit im Bergwerk lag und darauf wartete, abgefördert zu werden, war plötzlich verschwunden. Der Fremde löste das Erz und Gestein aus dem Berg und schaffte es mit einer Kraft und Geschwindigkeit nach draußen, die für einen einzelnen Menschen kaum vorstellbar schien.

Der bisher so selbstbewusste Bergmann musste feststellen, dass er seinen neuen Kameraden nicht übertreffen konnte.

Der Wettstreit unter Tage

Doch statt sich geschlagen zu geben, nahm der Straßberger die Herausforderung an.

Nun arbeiteten beide gegeneinander.

Der eine wollte beweisen, dass er der beste Bergmann war.

Der andere schien seine übermenschliche Leistungsfähigkeit unbedingt unter Beweis stellen zu wollen.

Einen ganzen Monat soll dieser Wettstreit gedauert haben.

Dabei wurde eine gewaltige Menge Arbeit geleistet. Die beiden Männer holten so viel Gestein und Erz aus dem Berg, dass die Grube einen außergewöhnlich hohen Lohn erwirtschaftete.

Für die damaligen Bergleute musste das ein unglaublicher Erfolg gewesen sein.

Doch hinter dem Erfolg verbarg sich ein Geheimnis.

Denn der fremde Bergmann war nicht derjenige, für den ihn alle hielten.

Vierhundert Taler und ein Pfennig

Am Ende des Monats kam der Lohntag.

Beide Männer hatten gemeinsam gearbeitet und sollten dafür zusammen 400 Taler und einen Pfennig erhalten.

Der eine Pfennig wurde nun zum entscheidenden Teil der Geschichte.

Die beiden Männer konnten sich nicht einigen, wem die kleine Münze gehören sollte.

Schließlich nahm der Straßberger Bergmann den Pfennig und warf ihn achtlos in den Schacht.

Damit hätte die Geschichte eigentlich beendet sein können.

Doch plötzlich geschah etwas Unheimliches.

Der fremde Bergmann sprang der Münze hinterher.

Er verschwand mit großem Gepolter in der Tiefe des Schachtes.

Da erkannte der Straßberger, mit wem er die vergangenen Wochen gearbeitet hatte.

Der Fremde war der Teufel gewesen.

Die Erkenntnis soll dem Bergmann einen Schauer über den Rücken gejagt haben.

Vier Wochen lang hatte er Seite an Seite mit dem Teufel unter Tage gearbeitet, ohne ihn zu erkennen.

Seitdem haust der Teufel im Schacht

Nach der Sage blieb der Teufel in der Tiefe.

Von diesem Zeitpunkt an wollte kein Bergmann mehr in die Grube einfahren.

Zu groß war die Angst vor dem Wesen, das dort unten hausen sollte.

In einer überlieferten Fassung heißt es sogar, dass ein Bergmann, der in den Schacht einfuhr, unter den gespreizten Beinen des Teufels hindurch musste.

Die reiche Grube, die zuvor so viel Erz geliefert hatte, wurde dadurch zu einem Ort des Schreckens.

So erhielt der Schacht seinen Namen:

Teufelsschacht.

Die Sage erklärt auf diese Weise nicht nur den Namen des Ortes, sondern auch, warum ein eigentlich ertragreiches Bergwerk aufgegeben worden sein soll.

Die ältere Überlieferung

Besonders interessant ist, dass diese Geschichte nicht erst in neuerer Zeit entstanden ist.

Der Sagensammler Heinrich Pröhle nahm die Erzählung in seine Unterharzischen Sagen auf. Dort wird der Teufelsschacht bei Straßberg als eine Grube beschrieben, in der Eisenerz gewonnen wurde. Auch bei Pröhle findet sich bereits das Motiv des außergewöhnlich leistungsfähigen Bergmanns, des geheimnisvollen Fremden, des gemeinsamen Lohnes von 400 Talern und einem Pfennig sowie des Teufels, der der Münze in den Schacht folgt.

Damit gehört die Geschichte zu den älteren dokumentierten Bergmannssagen des Unterharzes.

Warum gerade der Teufel?

Der Teufel taucht in vielen europäischen Bergmannssagen auf.

Das hat einen einfachen Grund: Für die Menschen früherer Jahrhunderte war die Welt unter Tage fremd und gefährlich. Tief im Berg herrschten Dunkelheit, Hitze, Wasser und Enge. Einstürze konnten Menschenleben fordern, und die Bergleute wussten nie sicher, was sie hinter der nächsten Felswand erwartete.

Wenn ein Mensch eine außergewöhnliche Leistung vollbrachte oder ein Ereignis nicht erklärbar war, konnte daraus eine Geschichte entstehen.

Im Teufelsschacht wird genau dieses Motiv auf die Spitze getrieben:

Der Fremde arbeitet so schnell, so kräftig und so erfolgreich, dass seine Leistung kaum noch menschlich erscheint.

Die Antwort der Sage lautet:

Wenn kein Mensch so arbeiten kann, muss es der Teufel sein.

Die Botschaft der Sage

Hinter der unheimlichen Geschichte steckt gleichzeitig eine Warnung.

Der Straßberger Bergmann ist nicht nur besonders fleißig. Er ist stolz auf seine Leistung und verachtet seine Kameraden, weil sie nicht genauso schnell arbeiten können.

Sein Ehrgeiz führt dazu, dass er schließlich mit dem Teufel zusammenarbeitet – genau mit dem Wesen, das seine Kameraden zuvor scherzhaft erwähnt hatten.

Die Sage kann deshalb als Gleichnis verstanden werden:

Wer nur noch schneller, höher und mehr erreichen will, kann irgendwann die Kontrolle über das verlieren, was er selbst geschaffen hat.

Der Bergmann wollte seinen Kameraden überlegen sein.

Am Ende hatte er tatsächlich einen Partner gefunden, der ihn übertraf – aber dieser Partner war der Teufel.

Straßberg und die wirkliche Bergbaugeschichte

Der Hintergrund der Sage ist durchaus real.

Straßberg gehört zu den Orten des Unterharzes, die über Jahrhunderte vom Bergbau geprägt wurden. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte der Ort eine besondere Blütezeit. Zeitweise arbeiteten dort bis zu 500 Bergleute.

Eine wichtige Grube war die später als Glasebach bezeichnete Anlage. Der Bergbau wurde im Laufe der Zeit mehrfach eingestellt und wieder aufgenommen. Jahrhunderte später wurde der alte Schacht erneut untersucht und schließlich im 20. Jahrhundert für den Fluoritabbau genutzt. 1990 endete dort die letzte Seilfahrt. Seit 1995 ist die Grube Glasebach als Bergwerksmuseum zugänglich.

Heute kann man dort noch sehr anschaulich erleben, unter welchen Bedingungen im Harz unter Tage gearbeitet wurde. Erhalten sind unter anderem historische Anlagen zur Wasserhebung und Teile der alten Bergbautechnik.

Gerade dieser reale Bergbauhintergrund macht die Sage vom Teufelsschacht so eindrucksvoll.

Sage und Wirklichkeit

Historisch überliefert ist die Geschichte vom Teufelsschacht als Unterharzer Bergmannssage. Heinrich Pröhle dokumentierte sie bereits in seinen Unterharzischen Sagen.

Historisch belegt ist außerdem, dass Straßberg über eine bedeutende Bergbautradition verfügte und dort über Jahrhunderte verschiedene Erze gewonnen wurden.

Nicht historisch belegt ist dagegen, dass tatsächlich ein Bergmann mit dem Teufel zusammenarbeitete oder dass der Teufel bis heute im Schacht lebt.

Die Geschichte gehört in die Welt der Sage – aber sie erzählt etwas sehr Wirkliches: von der harten Arbeit unter Tage, vom Stolz der Bergleute, von der Gefahr des Berges und von der Angst vor dem Unbekannten.

Der Pfennig im Schacht

Vielleicht ist es gerade der kleine Pfennig, der die Geschichte so eindrucksvoll macht.

Vierhundert Taler waren ein gewaltiger Lohn. Doch am Ende ist es nicht das große Geld, das den Ausschlag gibt, sondern eine einzige kleine Münze.

Ein achtlos weggeworfener Pfennig wird zum Auslöser des Geheimnisses.

Seitdem, so erzählt die Sage, gehört die Tiefe des Berges dem Teufel.

Und vielleicht sollte die Geschichte den Bergleuten vor allem eines sagen:

Manchmal ist es nicht der große Schatz, der einen Menschen ins Verderben führt – sondern ein kleiner Schritt zu weit.