Der Zwergenkönig

Veröffentlicht am 5. September 2026 um 21:00

König Hübich – Der Zwergenkönig vom Hübichenstein

Der Zwergenkönig Hübich gehört zu den bekanntesten Sagengestalten des Westharzes. Sein Reich soll sich tief unter dem Hübichenstein bei Bad Grund befunden haben, einem markanten Felsen aus Riffkalk, der schon seit Jahrhunderten mit Geschichten über Zwerge, verborgene Schätze und geheimnisvolle unterirdische Welten verbunden ist. In den Sagen erscheint Hübich als kleiner, älterer Mann mit grauem Bart und runzligem Gesicht. Er ist freundlich und hilfsbereit, solange die Menschen den Berg und sein Reich respektieren. Wer jedoch den Hübichenstein aus Übermut bestieg oder Hübich beleidigte, musste mit seiner Strafe rechnen.

Das Reich unter dem Hübichenstein

Nach der Überlieferung lebte König Hübich nicht einfach in einer Höhle. Unter dem Felsen soll sich ein prächtiges unterirdisches Reich verborgen haben. In älteren Beschreibungen ist sogar von einem Zauberschloss mit großen Sälen und wundersamen Tropfsteingebilden die Rede.

Damit verbindet die Sage zwei Dinge, die für den Harz besonders typisch sind: die geheimnisvolle Welt unter der Erde und den jahrhundertelangen Bergbau. Rund um Bad Grund wurde tatsächlich tief unter Tage nach Bodenschätzen gesucht. Alte Gruben, Stollen und natürliche Höhlen machten die Vorstellung einer verborgenen Welt unter dem Hübichenstein besonders glaubwürdig.

Der Hübichenstein selbst besteht aus Kalkstein und bildet zwei markante Felsnadeln. Heute kann die kleinere Felsnadel bestiegen werden und bietet einen Blick über Bad Grund. Die größere trägt seit 1897 einen bronzenen Adler zu Ehren Kaiser Wilhelms I.

Ein König mit zwei Gesichtern

König Hübich war in den Sagen keineswegs grundsätzlich böse. Im Gegenteil: Notleidenden Menschen soll er immer wieder geholfen haben.

Besonders bekannt ist die Geschichte von einem armen Bergmann, seiner Frau und ihren sieben Kindern. Als der Bergmann schwer erkrankte und kein Geld mehr verdienen konnte, geriet die Familie in große Not. Die Frau ging schließlich in den Wald, um Tannenzapfen zu sammeln, die sie gegen Lebensmittel eintauschen wollte.

Dort begegnete sie einem kleinen, grauhaarigen Männlein. Es fragte nach ihrem Kummer und wies ihr den Weg zu einer Stelle am Hübichenstein, an der sie besonders viele Tannenzapfen finden könne.

Als die Frau dort ankam, schienen die Tannenzapfen wie von selbst in ihre Kiepe zu fallen. Zu Hause machte sie schließlich eine erstaunliche Entdeckung: Die Tannenzapfen waren zu Silber geworden.

Ihr Mann erkannte darin die Hilfe des Zwergenkönigs. Als die Frau später zu Hübich zurückkehrte, gab dieser ihr außerdem ein Kräuterbüschel und trug ihr auf, daraus einen Tee für ihren kranken Mann zu bereiten. Nach der Sage wurde der Bergmann daraufhin wieder gesund. Die Familie lebte fortan in bescheidenem Wohlstand und vergaß nicht, selbst anderen Menschen zu helfen.

Diese Geschichte zeigt besonders deutlich, welche Rolle Hübich in der Harzer Sagenwelt einnimmt: Er belohnt keine Habgier, sondern Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft und ein gutes Herz.

Der Förstersohn und das Verbot des Hübichensteins

Eine andere bekannte Sage erzählt von einem jungen Förstersohn, der sich über die Warnungen der Menschen hinwegsetzte und auf den Hübichenstein kletterte.

Oben auf dem Felsen prahlte er mit seinem Mut. Damit verletzte er jedoch das wichtigste Gebot des Zwergenkönigs: Der Hübichenstein durfte nicht aus Übermut bestiegen werden.

Hübich bestrafte den jungen Mann und bannte ihn an den Felsen. Als sein Vater davon erfuhr, war er verzweifelt. Er wollte seinen Sohn schließlich von seinem Leiden erlösen.

Doch als der Förster zum Hübichenstein kam, geschah etwas Unerwartetes. Tausende Zwerge tauchten auf und verhinderten seine Tat. Sie bildeten mit ihren Körpern eine lebendige Leiter, über die Hübich selbst zu dem gefangenen jungen Mann gelangen konnte.

Der Zwergenkönig befreite ihn schließlich. Doch damit war die Angelegenheit noch nicht beendet. Hübich verlangte vom Förstersohn ein Versprechen: Niemand sollte den Hübichenstein mehr besteigen und die Menschen sollten aufhören, auf die Vögel am Felsen zu schießen.

Denn durch das Klettern und Schießen wurden nach der Sage immer wieder Steine aus dem Felsen herausgebrochen.

Als Gegenleistung erhielt der junge Mann so viele Silbermünzen, wie er tragen konnte. Er soll einen Teil des Geldes später sogar für den Bau der St.-Antonius-Kirche in Bad Grund verwendet haben. Außerdem setzte er sich dafür ein, dass das Klettern und Schießen am Hübichenstein verboten wurde.

Der Untergang des Zwergenkönigs

Die Sage erklärt auch, warum König Hübich irgendwann aus der Welt der Menschen verschwunden sein soll.

Nach der Überlieferung konnte er nur so lange über den Hübichenstein herrschen, wie die große Felsnadel höher als die kleinere war.

Während des Dreißigjährigen Krieges sollen Soldaten aus dem Heer Tillys aus Mutwillen auf den Felsen geschossen und dabei die Spitze des größeren Felsens zerstört haben. Dadurch veränderte sich das Verhältnis der beiden Felsnadeln.

Seit diesem Ereignis, so erzählt die Sage, wurde König Hübich nie wieder von einem Menschen gesehen. Die kleinere Felsnadel, die heute bestiegen werden kann, ist inzwischen die höhere der beiden.

Ob tatsächlich Soldaten Tillys die Spitze des Felsens zerstörten, ist eine Frage der historischen Überlieferung und nicht mit der gleichen Sicherheit belegt wie die heutige Gestalt des Felsens. Sicher ist dagegen, dass die Form des Hübichensteins durch menschliche Eingriffe und natürliche Veränderungen geprägt wurde.

Hübich und die Bergstadt Bad Grund

Die Sage passt besonders gut zur Geschichte von Bad Grund. Die Stadt gehört zu den alten Bergstädten des Oberharzes und wurde über Jahrhunderte stark durch den Bergbau geprägt. Tief unter der Erde entstanden Stollen und Gruben, in denen die Menschen nach Erz suchten.

Der Hübichenstein liegt in unmittelbarer Nähe dieser alten Bergbaulandschaft. Auch im Bereich des Felsens gibt es Spuren ehemaliger bergbaulicher Tätigkeit. Der Harzer Tourismusverband verweist heute ausdrücklich darauf, dass Hübich nach der Sage unter dem Hübichenstein gelebt haben soll.

So entstand ein besonderer Zusammenhang: Über der Erde lebten die Menschen in der Bergstadt, unter der Erde lag in ihrer Vorstellung das Reich des Zwergenkönigs.

Hübich wurde dadurch zu einer Art Wächter des Berges. Er konnte Reichtum schenken, aber auch diejenigen bestrafen, die den Berg ausbeuteten oder respektlos mit ihm umgingen.

König Hübich – der Rübezahl des Oberharzes

In Bad Grund wird Hübich gelegentlich als eine Art „Rübezahl des Oberharzes“ bezeichnet. Das ist kein Zufall. Wie Rübezahl im Riesengebirge ist auch Hübich ein mächtiger Natur- und Berggeist, der den Menschen gegenüber unterschiedliche Seiten zeigt.

Doch Hübich besitzt seinen eigenen Charakter.

Er ist kein bloßer Spukgeist und auch kein klassischer böser Zwerg. Er kann streng und furchteinflößend sein, wenn Menschen den Hübichenstein respektlos behandeln. Gleichzeitig hilft er Armen, Kranken und Menschen in Not.

Gerade diese Mischung macht ihn zu einer besonderen Gestalt der Harzer Sagenwelt.

Der Hübichenstein heute

Der Hübichenstein ist bis heute eng mit der Erinnerung an den Zwergenkönig verbunden. In Bad Grund führt sogar eine König-Hübich-Route durch die Landschaft. Entlang des Weges werden verschiedene Sagen über den Zwergenkönig erzählt. Auch am Fuß des Felsens befindet sich eine Felsenbühne, an der traditionell Veranstaltungen zur Walpurgisnacht stattfinden.

Damit ist Hübich nicht einfach eine Gestalt aus einem alten Buch geblieben. Seine Geschichten gehören noch immer zur kulturellen Identität von Bad Grund und zum sagenhaften Bild des Harzes.

Sage und Wirklichkeit

Historisch belegt ist, dass der Hübichenstein ein reales Naturdenkmal in der Nähe von Bad Grund ist und dass die Umgebung seit Jahrhunderten durch Bergbau geprägt wurde.

Überliefert ist dagegen die Geschichte vom Zwergenkönig Hübich, seinem unterirdischen Schloss, seinen