Gold, geheime Gänge und der Brunnengeist
Hoch über dem Harzvorland erhebt sich der Regenstein. Der ungewöhnliche Sandsteinfelsen trägt die Reste einer mittelalterlichen Felsenburg und einer späteren Festung. Was heute wie eine Ruine wirkt, war einst ein Ort der Macht, der Verteidigung und des Reichtums.
Doch mit dem Ende der Burg verschwand nicht ihre geheimnisvolle Wirkung.
Im Laufe der Jahrhunderte entstanden Geschichten über verborgene Schätze, geheime Gänge, verschlossene Felskammern und einen Geist, der tief im Berg über die Geheimnisse des Regensteins wacht.
So entstand die Vorstellung vom Schatz von Regenstein.
Ob dort tatsächlich ein großer Schatz verborgen liegt, konnte nie nachgewiesen werden. Aber die ungewöhnliche Anlage selbst liefert genügend Stoff für die Fantasie.
Der Raubgraf und seine Schätze
Besonders eng ist die Schatzsage mit dem berühmten Grafen Albrecht II. von Regenstein verbunden.
Im 14. Jahrhundert geriet Albrecht immer wieder in Fehden mit seinen Nachbarn. Wegen seiner Auseinandersetzungen und Überfälle wurde er später als „Raubgraf“ bekannt.
Historisch ist Albrecht II. tatsächlich belegt. Im Jahr 1336 geriet er in die Gefangenschaft der Quedlinburger Bürger und wurde in einem hölzernen Kasten festgesetzt, der heute als Raubgrafenkasten bekannt ist.
Aus dem Bild des mächtigen und gefürchteten Raubgrafen entwickelte sich später leicht die Vorstellung, dass er große Reichtümer besessen und diese vor seinen Feinden versteckt habe.
Gold, Silber, erbeutete Waren und kostbare Gegenstände sollen demnach irgendwo innerhalb der Felsenburg verborgen worden sein.
Doch wo?
Genau diese Frage macht den Schatz von Regenstein so geheimnisvoll.
Der Schatz im Felsen
Der Regenstein unterscheidet sich von vielen gewöhnlichen Burgen.
Ein großer Teil seiner Anlage wurde unmittelbar in den Sandstein hineingearbeitet. Noch heute können Besucher zahlreiche Felsenräume besichtigen. Insgesamt sind mehr als 30 solcher Räume erhalten beziehungsweise erschlossen. Dazu gehören unter anderem Keller, ein Burgverlies und weitere aus dem Fels herausgearbeitete Bereiche.
Für die Menschen vergangener Jahrhunderte mussten diese Räume geheimnisvoll wirken.
Dunkle Eingänge führten in den Felsen.
Schmale Gänge verschwanden im Gestein.
Tiefe Schächte führten nach unten.
Und manche Räume lagen verborgen hinter Mauern oder waren nur schwer zugänglich.
Wo Menschen solche Orte sahen, entstand schnell die Frage:
Was wurde hier früher versteckt?
Die geheimen Gänge
Eine besonders hartnäckige Vorstellung erzählt von unterirdischen Verbindungen rund um den Regenstein.
In der Sagenwelt werden solche Gänge mit geheimen Fluchtwegen, verborgenen Vorräten und den Schätzen der Burgherren verbunden. Teilweise werden ihnen sogar weitreichende Verbindungen zu anderen Orten zugeschrieben.
Historisch ist jedoch Vorsicht geboten.
Dass es auf dem Regenstein zahlreiche künstlich angelegte Gänge, Räume und Felseinschnitte gab, ist tatsächlich sichtbar. Auch die spätere Festung besaß Hohl- und Verbindungsgänge. An der Festung gab es beispielsweise einen Hohlgang hinter der Zugbrücke, der zu einem weiteren Tor führte.
Daraus entwickelte sich vermutlich ein fruchtbarer Boden für Geschichten über weit verzweigte unterirdische Wege.
Die Gänge sind teilweise Wirklichkeit – ihre sagenhaften Verbindungen und verborgenen Schätze gehören in die Welt der Überlieferung.
Wo liegt das Gold?
Die Sage lässt die Frage offen.
Vielleicht wurde der Schatz in einem Keller verborgen.
Vielleicht in einer verschlossenen Felskammer.
Vielleicht in einem längst verschütteten Gang.
Oder vielleicht wurde er bereits vor Jahrhunderten gefunden.
Gerade weil niemand den sagenhaften Schatz eindeutig finden konnte, konnte die Geschichte immer weiterleben.
Jede dunkle Felsspalte wurde zum möglichen Eingang.
Jeder verschüttete Schacht konnte eine vergessene Schatzkammer sein.
Und jeder ungewöhnliche Stein konnte die Fantasie anregen.
So wurde der Regenstein selbst zu einer Art Schatzkarte – nur ohne eindeutige Markierung.
Der geheimnisvolle Brunnen
Eine besondere Rolle spielt in der Sagenwelt der Brunnen des Regensteins.
Die historische Festung besaß tatsächlich einen außergewöhnlich tiefen Brunnen. Seine Tiefe wird in Quellen mit ungefähr 195 bis über 197 Metern angegeben; der heute zugeschüttete beziehungsweise verschüttete Schacht war Teil der Wasserversorgung der Festung.
Ein solcher Brunnen musste auf die Menschen geheimnisvoll wirken.
Er führte tief in den Felsen hinab.
Man konnte den Grund nicht einfach sehen.
Man wusste nicht, was sich dort unten befand.
Und genau daraus entstand eine der bekanntesten Sagen des Regensteins:
die Geschichte vom Brunnengeist.
Der Brunnengeist auf Regenstein
Der Schriftsteller Ludwig Bechstein nahm die Sage „Der Brunnengeist auf Regenstein“ in sein Deutsches Sagenbuch auf.
Darin wird erzählt, dass im tiefen Felsenbrunnen der Geist eines Ahnherrn gefangen sei. Dieser Geist besitzt die Fähigkeit, kommende Ereignisse vorauszusagen und den Bewohnern des Regensteins Rat zu geben.
Graf Friedrich und seine Frau sollen sich Sorgen gemacht haben, weil sie keine Kinder hatten und damit das Ende ihres Geschlechts fürchteten.
In einer geheimnisvollen Nacht lässt sich der Graf auf den Brunnen ein.
Dort erscheint der Geist.
Er kündigt an, dass sich die Hoffnung des Grafen erfüllen werde.
Doch der Geist spricht auch von seinem eigenen Schicksal:
Er werde erst dann Ruhe finden, wenn der Regenstein in Trümmern liege.
Damit verbindet die Sage den Geist unmittelbar mit dem Schicksal der Burg.
Solange der Regenstein besteht, muss der Geist im Brunnen bleiben.
Erst wenn die Burg fällt, wird er erlöst.
Der Fluch des Regensteins
Die Sage nimmt damit eine düstere Wendung.
Die Bewohner des Regensteins ahnen zunächst nicht, welche Bedeutung die Worte des Geistes haben werden.
Die Familie erhält tatsächlich Nachwuchs.
Doch gleichzeitig beginnt sich das Schicksal des Regensteins zu erfüllen.
In Bechsteins Überlieferung werden die beiden Söhne später mit sehr unterschiedlichen Wegen verbunden. Einer erhält die Burg, während der andere zum Räuberhauptmann wird. Nach einem Streit schließen sich die Brüder schließlich zusammen und ziehen gemeinsam auf Raubzüge.
Damit wird der Regenstein erneut zum Schauplatz von Gewalt und Machtkämpfen.
Am Ende wird die Burg zerstört.
Und genau in diesem Augenblick erfüllt sich die Prophezeiung des Brunnengeistes.
Der Geist ist frei.
Er kann endlich Ruhe finden.
Der Schatz und der Geist
Die verschiedenen Überlieferungen um den Regenstein lassen sich dadurch miteinander verbinden.
Auf der einen Seite steht der verborgene Schatz.
Auf der anderen Seite steht der Brunnengeist.
Beide gehören zur geheimnisvollen Unterwelt des Felsens.
Der Schatz steht für das, was die Menschen suchen.
Der Geist steht für das, was die Menschen nicht verstehen.
Und beides wird durch die ungewöhnliche Bauweise des Regensteins miteinander verbunden.
Die Burg ist nicht einfach auf einem Berg errichtet worden.
Sie ist teilweise in den Berg hineingebaut.
Dadurch entsteht der Eindruck, dass sich unter der sichtbaren Ruine noch eine zweite, verborgene Welt befinden könnte.
Der Regenstein als Schatzkammer der Sagen
Vielleicht ist deshalb der eigentliche Schatz des Regensteins gar nicht aus Gold und Silber.
Vielleicht ist es seine Geschichte.
Jahrhunderte von Herrschaft, Fehden, Gefangenschaft, Festungsbau und Zerstörung haben ihre Spuren im Felsen hinterlassen.
Der Regenstein war zunächst mittelalterlicher Herrschaftssitz. Im 15. Jahrhundert wurde die Burg aufgegeben, nachdem die Grafen ihren Schwerpunkt nach Blankenburg verlagert hatten. Später wurde der Felsen erneut militärisch genutzt und zur Festung ausgebaut.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg gelangte das Gebiet an Brandenburg. Der Regenstein wurde zu einer Festung ausgebaut, die den Nordharz und das Gebiet um Halberstadt sichern sollte. Die heutige Anlage zeigt deshalb nicht nur mittelalterliche Burgreste, sondern auch Befestigungen aus der späteren Festungszeit.
1735 zerstörte eine Explosion nach einem Blitzeinschlag große Teile der Festungsanlage. Auch dieses Ereignis verstärkte den Eindruck eines Ortes, dessen Geschichte von Gewalt, Feuer und geheimnisvollen Schicksalen geprägt ist.
Was ist wirklich?
Der Regenstein besitzt tatsächlich außergewöhnliche unterirdische und in den Felsen geschlagene Bereiche. Mehr als 30 Felsenräume sind heute Bestandteil der Anlage und können teilweise besichtigt werden.
Auch der tiefe Brunnen ist keine Erfindung der Sage.
Doch ein gewaltiger Schatz des Raubgrafen wurde bislang nicht nachgewiesen.
Ebenso gibt es keinen historischen Beleg dafür, dass ein Geist im Brunnen des Regensteins eingeschlossen war.
Die Geschichte des Brunnengeistes ist eine überlieferte Sage, die unter anderem durch Ludwig Bechstein schriftlich festgehalten wurde.
Sage und Wirklichkeit
Wirklich:
Der Regenstein ist eine historische Burg- und Festungsanlage. Die Felsenräume, Schächte, Gänge und der außergewöhnlich tiefe Brunnen sind real.
Historisch belegt:
Graf Albrecht II. von Regenstein lebte im 14. Jahrhundert und geriet in Gefangenschaft der Quedlinburger. Die Anlage wurde im Mittelalter als Herrschaftssitz genutzt und später zur Festung ausgebaut.
Sagenhaft:
Der große Schatz des Raubgrafen, weitreichende unterirdische Schatzgänge und der Geist im Brunnen gehören zur Überlieferung. Der Brunnengeist ist als Sage bei Ludwig Bechstein schriftlich überliefert.
Der Schatz, der bis heute verborgen bleibt
Vielleicht ist es gerade das Geheimnis, das den Regenstein so faszinierend macht.
Man kann durch die Felsenräume gehen.
Man kann die alten Mauern berühren.
Man kann in die dunklen Schächte blicken.
Doch man kann nicht sehen, was die Menschen früher vielleicht tatsächlich verborgen haben.
Vielleicht gab es niemals einen großen Schatz.
Vielleicht wurde er längst gefunden.
Oder vielleicht liegt irgendwo tief unter dem Regenstein noch immer etwas verborgen, das niemand entdeckt hat.
Die Sage lässt diese Frage offen.
Und solange sie offen bleibt, kann die Geschichte weiterleben.
Denn manchmal ist ein Schatz nicht deshalb wertvoll, weil man ihn findet – sondern weil niemand beweisen kann, dass er nicht mehr existiert.
Der Regenstein bewahrt seine Geheimnisse tief im Fels.
Und vielleicht wacht dort unten noch immer der alte Brunnengeist über das, was niemals ans Licht kommen soll.