Betrachten wir nun die Ereignisse aus einer anderen Perspektive und stellen uns die entscheidende Frage: Was ist damals tatsächlich mit Betty und Abigail geschehen?
Eine eindeutige Antwort darauf gibt es bis heute nicht. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Erklärungsversuche vorgeschlagen. Möglicherweise litten die Mädchen an Epilepsie, psychischen Erkrankungen oder den Folgen von Missbrauch. Auch eine Lebensmittelvergiftung oder eine andere körperliche Erkrankung wurde als mögliche Ursache diskutiert. Doch neben diesen Theorien gibt es noch eine weitere Erklärung: Vielleicht entwickelte sich die Fantasie der beiden Mädchen auf eine Weise, die sie selbst nicht mehr kontrollieren konnten.
Im damaligen Neuengland beschäftigten sich junge Mädchen gelegentlich mit Wahrsagerei und geheimnisvollen Ritualen. Was heute als viraler Trend durch soziale Medien verbreitet wird, konnte sich damals im kleinen Kreis herumsprechen und andere neugierig machen. Eine Methode, mit der junge Mädchen experimentierten, war unter der Bezeichnung „Ei und Glas“ bekannt.
Bei diesem Versuch wurde rohes Eiweiß in ein Glas mit Wasser getropft. Anschließend betrachteten die Beteiligten die entstandenen Formen und versuchten, darin Hinweise auf ihre Zukunft zu erkennen. Was zunächst wie ein harmloses Spiel ausgesehen haben mag, konnte jedoch schnell eine unheimliche Wendung nehmen. Denn sobald die Beteiligten begannen, in den zufälligen Gebilden bestimmte Zeichen zu erkennen, öffnete sich Raum für Ängste und düstere Vorstellungen.
Einige Mädchen sollen in den Formen beispielsweise Särge oder andere bedrohliche Symbole gesehen haben. Wer schon einmal mit Freunden ein Ouija-Brett ausprobiert hat, kennt vielleicht die besondere Atmosphäre, die entstehen kann, wenn sich Neugier, gegenseitige Beeinflussung und die Angst vor dem Unbekannten miteinander vermischen. Aus einem zunächst spielerischen Experiment kann eine Situation werden, in der sich die Beteiligten immer stärker in ihre eigenen Vorstellungen hineinsteigern.
Es ist daher denkbar, dass auch das Spiel mit Eiweiß und Wasser die Gedankenwelt von Betty und Abigail beeinflusst haben könnte. Vielleicht deuteten sie die beobachteten Formen als Warnzeichen, entwickelten Angst vor übernatürlichen Kräften oder glaubten schließlich, jemand habe sie mit einem Fluch belegt. Möglicherweise begann alles als ein harmloser Versuch, das Geheimnisvolle zu erforschen, entwickelte sich aber Schritt für Schritt zu etwas, das die Mädchen zunehmend verängstigte.
Ob sich die Ereignisse tatsächlich auf diese Weise abgespielt haben, lässt sich heute nicht mit Sicherheit feststellen. Fest steht jedoch, dass Betty und Abigail schließlich behaupteten, von Hexen verhext worden zu sein. Damit nahm eine Geschichte ihren Anfang, deren Folgen weit über die beiden Mädchen hinausreichen und als eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Kolonialgeschichte in Erinnerung geblieben sind.