Kaum hatte sich Deutschland an die Veränderungen der 2010er-Jahre gewöhnt, begann eine neue Phase großer Unsicherheit. Ab 2020 wurde das Land innerhalb weniger Jahre mit mehreren Krisen konfrontiert, die sich teilweise überschnitten und gegenseitig verstärkten.
Zuerst kam die Corona-Pandemie. Sie veränderte den Alltag von Millionen Menschen, schloss Schulen und Geschäfte, brachte Unternehmen in Schwierigkeiten und machte Begriffe wie „Lockdown“, „Homeoffice“ und „Quarantäne“ zu Bestandteilen des täglichen Sprachgebrauchs.
Dann begann am 24. Februar 2022 der russische Großangriff auf die Ukraine. Der Krieg brachte eine neue Flüchtlingsbewegung nach Europa, machte Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas sichtbar und löste eine Energiekrise aus. Kurz darauf stiegen die Preise für Energie, Lebensmittel und viele andere Waren deutlich an.
Gleichzeitig verschärften sich Probleme, die schon vorher bestanden hatten: Wohnraum wurde knapp, Bauen wurde teurer, Unternehmen suchten Fachkräfte und die deutsche Wirtschaft geriet zunehmend unter Druck.
Deutschland erlebte damit eine Zeit, in der sich mehrere Krisen überlagerten.
Die Corona-Pandemie beginnt
Ende 2019 wurden in China erste Fälle einer neuen Lungenerkrankung bekannt. Anfang 2020 erreichte das Virus SARS-CoV-2 auch Europa.
Am 27. Januar 2020 wurde der erste bestätigte Corona-Fall in Deutschland bekannt. Schon wenige Wochen später war klar, dass sich das Virus nicht auf einzelne Ausbrüche begrenzen ließ.
Im März 2020 veränderte sich das Leben innerhalb kürzester Zeit.
Geschäfte mussten schließen, Veranstaltungen wurden abgesagt, Restaurants blieben geschlossen und viele Menschen durften ihre Wohnungen nur noch aus bestimmten Gründen verlassen. Schulen und Kindergärten wurden geschlossen oder stellten auf Notbetreuung um.
Deutschland ging in den ersten großen Lockdown.
Das Wort „Lockdown“ bezeichnete dabei die weitreichenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die verhindern sollten, dass sich das Virus zu schnell ausbreitete. Ziel war es, die Zahl schwerer Erkrankungen zu begrenzen und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern.
Für viele Menschen war diese Situation vollkommen neu.
Straßen, die normalerweise voller Menschen waren, wurden leer. Innenstädte wirkten verlassen. Familien mussten ihren Alltag neu organisieren. Besuche bei älteren Angehörigen wurden teilweise schwierig oder sogar unmöglich.
Die Pandemie wurde damit nicht nur zu einer gesundheitlichen, sondern auch zu einer sozialen Krise.
Schule in Zeiten der Pandemie
Besonders stark waren Kinder und Jugendliche betroffen.
Schulen mussten zeitweise vollständig schließen. Unterricht fand plötzlich über Computer, Tablets oder Arbeitsblätter zu Hause statt. Doch nicht jede Familie verfügte über die gleiche technische Ausstattung.
Manche Kinder hatten einen eigenen Computer und eine schnelle Internetverbindung. Andere mussten sich ein Gerät mit Geschwistern teilen oder erledigten Aufgaben über ein Smartphone.
Lehrerinnen und Lehrer mussten innerhalb kürzester Zeit neue Formen des Unterrichts entwickeln.
Die Pandemie machte dadurch auch deutlich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen von Familien waren. Neben technischen Problemen spielten auch Wohnverhältnisse, finanzielle Möglichkeiten und die Unterstützung durch Eltern eine Rolle.
Gleichzeitig fehlte Kindern und Jugendlichen etwas, das im normalen Schulalltag selbstverständlich gewesen war: der Kontakt zu Freunden.
Schule war plötzlich nicht mehr nur ein Ort zum Lernen. Es wurde sichtbar, wie wichtig sie auch für soziale Beziehungen, Tagesstruktur und persönliche Entwicklung ist.
Homeoffice verändert die Arbeitswelt
Auch die Arbeitswelt veränderte sich.
Wo es möglich war, wechselten Beschäftigte ins Homeoffice. Computer, Videokonferenzen und digitale Kommunikationsprogramme wurden innerhalb kürzester Zeit wichtiger als je zuvor.
Für manche Arbeitnehmer war diese Veränderung eine Erleichterung. Der tägliche Weg zur Arbeit fiel weg, Arbeitszeiten konnten teilweise flexibler gestaltet werden und Familien konnten ihren Alltag anders organisieren.
Für andere war Homeoffice dagegen kaum möglich.
Pflegekräfte, Verkäuferinnen, Bauarbeiter, Handwerker, Beschäftigte in Fabriken, Lieferdienste, Polizisten und viele andere mussten weiterhin vor Ort arbeiten.
Dadurch zeigte sich eine neue Ungleichheit: Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, hing stark vom jeweiligen Beruf ab.
Gleichzeitig beschleunigte die Pandemie die Digitalisierung. Unternehmen, Behörden und Schulen mussten digitale Lösungen einsetzen, die zuvor oft nur langsam eingeführt worden waren.
Was vor Corona noch als moderne Zusatzmöglichkeit galt, wurde plötzlich notwendig.
Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie
Die Einschränkungen trafen die Wirtschaft schwer.
Restaurants, Hotels, Reiseunternehmen, Veranstalter und zahlreiche Einzelhändler verloren einen großen Teil ihrer Einnahmen. Auch die Industrie wurde durch unterbrochene Lieferketten und fehlende Bauteile belastet.
Die Bundesregierung versuchte, Unternehmen und Beschäftigte mit umfangreichen Hilfsprogrammen zu unterstützen. Ein wichtiges Instrument war die Kurzarbeit. Unternehmen konnten dadurch ihre Beschäftigten trotz vorübergehend geringer Auslastung weiterbeschäftigen.
Die Pandemie führte gleichzeitig zu weltweiten Produktions- und Lieferproblemen. Fabriken mussten zeitweise schließen, Häfen waren überlastet und bestimmte Rohstoffe oder Bauteile waren schwer erhältlich.
Die deutsche Wirtschaft, die stark vom internationalen Handel und von globalen Lieferketten abhängig war, bekam diese Entwicklung besonders deutlich zu spüren. Bereits während der Pandemie wurde deshalb verstärkt darüber diskutiert, ob Deutschland bei wichtigen Produkten und Rohstoffen wieder unabhängiger werden müsse.
Die Corona-Krise zeigte damit eine Schwäche der modernen globalisierten Wirtschaft:
Wenn irgendwo auf der Welt die Produktion stillsteht, können die Folgen tausende Kilometer entfernt spürbar werden.
Die Pandemie verändert die Gesellschaft
Corona veränderte auch das gesellschaftliche Klima.
Zu Beginn gab es eine große Welle der Solidarität. Menschen halfen älteren Nachbarn, nähten Masken und unterstützten lokale Geschäfte. Viele Menschen hofften, gemeinsam durch die Krise zu kommen.
Mit zunehmender Dauer wurden die Diskussionen jedoch schwieriger.
Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens, Maskenpflichten, Kontaktbeschränkungen und Impfmaßnahmen führten zu kontroversen Debatten. Es entstanden Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen, aber auch Gegendemonstrationen.
Die Gesellschaft diskutierte über eine schwierige Frage:
Wie viel Einschränkung persönlicher Freiheit ist gerechtfertigt, wenn dadurch andere Menschen geschützt werden sollen?
Diese Diskussionen hinterließen Spuren. In Familien, Freundeskreisen und am Arbeitsplatz entstanden teilweise Konflikte, die noch lange nach dem Ende der meisten Corona-Maßnahmen nachwirkten.
Der russische Angriff auf die Ukraine
Während Deutschland noch mit den Folgen der Pandemie kämpfte, begann eine neue Krise.
Am 24. Februar 2022 griff Russland die Ukraine großflächig an. Damit wurde aus dem seit 2014 bestehenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ein umfassender Krieg.
Für Europa bedeutete dies eine historische Zäsur.
Deutschland unterstützte die Ukraine politisch, finanziell und später auch militärisch. Gleichzeitig verhängten Deutschland und die Europäische Union umfangreiche Sanktionen gegen Russland.
Doch der Krieg hatte auch unmittelbare Auswirkungen auf das Leben in Deutschland.
Besonders wichtig wurde die Energieversorgung.
Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas
Über viele Jahre hatte Deutschland große Mengen Erdgas aus Russland bezogen. Gas war für die deutsche Wirtschaft und für private Haushalte von großer Bedeutung.
Die deutsche Politik hatte lange darauf gesetzt, wirtschaftliche Zusammenarbeit könne trotz politischer Spannungen fortgesetzt werden. Pipelineprojekte wie Nord Stream verstärkten die Verbindung zwischen Deutschland und Russland.
Der Krieg zeigte jedoch die Risiken dieser Abhängigkeit.
2022 wurde zunehmend weniger russisches Gas nach Deutschland geliefert. Gleichzeitig stiegen die Preise auf den europäischen Energiemärkten stark an. Die Bundesregierung musste deshalb innerhalb kurzer Zeit neue Lieferquellen erschließen und die Gasversorgung absichern.
Deutschland begann unter anderem, Flüssigerdgas über neue LNG-Terminals zu importieren, sparte Gas ein und füllte die Gasspeicher.
Die Energiepolitik wurde dadurch zu einer Frage der nationalen Sicherheit.
Die Energiekrise
Für die Bevölkerung wurde die Energiekrise vor allem an den eigenen Rechnungen sichtbar.
Gas, Heizöl, Strom und Kraftstoffe wurden deutlich teurer. Besonders Menschen mit geringem Einkommen waren davon betroffen, weil sie einen größeren Teil ihres verfügbaren Geldes für Wohnen, Heizen und Lebensmittel ausgeben müssen.
Die Bundesregierung reagierte mit verschiedenen Entlastungsmaßnahmen. Dazu gehörten unter anderem das 9-Euro-Ticket, der sogenannte Tankrabatt und Hilfen für Gas- und Wärmekunden.
Trotzdem blieb die finanzielle Belastung für viele Haushalte deutlich spürbar.
Im Jahr 2022 stiegen die Energiepreise in Deutschland im Jahresdurchschnitt um 34,7 Prozent. Haushaltsenergie verteuerte sich um 39,1 Prozent, Erdgas sogar um 64,8 Prozent.
Die Krise machte damit deutlich, wie stark internationale Politik den Alltag eines einzelnen Haushalts beeinflussen kann.
Inflation – wenn das Leben immer teurer wird
Die Energiekrise blieb nicht auf Strom und Heizung beschränkt.
Höhere Energiepreise verteuerten die Produktion und den Transport vieler Waren. Dadurch stiegen auch die Preise für Lebensmittel, Dienstleistungen und andere Produkte.
2022 lag die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland bei 7,9 Prozent. Im Oktober wurde sogar eine monatliche Inflationsrate von 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gemessen.
Besonders stark spürten die Menschen die Preissteigerungen beim täglichen Einkauf.
2022 stiegen die Preise für Nahrungsmittel im Jahresdurchschnitt um 13,4 Prozent. Auch 2023 blieb die Belastung hoch: Lebensmittel verteuerten sich erneut um 12,4 Prozent.
Für viele Haushalte bedeutete das eine einfache, aber einschneidende Erfahrung:
Der gleiche Einkauf kostete plötzlich deutlich mehr als noch wenige Jahre zuvor.
Die Lebenshaltungskosten steigen
Die Inflation veränderte deshalb auch das Konsumverhalten.
Menschen verglichen Preise genauer, wechselten zu günstigeren Produkten, verschoben größere Anschaffungen oder verzichteten auf Urlaub und Restaurantbesuche.
Besonders Haushalte mit wenig Einkommen gerieten unter Druck. Wer bereits vorher einen großen Teil des Einkommens für Miete, Heizung und Lebensmittel ausgeben musste, hatte kaum Möglichkeiten, weitere Preissteigerungen aufzufangen.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gaben private Haushalte 2022 durchschnittlich 8,5 Prozent mehr für ihren Konsum aus als im Vorjahr. Gleichzeitig stiegen die Verbraucherpreise um durchschnittlich 6,9 Prozent.
Damit wurde Inflation zu einer sozialen Frage.
Nicht jeder Mensch war gleichermaßen betroffen.
Wer über hohe Einkommen, Rücklagen oder Wohneigentum verfügte, konnte Preissteigerungen häufig leichter auffangen. Für Menschen mit kleinen Einkommen, niedrigen Renten oder hohen Wohnkosten waren sie dagegen wesentlich schwieriger zu bewältigen.
Wohnen wird zum neuen sozialen Problem
Parallel zur Inflation verschärfte sich die Wohnungsfrage.
In vielen Städten und Ballungsräumen waren bezahlbare Wohnungen bereits vor 2020 knapp. Steigende Baukosten, höhere Zinsen und teure Grundstücke erschwerten den Neubau zusätzlich.
2023 wurden in Deutschland nur noch rund 260.100 Wohnungen genehmigt – 26,6 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Stand seit 2012.
Auch 2024 setzte sich der Rückgang fort. Nur rund 215.900 Wohnungen wurden genehmigt. Damit sank die Zahl der Baugenehmigungen bereits das dritte Jahr in Folge.
Das Problem bestand also nicht darin, dass Deutschland überhaupt keine Wohnungen baute. 2024 wurden noch rund 251.900 Wohnungen fertiggestellt. Gleichzeitig ging jedoch die Zahl der neuen Genehmigungen stark zurück – ein Warnsignal für die kommenden Jahre.
Für Wohnungssuchende bedeutete diese Entwicklung vielerorts:
mehr Konkurrenz, höhere Mieten und größere Schwierigkeiten, eine passende und bezahlbare Wohnung zu finden.
Besonders Familien, Alleinerziehende, junge Menschen und Menschen mit geringem Einkommen waren davon betroffen.
Die Wohnungsfrage wurde dadurch zu einer der großen sozialen Herausforderungen des modernen Deutschlands.
Flüchtlinge aus der Ukraine
Der Krieg brachte außerdem eine neue große Fluchtbewegung nach Deutschland.
Nach dem russischen Angriff flohen Millionen Menschen aus der Ukraine in andere europäische Länder. Deutschland nahm mehr als eine Million ukrainische Geflüchtete auf. Die meisten waren zunächst Frauen und Kinder.
Die Europäische Union aktivierte am 4. März 2022 erstmals die Richtlinie über den vorübergehenden Schutz. Dadurch konnten ukrainische Geflüchtete schnell einen Aufenthaltsstatus erhalten, ohne zunächst ein reguläres individuelles Asylverfahren durchlaufen zu müssen.
Schulen und Kindergärten nahmen ukrainische Kinder auf. Kommunen mussten Unterkünfte organisieren, Behörden mussten Aufenthalts- und Sozialleistungen bearbeiten und viele Bürgerinnen und Bürger halfen privat.
Für viele Geflüchtete begann gleichzeitig ein schwieriger Alltag zwischen Hoffnung und Ungewissheit.
Sie mussten eine neue Sprache lernen, Arbeit finden, ihre Kinder versorgen und mit der Sorge um Angehörige in der Ukraine leben.
Gleichzeitig zeigte sich, dass Flüchtlinge nicht ausschließlich als Belastung betrachtet werden konnten. Viele wollten arbeiten, eine Ausbildung beginnen oder ihre beruflichen Kenntnisse einbringen. Bereits 2022 war ein Teil der ukrainischen Geflüchteten erwerbstätig, viele besuchten Sprach- und Integrationskurse.
Die Aufnahme der Ukrainerinnen und Ukrainer wurde damit zu einer weiteren großen Integrationsaufgabe.
Der Fachkräftemangel
Während Deutschland über Migration und Integration diskutierte, wurde ein anderes Problem immer deutlicher:
Deutschland braucht Arbeitskräfte.
Die Bevölkerung altert. Viele Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen gehen in den Ruhestand, während weniger junge Menschen nachrücken.
Dadurch fehlen Beschäftigte in bestimmten Bereichen.
Besonders betroffen sind unter anderem Pflege und Gesundheit, Handwerk, Bau, Erziehung, Verkehr und verschiedene technische Berufe.
Die Bundesagentur für Arbeit stellte für 2024 in 163 Berufen Fachkräfteengpässe fest. Gleichzeitig weist sie ausdrücklich darauf hin, dass es keinen allgemeinen Arbeitskräftemangel in jedem Beruf gibt. Das Problem ist vielmehr ungleich verteilt: In manchen Bereichen fehlen qualifizierte Menschen, während es in anderen Berufen ausreichend oder sogar mehr Arbeitskräfte gibt als offene Stellen.
Das macht die Situation kompliziert.
Deutschland braucht deshalb nicht einfach „mehr Menschen“, sondern Menschen mit passenden Qualifikationen und die Möglichkeit, vorhandene Arbeitskräfte besser einzusetzen.
Dazu gehören Ausbildung, Weiterbildung, bessere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine gezielte Einwanderung von Fachkräften.
Eine Wirtschaft unter Druck
Die deutsche Wirtschaft war über Jahrzehnte stark von Industrie, Exporten und internationalen Lieferketten geprägt.
Doch die Krisen zeigten, wie verletzlich dieses Modell sein konnte.
Corona unterbrach Lieferketten.
Der Krieg gegen die Ukraine verteuerte Energie und veränderte die Handelsbeziehungen.
Die Inflation verringerte die Kaufkraft.
Steigende Zinsen erschwerten Investitionen und den Wohnungsbau.
Gleichzeitig standen deutsche Unternehmen vor langfristigen Herausforderungen: Digitalisierung, Klimaschutz, Energiewende, internationale Konkurrenz und der notwendige Umbau wichtiger Industriezweige.
Besonders die deutsche Industrie musste sich verändern.
Automobilhersteller mussten sich auf Elektromobilität einstellen. Maschinenbauer und andere Unternehmen mussten digitaler werden. Energieintensive Branchen mussten mit deutlich höheren Energiekosten umgehen.
Damit entstand eine schwierige Frage:
Wie kann Deutschland gleichzeitig klimafreundlicher, digitaler und international wettbewerbsfähig bleiben?
Die Krisen verändern den Alltag
Die Jahre seit 2020 zeigten, dass große historische Ereignisse nicht nur in Parlamenten und Regierungssitzen stattfinden.
Sie kommen direkt im Alltag an.
Corona bedeutete geschlossene Schulen und Geschäfte.
Der Krieg bedeutete steigende Energiepreise und eine neue Sicherheitslage.
Die Inflation bedeutete höhere Preise beim Einkaufen.
Die Wohnungsnot bedeutete längere Wohnungssuche und steigende Mieten.
Der Fachkräftemangel bedeutete fehlendes Personal in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Handwerksbetrieben und anderen Bereichen.
Und die wirtschaftlichen Veränderungen bedeuteten für viele Beschäftigte die Sorge, ob ihr Arbeitsplatz und ihr bisheriger Lebensstandard auch in Zukunft sicher sein würden.
Die Krisen machten gleichzeitig deutlich, wie wichtig ein funktionierender Staat ist.
In schwierigen Zeiten erwarteten die Menschen Unterstützung, funktionierende Behörden, sichere Energieversorgung, bezahlbaren Wohnraum und ein leistungsfähiges Gesundheitssystem.
Doch gerade hier traten auch Schwächen zutage: langsame Verwaltungsverfahren, Fachkräftemangel in Behörden, fehlende Digitalisierung und komplizierte Zuständigkeiten wurden stärker wahrgenommen.
Eine Gesellschaft zwischen Erschöpfung und Veränderung
Nach Jahren voller Krisen entstand bei vielen Menschen ein Gefühl der Erschöpfung.
Innerhalb weniger Jahre hatte sich das Leben mehrfach verändert:
erst die Pandemie, dann der Krieg in Europa, anschließend Energiekrise und Inflation.
Gleichzeitig mussten die Menschen mit langfristigen Veränderungen umgehen – Klimawandel, Digitalisierung, demografischer Wandel und eine sich verändernde Arbeitswelt.
Die Gesellschaft wurde dadurch politisch und emotional stärker gefordert.
Manche Menschen verlangten schnellere Veränderungen und mehr Klimaschutz. Andere wollten vor allem Sicherheit, bezahlbare Energie und wirtschaftliche Stabilität.
Einige sahen Migration als notwendige Antwort auf den Fachkräftemangel, andere befürchteten zusätzliche Belastungen für Wohnungsmarkt, Schulen und Sozialsysteme.
Damit standen sich unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft Deutschlands gegenüber.
Es ging zunehmend um eine grundlegende Frage:
Wie viel Veränderung kann eine Gesellschaft verkraften – und wie viel Veränderung braucht sie, um zukunftsfähig zu bleiben?
Deutschland vor neuen Aufgaben
Die Krisen des frühen 21. Jahrhunderts waren deshalb mehr als eine Reihe einzelner Ereignisse.
Corona zeigte die Verletzlichkeit einer global vernetzten Gesellschaft.
Der Krieg gegen die Ukraine machte deutlich, dass Frieden und Sicherheit in Europa nicht selbstverständlich sind.
Die Energiekrise zeigte die Risiken wirtschaftlicher Abhängigkeiten.
Die Inflation machte sichtbar, wie schnell internationale Krisen den Geldbeutel jedes Einzelnen erreichen können.
Die Wohnungsnot zeigte, dass wirtschaftliches Wachstum allein nicht automatisch zu ausreichend bezahlbarem Wohnraum führt.
Der Fachkräftemangel wiederum machte deutlich, dass Deutschland vor einem demografischen Wandel steht, der langfristig gelöst werden muss.
Gleichzeitig entstanden daraus auch neue Möglichkeiten.
Deutschland investierte stärker in erneuerbare Energien, Digitalisierung und neue Technologien. Unternehmen suchten nach neuen Lieferketten und Energiequellen. Viele Menschen engagierten sich ehrenamtlich und halfen während der Pandemie und bei der Aufnahme ukrainischer Geflüchteter.
Krisen können Gesellschaften schwächen.
Sie können aber auch zeigen, wo Veränderungen notwendig sind.
Die offene Frage der Zukunft
Deutschland ging aus den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts verändert hervor.
Es war nicht mehr das Deutschland der 1990er-Jahre, aber auch noch nicht das Deutschland, das in den kommenden Jahrzehnten entstehen würde.
Die Herausforderungen waren größer und miteinander verbunden:
Wie bleibt Energie bezahlbar?
Wie gelingt Klimaschutz, ohne Menschen mit niedrigen Einkommen zu überfordern?
Wie findet Deutschland genügend Fachkräfte?
Wie kann mehr bezahlbarer Wohnraum entstehen?
Wie gelingt Integration?
Wie bleibt die deutsche Wirtschaft international konkurrenzfähig?
Und wie kann eine Gesellschaft trotz unterschiedlicher Meinungen zusammenhalten?
Eine eindeutige Antwort darauf gab es nicht.
Doch die Krisen hatten eines gezeigt:
Deutschland konnte sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Zukunft einfach eine Fortsetzung der Vergangenheit sein würde.
Die Welt hatte sich verändert – und Deutschland musste sich mit ihr verändern.
Das 21. Jahrhundert hatte endgültig begonnen, seine eigenen Herausforderungen zu stellen. Und die Frage war nicht mehr, ob Deutschland sich verändern würde, sondern wie.