Die Jahre nach 2010 veränderten Deutschland spürbar. Fragen, die lange eher am Rand der politischen Debatte standen, rückten in den Mittelpunkt: Migration und Integration, der Umgang mit Flucht und Asyl, Klimaschutz, die Zukunft der Energieversorgung und die Frage, wie eine Gesellschaft mit immer unterschiedlichen Lebensentwürfen umgehen kann. Gleichzeitig entstanden neue politische Bewegungen, während das Vertrauen in die etablierten Parteien bei manchen Menschen zurückging.
Deutschland wurde vielfältiger, aber auch konfliktreicher. Viele Menschen sahen in den Veränderungen neue Chancen, andere empfanden sie als Überforderung oder als Bedrohung des Gewohnten. Besonders deutlich zeigte sich dieser Wandel in den 2010er-Jahren.
Migration gehört immer stärker zum deutschen Alltag
Einwanderung war für Deutschland keineswegs neu. Schon seit den 1950er-Jahren kamen Menschen als sogenannte Gastarbeiter aus Italien, Griechenland, Spanien, der Türkei und später aus weiteren Ländern. Nach der Wiedervereinigung kamen außerdem Menschen aus Osteuropa, Aussiedler und Spätaussiedler sowie Bürgerinnen und Bürger anderer EU-Staaten nach Deutschland.
In den Jahren vor 2015 nahm die Zuwanderung erneut deutlich zu. Dabei spielte nicht nur Flucht eine Rolle. Viele Menschen kamen zum Arbeiten, zum Studieren oder im Rahmen der europäischen Freizügigkeit nach Deutschland. 2014 betrug der Wanderungsgewinn bereits rund 550.000 Menschen.
Damit veränderte sich auch der Alltag. In vielen Städten und Gemeinden wurden unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Religionen immer selbstverständlicher. Schulen, Kindergärten, Betriebe und Verwaltungen standen vor der Aufgabe, Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten zusammenzubringen.
Integration bedeutete dabei mehr als nur das Erlernen der deutschen Sprache. Es ging um Bildung, Arbeit, Wohnen, gesellschaftliche Teilhabe und die Frage, wie Menschen, die neu nach Deutschland kamen, langfristig Teil der Gesellschaft werden konnten.
Die Flüchtlingsbewegung von 2015
Eine besonders einschneidende Entwicklung war die Flüchtlingsbewegung des Jahres 2015. Kriege und Krisen im Nahen Osten, besonders der Bürgerkrieg in Syrien, zwangen Millionen Menschen zur Flucht. Auch aus Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern machten sich Menschen auf den Weg nach Europa.
Deutschland wurde zu einem wichtigen Ziel dieser Fluchtbewegung. 2015 wurden insgesamt 476.649 Asylanträge registriert. Das waren mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Die Zahl der tatsächlichen Einreisen von Asylsuchenden wurde später auf etwa 890.000 Menschen geschätzt. Die zunächst häufig genannte Zahl von mehr als einer Million beruhte auf den sogenannten EASY-Registrierungen, in denen unter anderem Doppelregistrierungen enthalten sein konnten.
Die Kommunen mussten innerhalb kurzer Zeit Unterkünfte bereitstellen, Menschen versorgen und Asylverfahren organisieren. Turnhallen, leerstehende Gebäude und provisorische Unterkünfte wurden zu Notunterkünften. Behörden und Hilfsorganisationen waren vielerorts stark gefordert.
Gleichzeitig entstand eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Freiwillige verteilten Kleidung und Lebensmittel, halfen bei Behördengängen oder gaben Deutschunterricht. Viele Bürgerinnen und Bürger engagierten sich in der sogenannten Flüchtlingshilfe.
Doch die Entwicklung löste auch Ängste und Widerstand aus. Manche Menschen sorgten sich um Wohnraum, Arbeitsplätze, die Belastung der Kommunen oder die Sicherheit. Andere kritisierten die damalige Flüchtlingspolitik grundsätzlich. In einigen Orten kam es zu Protesten und auch zu Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte.
Die Diskussion über Migration wurde dadurch zu einem der wichtigsten politischen Themen Deutschlands.
Integration zwischen Hoffnung und Schwierigkeiten
Nach der ersten Phase der Aufnahme begann die langfristige Aufgabe der Integration. Menschen mussten Deutsch lernen, Kinder wurden in Schulen aufgenommen, Erwachsene suchten Arbeit und viele Familien versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen.
Dabei zeigte sich, dass Integration Zeit benötigt. Sprachbarrieren, fehlende Anerkennung von Berufsabschlüssen, Wohnungsmangel und komplizierte Verwaltungsverfahren erschwerten den Einstieg. Gleichzeitig fanden viele Zugewanderte Arbeit, begannen eine Ausbildung oder ein Studium und wurden Teil des alltäglichen Lebens in Deutschland.
Migration veränderte dabei nicht nur die Gesellschaft, sondern auch Deutschland selbst. Restaurants, Geschäfte, Musik, Sportvereine und Nachbarschaften wurden vielfältiger. Besonders in größeren Städten entstand ein Alltag, in dem Menschen mit sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen selbstverständlich zusammenlebten.
Doch Integration blieb ein Thema, über das Deutschland kontrovers diskutierte: Wie viel Anpassung ist notwendig? Welche kulturellen Unterschiede kann eine Gesellschaft akzeptieren? Und was bedeutet eigentlich „deutsch“ in einer Gesellschaft, in der viele Menschen familiäre Wurzeln außerhalb Deutschlands haben?
Eine einfache Antwort auf diese Fragen gab es nicht.
Neue politische Bewegungen entstehen
Die gesellschaftlichen Veränderungen spiegelten sich auch in der Politik wider.
2013 entstand die Alternative für Deutschland (AfD) zunächst vor allem als eurokritische Partei im Zusammenhang mit der europäischen Finanz- und Schuldenkrise. Nach den ersten Wahlerfolgen veränderte sich ihr politisches Profil deutlich. Ab 2014 rückten Migration, Islam und nationale Identität stärker in den Mittelpunkt. Die Partei entwickelte sich zu einer rechtspopulistischen Kraft und gewann zunehmend auch Unterstützung bei Menschen, die sich von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlten.
2014 entstand in Dresden außerdem die Bewegung PEGIDA. Die Demonstrationen richteten sich unter anderem gegen Einwanderung und die Asylpolitik. Aus zunächst einigen hundert Teilnehmern wurden zeitweise mehrere zehntausend. Gleichzeitig gab es Gegendemonstrationen, bei denen Menschen für Weltoffenheit, Demokratie und eine vielfältige Gesellschaft eintraten.
Damit wurde sichtbar, dass Deutschland politisch stärker auseinanderzudriften begann.
Auf der einen Seite standen Menschen, die mehr Offenheit, europäische Zusammenarbeit und gesellschaftliche Vielfalt forderten. Auf der anderen Seite wuchs der Wunsch nach stärkerer Begrenzung von Einwanderung, mehr nationaler Selbstbestimmung und einer Rückkehr zu vertrauten gesellschaftlichen Vorstellungen.
Diese Gegensätze bestimmten zunehmend die öffentlichen Diskussionen.
Der Klimawandel wird zum Alltagsthema
Während Migration die gesellschaftliche Debatte prägte, gewann ein anderes Thema immer mehr Bedeutung: der Klimawandel.
Deutschland hatte bereits seit Jahrzehnten über Umweltschutz diskutiert. Doch die Folgen des Klimawandels wurden nun für viele Menschen greifbarer. Heiße Sommer, Trockenheit, Waldschäden, extreme Wetterereignisse und die zunehmende Diskussion über steigende Temperaturen machten deutlich, dass Klimaschutz nicht mehr nur eine Frage für Wissenschaft und Politik war.
Besonders stark veränderte sich die Energiepolitik nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima in Japan im März 2011.
Die Bundesregierung beschloss daraufhin, den Ausstieg aus der Kernenergie deutlich zu beschleunigen. Der Bundestag verabschiedete am 30. Juni 2011 den Atomausstieg. Die letzten deutschen Kernkraftwerke sollten spätestens Ende 2022 abgeschaltet werden. Gleichzeitig wurde der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben.
Damit begann eine gewaltige Veränderung der deutschen Energieversorgung.
Windräder entstanden auf Feldern und an Küsten, Solaranlagen wurden auf Hausdächern installiert und neue Stromleitungen mussten gebaut werden. Gleichzeitig wurde darüber diskutiert, wie eine moderne Industrienation zuverlässig mit Strom versorgt werden kann.
Die Energiewende versprach langfristig eine klimafreundlichere Energieversorgung, brachte aber auch neue Probleme und Konflikte mit sich. Die Kosten des Umbaus, Strompreise, Netzausbau, Windkraftanlagen und der Umgang mit Kohle und Gas wurden zu politischen Streitpunkten.
Trotz aller Schwierigkeiten wuchs der Anteil erneuerbarer Energien deutlich. 2010 lag der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Bruttostromverbrauch noch bei rund 17 Prozent. 2020 waren es bereits rund 45 Prozent.
Die Energiewende wurde damit zu einem der größten technischen und politischen Veränderungsprozesse des modernen Deutschlands.
Fridays for Future – eine neue Generation wird laut
2018 bekam die Klimabewegung ein neues Gesicht.
Die schwedische Schülerin Greta Thunberg begann im August 2018 mit regelmäßigen Schulstreiks für den Klimaschutz. Aus diesem persönlichen Protest entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit die internationale Bewegung Fridays for Future.
Auch in Deutschland gingen bald Tausende Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Sie forderten von der Politik, den Klimaschutz ernster zu nehmen und die internationalen Klimaziele umzusetzen.
2019 erreichte die Bewegung eine besondere Stärke. Menschen unterschiedlicher Altersgruppen schlossen sich den Demonstrationen an. Neben Schülerinnen und Schülern beteiligten sich Studierende, Eltern, Wissenschaftler, Umweltverbände und zahlreiche weitere Unterstützer.
Die Bewegung brachte eine neue Frage in die gesellschaftliche Diskussion:
Wie viel Veränderung ist notwendig, um das Klima zu schützen – und wer muss dafür welchen Preis bezahlen?
Dabei prallten unterschiedliche Interessen aufeinander. Klimaschützer forderten einen schnelleren Wandel. Andere Menschen fürchteten höhere Kosten, Einschränkungen beim Autofahren, steigende Energiepreise oder Nachteile für Industrie und Arbeitsplätze.
Klimaschutz wurde dadurch nicht nur zu einem Umwelt-, sondern auch zu einem sozialen und wirtschaftlichen Thema.
Eine Gesellschaft zwischen Veränderung und Verunsicherung
Die Veränderungen der 2010er-Jahre waren nicht für alle Menschen gleich.
Während große Städte immer internationaler wurden, veränderten sich manche ländlichen Regionen deutlich langsamer. Manche Menschen empfanden die gesellschaftliche Vielfalt als Bereicherung. Andere hatten das Gefühl, dass sich ihre vertraute Umgebung zu schnell veränderte.
Hinzu kamen Sorgen über steigende Wohnkosten, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, den Zustand öffentlicher Einrichtungen und die Zukunft kleiner Städte und Dörfer.
Das Internet und soziale Medien verstärkten diese Entwicklung. Politische Diskussionen fanden immer häufiger nicht nur in Zeitungen, im Fernsehen oder auf öffentlichen Veranstaltungen statt, sondern auch auf Facebook, YouTube und anderen Plattformen.
Informationen verbreiteten sich schneller als je zuvor. Gleichzeitig konnten sich Gerüchte, Falschinformationen und extreme politische Ansichten ebenfalls rasch verbreiten.
Die politische Auseinandersetzung wurde dadurch emotionaler.
Ein neues politisches Klima
Deutschland blieb trotz dieser Spannungen eine stabile Demokratie. Wahlen fanden regelmäßig statt, Regierungswechsel verliefen friedlich und die Grundrechte blieben bestehen.
Doch die politische Landschaft wurde vielfältiger und unübersichtlicher.
Die großen Volksparteien verloren langfristig an Bindungskraft. Neue Parteien und Bewegungen konnten Wählerinnen und Wähler gewinnen. Die Grünen profitierten vom wachsenden Stellenwert des Klimaschutzes, während die AfD vor allem mit den Themen Migration, nationale Identität und Kritik am politischen Establishment Unterstützung gewann.
Damit entstanden neue politische Lager und Konfliktlinien.
Nicht mehr allein die klassischen Gegensätze zwischen „links“ und „rechts“ bestimmten die Debatte. Zunehmend ging es auch um andere Fragen:
Offenheit oder Abschottung?
Klimaschutz oder wirtschaftliche Interessen?
Globalisierung oder nationale Selbstbestimmung?
Veränderung oder Bewahrung?
Diese Fragen ließen sich nicht einfach beantworten. Sie spiegelten unterschiedliche Erfahrungen und Vorstellungen vom zukünftigen Deutschland wider.
Deutschland verändert sich
Die Jahre zwischen 2010 und dem Beginn der 2020er-Jahre waren deshalb eine Zeit tiefgreifender Veränderungen.
Deutschland wurde vielfältiger durch Einwanderung, begann seine Energieversorgung grundlegend umzubauen und setzte den Klimaschutz stärker auf die politische Tagesordnung. Gleichzeitig entstanden neue Protestbewegungen und politische Kräfte. Migration, Klimawandel und gesellschaftliche Identität wurden zu Themen, die Familien, Nachbarschaften und ganze Städte beschäftigten.
Viele Veränderungen brachten Chancen: neue Arbeitskräfte, kulturelle Vielfalt, technische Entwicklungen und ein stärkeres Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz.
Andere Entwicklungen führten zu Unsicherheit, Konflikten und politischen Spannungen.
Deutschland stand damit vor einer schwierigen Aufgabe: Eine Gesellschaft kann sich nicht dauerhaft gegen Veränderungen abschotten. Sie muss aber auch Wege finden, Veränderungen so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen sich darin wiederfinden.
Die Geschichte dieser Jahre zeigt deshalb nicht nur, wie Deutschland sich verändert hat, sondern auch, wie schwierig es sein kann, unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft miteinander zu verbinden.
Deutschland war vielfältiger geworden. Es war umweltbewusster geworden. Es war politisch streitbarer geworden. Und die entscheidende Frage blieb: Wie soll dieses Land in Zukunft aussehen?