Ein Land beginnt sich zu verändern
Die deutsche Wiedervereinigung kam für viele Menschen überraschend. Noch Anfang 1989 schien die deutsche Teilung fest verankert. Die Berliner Mauer stand seit fast drei Jahrzehnten, die DDR wurde von der SED regiert und die Sowjetunion schien weiterhin eine mächtige Schutzmacht des ostdeutschen Staates zu sein.
Doch unter der Oberfläche hatte sich längst etwas verändert.
Immer mehr Menschen waren unzufrieden mit der politischen Unfreiheit, der eingeschränkten Reisefreiheit, der wirtschaftlichen Situation und der fehlenden Möglichkeit, ihre eigene Regierung frei zu wählen. Gleichzeitig entstand eine Bürgerbewegung, die nicht länger bereit war, sich mit den bestehenden Verhältnissen abzufinden.
Die Veränderungen begannen nicht erst am 9. November 1989. Der Mauerfall war vielmehr der sichtbarste Moment einer Entwicklung, die sich bereits vorher aufgebaut hatte. Friedensgruppen, Kirchen, Bürgerrechtler, Ausreisewillige und schließlich Hunderttausende Demonstranten brachten das politische System der DDR immer stärker unter Druck.
Was zunächst wie einzelne Proteste aussah, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einer friedlichen Revolution.
Friedensgebete – der Anfang des Protestes
Eine wichtige Rolle spielten die Kirchen.
In der DDR waren unabhängige politische Organisationen stark eingeschränkt. Kirchen boten dagegen Räume, in denen Menschen zusammenkommen konnten. Besonders in Leipzig wurden die Friedensgebete in der Nikolaikirche zu einem wichtigen Treffpunkt.
Ursprünglich ging es dabei vor allem um Frieden, Abrüstung und die Angst vor einem neuen Krieg. Doch immer mehr Menschen verbanden diese Themen mit grundsätzlichen politischen Forderungen.
Sie wollten Meinungsfreiheit.
Sie wollten Reisefreiheit.
Sie wollten freie Wahlen.
Und sie wollten nicht länger in einem Staat leben, in dem politische Kritik gefährlich sein konnte.
Aus den Friedensgebeten entstand deshalb allmählich eine größere Bürgerbewegung.
Der Kirchenraum wurde zu einem Ort, an dem Menschen Mut fassten und miteinander über Veränderungen sprachen.
Das war besonders wichtig, weil die Staatssicherheit weiterhin versuchte, oppositionelle Gruppen zu überwachen und einzuschüchtern.
Doch etwas hatte sich verändert:
Die Angst begann ihre Macht zu verlieren.
Die Ereignisse in Ungarn verändern alles
Im Frühjahr und Sommer 1989 bekam die Entwicklung eine neue Dynamik.
Ungarn begann, seine Grenze zu Österreich abzubauen. Damit wurde der Eiserne Vorhang an einer Stelle durchlässig.
Für Bürgerinnen und Bürger der DDR eröffnete sich plötzlich eine Möglichkeit, in den Westen zu gelangen.
Viele DDR-Bürger reisten zunächst offiziell nach Ungarn und versuchten von dort weiter nach Österreich zu gelangen. Andere suchten Zuflucht in westdeutschen Botschaften in den sozialistischen Nachbarstaaten.
Immer mehr Menschen wollten die DDR verlassen.
Die politische Führung geriet dadurch in eine schwierige Lage.
Einerseits wollte sie die Ausreise verhindern. Andererseits konnte sie nicht einfach Hunderttausende Menschen dauerhaft einsperren, ohne die Krise noch sichtbarer zu machen.
Der zunehmende Ausreisedruck wurde zu einem der wichtigsten Faktoren für den Zusammenbruch des Systems.
Der Sommer 1989 – Immer mehr Menschen wollen weg
Im Sommer und Herbst 1989 wurden die Flüchtlingsbewegungen immer größer.
In Prag suchten DDR-Bürger Zuflucht in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland. Die Zahl der Menschen dort wuchs so stark, dass das Botschaftsgelände schließlich überfüllt war.
Für viele Flüchtlinge waren die Bedingungen schwierig. Sie schliefen auf engstem Raum, warteten auf eine Lösung und wussten nicht, wie es weitergehen würde.
Schließlich wurde eine Ausreise in die Bundesrepublik ermöglicht.
Die Bilder von den Flüchtlingszügen gingen durch die Medien.
Für die DDR-Führung waren sie ein Zeichen des Kontrollverlustes.
Gleichzeitig sahen die Menschen in der DDR, dass andere den Staat tatsächlich verlassen konnten.
Für viele entstand dadurch ein Gedanke:
Wenn andere gehen können, warum sollten wir bleiben müssen?
Doch nicht alle wollten fliehen.
Immer mehr Menschen wollten ihre Heimat nicht verlassen. Sie wollten die DDR verändern.
Damit begann sich die Richtung des Protestes zu verändern.
„Wir bleiben hier“ – aus Ausreise wird Veränderung
Die Bürgerbewegung bestand aus unterschiedlichen Gruppen und Menschen.
Einige wollten vor allem ausreisen.
Andere wollten einen demokratischen Sozialismus.
Wieder andere wollten freie Wahlen und Menschenrechte.
Und viele wollten zunächst nur, dass die Regierung endlich zuhört.
Eine der bedeutendsten neuen Bürgerbewegungen war das Neue Forum, das im September 1989 gegründet wurde. Es forderte einen offenen gesellschaftlichen Dialog und politische Veränderungen.
Damit entstand neben dem Wunsch nach Ausreise zunehmend ein anderer Gedanke:
Man musste nicht unbedingt das Land verlassen. Man konnte auch versuchen, das Land selbst zu verändern.
Dieser Gedanke sollte für die kommenden Wochen entscheidend werden.
Die Montagsdemonstrationen
Leipzig wurde zum Mittelpunkt der friedlichen Revolution.
Nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche gingen Menschen auf die Straße. Anfangs waren es einige Hundert, später Tausende und schließlich Zehntausende.
Am 25. September 1989 demonstrierten in Leipzig etwa 6.000 Menschen für Reise-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Am 2. Oktober waren es bereits rund 20.000. Am 9. Oktober versammelten sich schließlich etwa 70.000 Menschen.
Die Situation war angespannt.
Viele befürchteten, dass Polizei und Sicherheitskräfte Gewalt anwenden würden. In den Tagen zuvor hatte die Staatsmacht bereits Demonstrationen aufgelöst und Menschen festgenommen.
Doch am 9. Oktober geschah etwas Entscheidendes:
Die Sicherheitskräfte griffen nicht mit der erwarteten Gewalt durch.
Die Demonstranten gingen friedlich durch Leipzig.
Immer mehr Menschen erkannten, dass die Staatsmacht ihre Bevölkerung nicht mehr einfach einschüchtern konnte.
Der Ruf „Wir sind das Volk!“ wurde zum Symbol der Bewegung.
Die Angst verschwindet
Die Montagsdemonstrationen breiteten sich aus.
Nicht nur in Leipzig, sondern auch in Dresden, Halle, Berlin und vielen anderen Städten gingen Menschen auf die Straße.
Die Demonstranten hatten unterschiedliche Forderungen, doch viele verband ein gemeinsamer Wunsch:
Sie wollten mitbestimmen, wie ihr Land regiert wurde.
Die Proteste blieben überwiegend friedlich.
Das war von großer Bedeutung.
Die DDR-Führung hätte versuchen können, die Bewegung mit Gewalt niederzuschlagen. Doch angesichts der riesigen Menschenmengen, der internationalen Veränderungen und der zunehmenden politischen Krise wurde eine gewaltsame Lösung immer schwieriger.
Die Menschen hatten ihre Angst verloren.
Und ein Staat, der seine Bürger nur durch Angst kontrollieren kann, gerät in dem Moment ins Wanken, in dem die Menschen diese Angst überwinden.
Der 40. Jahrestag der DDR
Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR ihren 40. Jahrestag.
Für die SED-Führung sollte dieser Tag Stärke und Stabilität zeigen.
Doch gleichzeitig gingen in mehreren Städten Menschen gegen das Regime auf die Straße.
In Ost-Berlin kam es zu Demonstrationen und Festnahmen. Auch in anderen Städten gingen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten vor.
Die Ereignisse zeigten deutlich, wie weit sich Regierung und Bevölkerung inzwischen voneinander entfernt hatten.
Die DDR feierte ihren 40. Geburtstag.
Doch hinter den offiziellen Feiern begann der Staat bereits auseinanderzufallen.
Erich Honecker tritt zurück
Die politische Krise wurde immer größer.
Am 18. Oktober 1989 musste Erich Honecker als SED-Generalsekretär zurücktreten. Sein Nachfolger wurde zunächst Egon Krenz.
Doch ein Führungswechsel konnte das grundlegende Problem nicht mehr lösen.
Die Menschen wollten nicht nur einen neuen Politiker.
Sie wollten Veränderungen.
Die Proteste gingen weiter.
Am 4. November 1989 fand auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin eine der größten Demonstrationen der DDR-Geschichte statt. Schätzungen gehen von etwa einer halben Million Teilnehmern aus.
Auf der Bühne sprachen Schauspieler, Schriftsteller, Bürgerrechtler und andere Vertreter der Gesellschaft.
Viele forderten Reformen, demokratische Rechte und mehr Freiheit.
Die Demonstration zeigte:
Die Menschen hatten begonnen, öffentlich über eine andere DDR nachzudenken.
Der 9. November 1989 – Die Berliner Mauer fällt
Dann kam der Tag, der die Geschichte Deutschlands verändern sollte.
Am 9. November 1989 verkündete SED-Politiker Günter Schabowski auf einer internationalen Pressekonferenz neue Reisebestimmungen.
Auf die Frage, wann diese Regelungen gelten würden, antwortete er sinngemäß:
„Sofort, unverzüglich.“
Die Nachricht verbreitete sich innerhalb kürzester Zeit.
Fernsehsender berichteten über die neuen Reisemöglichkeiten.
Tausende Menschen machten sich auf den Weg zu den Grenzübergängen.
Die Grenzsoldaten waren auf die Menschenmassen nicht vorbereitet.
Am Grenzübergang Bornholmer Straße wurde die Grenze schließlich geöffnet.
Menschen aus Ost-Berlin strömten nach West-Berlin.
Dort wurden sie von jubelnden Menschen empfangen.
Fremde lagen sich in den Armen.
Menschen weinten vor Freude.
Andere kletterten auf die Mauer.
In dieser Nacht wurde aus einem Bauwerk, das jahrzehntelang Trennung symbolisiert hatte, ein Ort des Jubels.
Die Berliner Mauer war gefallen.
Doch die deutsche Einheit war damit noch nicht erreicht.
Sie hatte gerade erst begonnen.
Vom Mauerfall zur Forderung nach Einheit
Nach dem 9. November veränderte sich die politische Stimmung sehr schnell.
Der bisherige Ruf
„Wir sind das Volk!“
wurde zunehmend ergänzt oder ersetzt durch:
„Wir sind ein Volk!“
Damit wurde aus dem Wunsch nach einer demokratischen Veränderung innerhalb der DDR immer stärker der Wunsch nach einer Wiedervereinigung Deutschlands.
Auch in der Bundesrepublik wuchs die Hoffnung auf eine schnelle Einheit.
Bundeskanzler Helmut Kohl entwickelte einen Zehn-Punkte-Plan für den Weg zu einer möglichen deutschen Einheit.
Doch die Entwicklung musste nicht nur zwischen Ost- und Westdeutschen geklärt werden.
Deutschland war international noch immer eine besondere Frage.
Die letzten Monate der DDR
Nach dem Mauerfall konnte die DDR nicht einfach weiterexistieren wie zuvor.
Die SED verlor immer mehr ihre politische Macht.
Am 1. Dezember 1989 wurde der Führungsanspruch der SED aus der DDR-Verfassung gestrichen.
Gleichzeitig verlangten immer mehr Menschen demokratische Veränderungen.
Auch die Staatssicherheit geriet unter Druck.
Bürgerrechtler und Demonstranten wollten verhindern, dass die Stasi ihre umfangreichen Unterlagen vernichtete. In mehreren Städten wurden Dienststellen besetzt.
Damit begann ein wichtiger Teil der späteren Aufarbeitung der DDR-Diktatur.
Die Menschen wollten wissen:
Wer wurde überwacht?
Wer hatte Informationen weitergegeben?
Was war über sie gespeichert worden?
Und was sollte mit den Akten geschehen?
Im Dezember 1989 begann schließlich die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit.
Die erste freie Volkskammerwahl
Ein entscheidender Schritt folgte am 18. März 1990.
Zum ersten Mal konnten die Bürgerinnen und Bürger der DDR bei einer freien und demokratischen Volkskammerwahl ihre Vertreter wählen.
Die Wahl wurde zu einer Entscheidung über die Zukunft des Landes.
Viele Menschen stimmten für Parteien, die eine schnelle deutsche Einheit anstrebten.
Die Allianz für Deutschland wurde stärkste politische Kraft. Damit zeigte sich deutlich, dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht nur Reformen innerhalb der DDR wollte, sondern einen schnellen Weg zur Einheit.
Zum Ministerpräsidenten wurde Lothar de Maizière gewählt.
Die DDR hatte nun eine demokratisch legitimierte Regierung.
Doch ihr Staat sollte nur noch wenige Monate bestehen.
Die D-Mark kommt in die DDR
Eine wichtige Entscheidung war die Einführung einer gemeinsamen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion.
Am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark in der DDR zum Zahlungsmittel.
Für viele Menschen war dies ein historischer Moment.
Zum ersten Mal hielten sie die westdeutsche Währung in den Händen.
Für viele bedeutete die D-Mark Hoffnung auf Wohlstand und bessere wirtschaftliche Möglichkeiten.
Gleichzeitig begann damit ein tiefgreifender wirtschaftlicher Wandel.
Betriebe, die jahrzehntelang nach den Regeln der sozialistischen Planwirtschaft gearbeitet hatten, mussten sich plötzlich dem Wettbewerb einer Marktwirtschaft stellen.
Viele Unternehmen waren technisch veraltet oder wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig.
Die wirtschaftliche Vereinigung brachte deshalb nicht nur Hoffnung, sondern später auch Arbeitsplatzverluste und große Veränderungen für Millionen Menschen.
Doch zunächst überwog bei vielen die Freude über die neue Freiheit und die Aussicht auf ein gemeinsames Deutschland.
Helmut Kohl und der Weg zur Einheit
Bundeskanzler Helmut Kohl wurde zu einer der wichtigsten politischen Figuren des Einigungsprozesses.
Er setzte sich für eine schnelle deutsche Einheit ein.
Dabei musste er jedoch mehrere schwierige Fragen lösen.
Was sollte mit der DDR geschehen?
Wie sollte die wirtschaftliche Vereinigung funktionieren?
Welche Grenzen sollte das vereinte Deutschland haben?
Was würde mit den sowjetischen Truppen in Ostdeutschland passieren?
Und vor allem:
Würde die Sowjetunion einer deutschen Einheit zustimmen?
Diese Frage war besonders wichtig.
Denn die Sowjetunion verfügte weiterhin über große militärische Kräfte in Ostdeutschland.
Eine deutsche Einheit konnte deshalb nicht allein von Bonn und Ost-Berlin beschlossen werden.
Die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen
Deshalb begannen 1990 die sogenannten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen.
„Zwei“ bedeutete:
-
Bundesrepublik Deutschland
-
Deutsche Demokratische Republik
„Vier“ bedeutete:
-
USA
-
Sowjetunion
-
Großbritannien
-
Frankreich
Die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs hatten weiterhin besondere Rechte und Verantwortlichkeiten in Bezug auf Deutschland.
Nun musste geklärt werden, unter welchen Bedingungen ein vereintes Deutschland vollständig souverän werden konnte.
Die Gespräche waren schwierig.
Vor allem die Frage der zukünftigen Bündniszugehörigkeit Deutschlands war umstritten.
Sollte das vereinte Deutschland Mitglied der NATO bleiben?
Die Sowjetunion stand dieser Vorstellung zunächst skeptisch gegenüber.
Bundeskanzler Helmut Kohl reiste deshalb im Juli 1990 in die Sowjetunion und traf Michail Gorbatschow.
Die Gespräche im Kaukasus wurden zu einem entscheidenden Wendepunkt.
Gorbatschow stimmte schließlich zu, dass das vereinte Deutschland Mitglied der NATO bleiben durfte.
Damit war eine der größten internationalen Hürden auf dem Weg zur Einheit beseitigt.
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag
Am 12. September 1990 unterzeichneten die Außenminister der beiden deutschen Staaten und der vier Siegermächte in Moskau den Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland, der meist kurz Zwei-plus-Vier-Vertrag genannt wird.
Der Vertrag regelte wichtige Fragen der deutschen Einheit.
Deutschland erkannte unter anderem die bestehenden Grenzen an und verpflichtete sich zu einer Begrenzung seiner Streitkräfte. Außerdem wurde der Weg zur vollständigen deutschen Souveränität frei.
Mit dem Vertrag verzichteten die vier Siegermächte auf ihre bisherigen Rechte und Verantwortlichkeiten in Bezug auf Deutschland und Berlin.
Damit konnte das vereinte Deutschland seine volle Souveränität erhalten.
Ein besonders wichtiger Punkt war die Anerkennung der endgültigen Grenzen Deutschlands.
Damit sollte auch gegenüber den europäischen Nachbarn deutlich werden:
Das neue Deutschland würde keine Gebietsansprüche gegenüber seinen Nachbarn erheben.
Der Einigungsvertrag
Parallel zu den internationalen Verhandlungen mussten Bundesrepublik und DDR klären, wie die innere Einheit praktisch funktionieren sollte.
Dafür wurde der Einigungsvertrag ausgearbeitet.
Er wurde am 31. August 1990 unterzeichnet.
Darin wurde geregelt, wie die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten sollte, wie Behörden und Rechtssysteme übernommen werden und wie die wirtschaftliche und soziale Vereinigung erfolgen sollte.
Es war ein gewaltiges Vorhaben.
Innerhalb kürzester Zeit mussten zwei völlig unterschiedliche politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme zusammengeführt werden.
Gesetze mussten angepasst werden.
Behörden mussten neu organisiert werden.
Betriebe mussten sich verändern.
Die Währung war bereits umgestellt.
Und Millionen Menschen mussten sich an eine vollkommen neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Realität gewöhnen.
Die Einheit war deshalb nicht nur ein politischer Akt.
Sie war auch ein riesiges gesellschaftliches Experiment.
Der 3. Oktober 1990 – Deutschland ist wiedervereinigt
Am 3. Oktober 1990 trat der Einigungsvertrag in Kraft.
Damit trat die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei.
Die DDR hörte als eigenständiger Staat auf zu existieren.
Deutschland war wiedervereinigt.
In Berlin versammelten sich Hunderttausende Menschen.
Um Mitternacht wurde die deutsche Bundesflagge gehisst, die Freiheitsglocke erklang und die Menschen feierten den Beginn eines neuen Kapitels der deutschen Geschichte.
Der 3. Oktober wurde zum gesetzlichen Feiertag und ist seitdem der Tag der Deutschen Einheit.
Nach 45 Jahren staatlicher Teilung war Deutschland wieder ein gemeinsamer Staat.
Freude, Hoffnung und Unsicherheit
Für viele Menschen war der 3. Oktober ein Tag der Freude.
Familien, die jahrzehntelang getrennt gewesen waren, konnten nun ohne Grenzkontrollen zueinander reisen.
Menschen konnten frei wählen, wo sie leben wollten.
Die Mauer war verschwunden.
Die Angst vor Flucht und Überwachung gehörte für viele der Vergangenheit an.
Doch gleichzeitig begann eine schwierige Zeit.
Die wirtschaftliche Vereinigung brachte enorme Veränderungen für Ostdeutschland.
Viele Betriebe konnten im Wettbewerb nicht bestehen. Arbeitsplätze gingen verloren. Ganze Regionen mussten sich wirtschaftlich neu orientieren.
Für manche Menschen war die Einheit deshalb eine Befreiung.
Für andere wurde sie auch mit Enttäuschungen und persönlichen Verlusten verbunden.
Die politischen und wirtschaftlichen Systeme konnten schneller zusammengeführt werden als die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Menschen.
Was die Wiedervereinigung wirklich bedeutete
Die deutsche Wiedervereinigung war kein einzelnes Ereignis.
Sie war eine Kette von Ereignissen:
Friedensgebete.
Bürgerbewegungen.
Fluchtbewegungen.
Montagsdemonstrationen.
Der Zusammenbruch der SED-Herrschaft.
Der Fall der Berliner Mauer.
Die erste freie Volkskammerwahl.
Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion.
Die Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten.
Die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen.
Der Einigungsvertrag.
Und schließlich der 3. Oktober 1990.
Die Geschwindigkeit dieses Prozesses war außergewöhnlich.
Noch im Frühjahr 1989 schien die deutsche Teilung für viele Menschen kaum veränderbar.
Nur anderthalb Jahre später existierte die DDR nicht mehr.
Die Wiedervereinigung war möglich geworden, weil mehrere Entwicklungen gleichzeitig zusammenwirkten: der Mut der Menschen in der DDR, die friedlichen Proteste, die Krise des SED-Systems, die Öffnung in Osteuropa, die Reformpolitik Michail Gorbatschows und die Bereitschaft der internationalen Mächte, einer deutschen Einheit auf friedlichem Weg zuzustimmen.
Geschichte und Erinnerung
Die deutsche Wiedervereinigung wird häufig als großer Augenblick am 3. Oktober 1990 erzählt.
Doch für die Menschen, die diese Zeit erlebt haben, begann die Veränderung viel früher.
Sie begann in Kirchen, in Wohnungen und an Küchentischen.
Sie begann bei Menschen, die sich heimlich über Politik unterhielten.
Sie begann bei denen, die einen Ausreiseantrag stellten.
Sie begann bei den Friedensgebeten.
Und sie wurde sichtbar, als immer mehr Menschen den Mut fanden, gemeinsam auf die Straße zu gehen.
Die friedliche Revolution zeigte, dass politische Veränderungen nicht immer durch Gewalt entstehen müssen.
Menschen gingen mit Kerzen auf die Straße.
Sie wussten nicht, ob sie am nächsten Tag wieder frei sein würden.
Sie wussten nicht, ob Polizei oder Stasi eingreifen würden.
Und trotzdem gingen sie.
Ihre Kerzen waren keine Waffen.
Aber sie wurden zu einem Symbol dafür, dass eine Diktatur ihre Macht verliert, wenn Menschen sich nicht mehr einschüchtern lassen.
Vom geteilten Deutschland zum gemeinsamen Land
Am 9. November 1989 fiel die Mauer.
Am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland wiedervereinigt.
Dazwischen lagen nur knapp elf Monate – aber in diesen elf Monaten veränderte sich ein ganzes Land.
Menschen, die Jahrzehnte getrennt gewesen waren, konnten wieder zusammenkommen.
Grenzen verschwanden.
Ein Staat verschwand.
Ein neuer gemeinsamer Staat entstand.
Doch die Geschichte endete damit nicht.
Die Wiedervereinigung war kein Schlussstrich, sondern der Beginn eines neuen Kapitels. Ost und West mussten erst lernen, wieder gemeinsam zu leben. Unterschiedliche Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen trafen aufeinander.
Bis heute prägen diese Erfahrungen die deutsche Gesellschaft.
Doch eines bleibt besonders:
Die deutsche Einheit wurde 1990 nicht durch einen Krieg erreicht.
Sie wurde nicht mit Panzern erzwungen.
Sie wurde vor allem durch politische Verhandlungen und den friedlichen Druck der Menschen möglich.
Die Mauer fiel, weil Menschen den Mut fanden, ihre Angst zu überwinden.
Und aus diesem Mut entstand am 3. Oktober 1990 wieder ein gemeinsames Deutschland.